Donnerstag, 30. März 2017

09. September 2013 13:04 Uhr

Porträt

Gerda Hasselfeldt: Die Angela Merkel der CSU

Gerda Hasselfeldt hat viel mit der Kanzlerin gemeinsam. Die Spitzenkandidatin versteht Politik als die Kunst des Möglichen. Laut wird sie selbst im Wahlkampf nur bei einem Thema.

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Einflussreich: Als Chefin der CSU-Landesgruppe im Bundestag hat Gerda Hasselfeldt viel Gewicht in der Koalition.
Foto: Frank Leonhardt, dpa

Also, das mit den Hausaufgaben – das ist schon ein Ding. „Meine Eltern“, sagt Gerda Hasselfeldt etwas schärfer als es sonst ihre Art ist, „waren auch keine Akademiker.“ Auf die Idee, Schülern das Büffeln zu ersparen, käme die mächtigste Frau der CSU allerdings nie.

Anders als SPD-Chef Sigmar Gabriel, für den die Ungerechtigkeit in der Welt mit den Hausaufgaben beginnt, weil eine Mutter mit Abitur ihrem Sohn vielleicht besser helfen kann als die Verkäuferin aus dem Supermarkt nebenan, vertraut sie auf den Ehrgeiz jedes Einzelnen.

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Sechs Kinder waren sie bei den Rainers in Haibach im Bayerischen Wald, wo ihre Familie ein Gasthaus und eine Metzgerei betrieb. Vater Alois saß für die Gemeinde 18 Jahre im Bundestag. Für Tochter Gerda aber ist ein Satz ihrer Mutter Ansporn genug: Wenn es mit dem Gymnasium nicht klappe, pflegte die gerne zu ihr zu sagen, sei das auch kein Problem. „Wir haben zu Hause genug Arbeit.“

Hasselfeldt tritt als Spitzenkandidatin für die CSU für die Bundestagswahl an

Wolnzach, Deutsches Hopfenmuseum. Die Spitzenkandidatin der CSU für die Bundestagswahl ist mit ihrer Rede schon fast durch, als sie noch kurz auf das Tempolimit, Renate Künasts vegetarischen Pflichttag und andere Beispiele rot-grüner „Bevormundungspolitik“ zu sprechen kommt. Und wie immer, wenn jemand nicht nur abstrakt von der großen Politik, sondern von sich selbst erzählt, steigt die Aufmerksamkeitskurve plötzlich rapide an. Dem einen oder anderen Zuhörer hier, in der Hallertau, wird es ähnlich ergangen sein – und so ist die Passage mit den Hausaufgaben die, für die Gerda Hasselfeldt in Wolnzach den kräftigsten Beifall erhält. Gelegentlich ist das Private eben auch bei Konservativen politisch.

Zwei Stunden zuvor, in München, ist das nicht anders. Da steht die Wahlkämpferin Hasselfeldt vor dem Wirtschaftsrat der Union und erinnert an die fünf Millionen Arbeitslosen, die Angela Merkel 2005 quasi mit übernommen habe. Mittlerweile sind es weniger als drei Millionen, die Opposition aber rede das Land immer noch schlecht, empört sich die gelernte Volkswirtin. „Ich weiß, wovon ich rede“, versichert sie, schließlich hat sie nach dem Studium beim Arbeitsamt gearbeitet.

Damals seien die Arbeitslosenquoten in Haibach und den Dörfern ringsum im Winter auf mehr als 40 Prozent geklettert, erzählt sie. Und heute? Heute boome auch Niederbayern, das lange so etwas war wie das Armenhaus des Freistaats. „Den Menschen in Deutschland geht es gut“, sagt Hasselfeldt. „Und denen in Bayern geht es noch besser.“

Ihr Wahlkampf ist unaufgeregt, sachlich und zurückhaltend

Es ist ein Wahlkampf der zurückhaltenden Art, den sie führt – unaufgeregt, sachlich, ohne jede Häme. Ihre Reden klingen nicht so krachledern wie die der CSU-Männer, und auch sonst unterscheidet sich ihr Stil sehr von dem eines, sagen wir, Horst Seehofers. Wo der Parteichef provoziert, versucht die 63-Jährige es auf die ausgleichende Art.

Nicht von ungefähr versteht sie sich bestens mit Angela Merkel. Beide wurden von den Männern unterschätzt, beide begreifen Politik nicht als permanentes Produzieren von Schlagzeilen, sondern als Kunst des Möglichen, bei der sich am Ende Beharrlichkeit auszahlt, nicht Lautstärke. Lauter wird die Kandidatin nur, wenn es um die Steuererhöhungen geht, die SPD und Grüne planen, die aber nur einige wenige treffen sollen.

 „Wie kann man nur so dreist die Unwahrheit sagen“, erregt sie sich dann. All die Paare, die nicht mehr vom Ehegattensplitting profitieren würden? „Sind das nur einige wenige?“ Die Sparer, die eine höhere Abgeltungssteuer zahlen müssten? „Sind das nur einige wenige?“ Die Leistungsträger, die schon jetzt den Großteil der Einkommenssteuer bezahlten? „Sind das nur einige wenige?“ Soll nur niemand glauben, Union und SPD verbinde mehr als sie trenne. „Es ist nicht egal“, sagt Hasselfeldt, „wer regiert.“

Anfangs galt sie als Notlösung, nun hat sie Freude an ihrem Amt

Anfangs, nach dem Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg, haben viele in ihrer Partei sie für eine Art Notlösung gehalten. Weil Hans-Peter Friedrich für Guttenbergs Nachfolger Thomas de Maizière das Innenministerium übernehmen musste und ein paar CSU-Männer sich nicht einigen konnten, wer ihm an der Spitze der Landesgruppe folgen sollte, brachte Seehofer die frühere Bau- und Gesundheitsministerin Hasselfeldt ins Spiel, die sich bis dahin als Vizepräsidentin des Bundestages mehr ums Repräsentieren gekümmert hatte als ums Regieren.

Der einflussreiche Posten als Statthalterin der CSU in Berlin „war nicht das, was ich angestrebt habe“, räumte sie später ein. Nun aber, da sie Gefallen an ihm gefunden hat, will sie ihr Amt auch behalten. Die Unterstützung ihrer Familie ist ihr dabei gewiss: Ihr kleiner Bruder Alois bewirbt sich in Straubing um ein sicheres Direktmandat.

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Ein Artikel von
Rudi Wais

Augsburger Allgemeine
Ressort: Chef vom Dienst


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