Montag, 20. Mai 2013

28. Februar 2012 20:42 Uhr

Bundespräsident

Gauck und Merkel finden zueinander

Joachim Gauck stellt sich bei den Fraktionen von Union, SPD, FDP und Grünen vor. Er erntet viel Zustimmung, muss jedoch auch Fragen beantworten.

Der designierte Bundespräsident Joachim Gauck stellt sich den Bundestagsfraktionen vor.
Foto: Caroline Seidel dpa

Joachim Gauck verneigt beim Handschlag kurz den Kopf vor Angela Merkel. Es folgt ein kleines Wortgeplänkel. Die Bundeskanzlerin und der Bundespräsidentenkandidat, den sie erst nicht wollte, lachen, bevor Unionsfraktionschef Volker Kauder die Glocke läutet. Die Vorstellungsrunde bei der Unionsabgeordneten ist eröffnet.

Gauck: Kein "Gefühl von Fremdheit" im Bundestag

45 Minuten erlebt Gauck am Dienstag im Bundestag bei seinem Besuch in der CDU/CSU-Fraktion ein «sehr waches Zuhören», wie er hinterher sagt. «Wir haben auch ein wenig über Wertvorstellungen gesprochen, die mich mit diesem Teil des politischen Spektrums verbinden.» Angesprochen darauf, dass die Union ihn erst strikt ablehnte und nur zur Vermeidung des Koalitionsbruchs mit der FDP billigte, sagt Gauck: «Ein Gefühl von Fremdheit ist gar nicht erst aufgekommen.» Künftig wird er mit Merkel die erste protestantische, ostdeutsche Doppelspitze in der Geschichte der Bundesrepublik bilden.

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Göppel konfrontiert Gauck mit früheren Aussagen

Der CSU-Umweltpolitiker Josef Göppel, der schon gegen längere Atomlaufzeiten stimmte und schärfere Regeln für die Finanzmärkte wollte, konfrontiert Gauck mit Aussagen, die ihm nach seiner Nominierung oft vorgehalten worden sind. Er will wissen, ob die Demonstrationen der Occupy-Bewegung gegen zügellose Finanzmärkte wirklich «albern» seien? Viele Menschen sorge es schließlich, dass die Märkte die Politik vor sich hertreiben.

Gauck ist überrascht. Es wundere ihn, dass er in dieser Fraktion diese Frage höre. Das hätte er wohl eher schräg gegenüber bei der Linksfraktion erwartet. Gauck habe berichtet, er kenne auch Banker, die ehrbare Kaufleute seien, heißt es hinterher. Seine Aussage habe sich auf einen Slogan «Besetzt die EZB» (Europäische Zentralbank) bezogen. Gauck sagt zudem, bei dem Protest gebe es eine gewisse Beliebigkeit der Zielvorstellungen - mit dieser Kritik steht der Präsident in spe nicht alleine.

Gauck betont die Freiheit der Wirtschaft, er weiß aber auch, dass von ihm hierzu wegweisende Aussagen erwartet werden, nachdem der zurückgetretene Christian Wulff zur Macht der Märkte wenig gesagt hat. Nur wenige Meter sind es von der Unions- zur SPD-Fraktion. Dort wird Gauck mit langem Beifall begrüßt. Er ist bewegt von dem warmen Empfang, Abgeordnete machen mit dem Handy Fotos von ihm. Quer durch die Fraktionen freut man sich auf den Querdenker.

Steinmeier: Gauck ist ein "Lehrer der Demokratie"

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier bezeichnet Gauck als «Lehrer der Demokratie», der nicht nur eine Lebensgeschichte aus den Aufbruchzeiten zum Ende der DDR habe. «Wir stehen zu diesem Kandidaten, vor zwei Jahren genauso wie heute.»

Die Linke will Gauck nach seinen Stippvisiten bei Union, SPD, Grünen und FDP in der kommenden Woche auch noch besuchen, um möglichst einige der Vorbehalte gegen ihn auszuräumen. Parteichefin Gesine Lötzsch sieht ihn als einen «Kandidaten der kalten Herzen», der nichts zu sagen habe zum Thema soziale Gerechtigkeit. Dem einstigen Stasi-Gegner stellt die Linke in der Bundesversammlung daher die frühere Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld entgegen.

Gauck landet Besteller mit "Freiheit. Ein Plädoyer" und seiner Autobiografie

Hier, ganz oben im Bundestag kann Gauck am Dienstag durch die verglaste Kuppel schon mal den Platz sehen, wo er unten im Plenum in knapp drei Wochen seinen Amtseid leisten soll. Es gibt kaum einen Zweifel, dass er hier am 18. März folgenden Satz sprechen wird: «Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.»

Die Kür zum (Fast)-All-Parteien-Kandidaten hat für Gauck auch einen netten Nebeneffekt. Sein vor einer Woche erschienenes Werk «Freiheit. Ein Plädoyer» schaffte es laut media-control aus dem Stand an die Spitze der Sachbuch-Charts. Beim Internethändler Amazon liegt das Buch auf Platz 6. Auch seine Autobiografie «Winter im Sommer - Frühling im Herbst: Erinnerungen» liegt bei den meisten Händlern unter den zehn bestverkauften Titeln. dpa

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