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15. September 2009 10:27 Uhr

Bundestagswahl 2009

Gülcans Stimme, Wladimirs Kreuz: Entscheiden Neubürger die Wahl?

Eine Gruppe wird für die Bundestagswahl immer wichtiger: Menschen mit Migrationshintergrund. Ein Wahlforscher berichtet, zu welcher Partei türkisch- und russischstämmige Bürger tendieren. Von Michael Kerler

Migranten in Deutschland. Viele haben mittlerweile einen deutschen Pass und dürfen wählen gehen. Für die Politik werden sie damit immer wichtiger.
Foto: dpa

Augsburg. Die türkischstämmige Viva-Moderatorin Gülcan Kamps hätte sicherlich selbst das Zeug zur Politikerin. Redefreudig ist sie jedenfalls. Wen sie wählt, ist zwar unbekannt, es könnte aber Frank-Walter Steinmeier sein. Bei dem ungarisch-stämmigen Musikproduzenten und Ex-Dschingis-Khan-Sänger Leslie Mandoki ist es dagegen fast sicher: Er hat eine Wahlkampfhymne für Angela Merkel komponiert.

Gülcan Kamps und Leslie Mandoki haben eines gemeinsam: Sie gehören zur Gruppe der 5,6 Millionen Neubürger mit ausländischen Wurzeln, die bei der Bundestagwahl ihre Stimme abgeben können. Diese stellen damit knapp neun Prozent aller Wahlberechtigten dar, wie der Bundeswahlleiter ermittelt hat. Dazu gehören 2,6 Millionen Spätaussiedler und 2,1 Millionen eingebürgerte Zuwanderer. Dazu zählen aber auch über 560.000 junge Deutsche, bei denen Vater oder Mutter noch aus dem Ausland stammen, die aber hier geboren sind.

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Die Gruppe der Neubürger wird damit für die Politik immer wichtiger. Auch, wenn die Zahlen nicht unumstritten sind. Wahlforscher Dr. Andreas Wüst von der Universität Mannheim setzt sie etwas niedriger an. "Sicher ist aber, dass über vier Millionen Neubürger wahlberechtigt sind."

Bei den vergangenen Bundestagwahlen hatten die Neubürger dabei klare Favoriten: Türkischstämmige Zuwanderer und ihre Nachkommen wählten SPD, Leute mit russlanddeutschem Hintergrund die Union. Die kleinen Parteien spielten kaum eine Rolle.

Jetzt gerät dieses Muster in Bewegung. "Das Wahlverhalten beginnt, sich etwas aufzuweichen", sagt Wahlforscher Andreas Wüst. Ein Grund dafür sei, dass in den Einwandererfamilien mittlerweile bereits die dritte Generation erwachsen wird.

"Es gibt Anzeichen, dass Türkischstämmige häufiger die Grünen wählen. Und es ist zumindest plausibel, dass auch die Linkspartei hinzugewinnt", stellt Andreas Wüst fest. Damit hätten die kleineren Parteien unter den Neubürgern größere Chancen. "Gleichzeitig deutet sich an, dass die Spätaussiedler nicht mehr in der Klarheit wie früher die Union wählen."

Insgesamt könnten die Veränderungen eher der SPD, den Grünen und der Linken zugute kommen, meint Wahlforscher Andreas Wüst. "Es gibt einen leichten Trend in Richtung linke Parteien. Auch, weil der Anteil der Spätaussiedler an den Einwanderern sinkt und statt dessen andere Gruppen dazukommen."

Um die Stimmen der Neubürger ist in der Politik inzwischen ein wahrnehmbarer Konkurrenzkampf entbrannt. Die Grünen beispielsweise schicken mit Cem Özdemir oder Ekin Deligöz (Wahlkreis Neu-Ulm) türkischstämmige Kandidaten ins Rennen, die SPD mit Lale Akgün. Gleichzeitig hat der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD) eine klare Wahlempfehlung abgegeben: Türkischstämmige Wähler sollen auch türkischstämmigen Kandidaten die Stimme geben.

Wahlforscher Andreas Wüst ist überzeugt, dass derartige Wahlempfehlungen auf fruchtbaren Boden fallen können: "Untersuchungen aus Skandinavien zeigen, dass Migranten häufiger Kandidaten unterstützen, die einen ähnlichen Migrationshintergrund haben."

Um die türkischstämmigen Wähler zu informieren, hat die Bundeszentrale für politische Bildung die Broschüre "Du hast die Wahl - Secim Senin" in türkischer Sprache herausgegeben.

Themen wie dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr misst der Wahlforscher eine eher geringe Bedeutung für die Wahlentscheidung zu. "Die Agenda der Neubürger ähnelt denen der anderen Wähler: Es geht um langfristige Themen. Die Leute interessiert, bei welcher Partei die Glaubwürdigkeit höher ist, dass sie ihre Interessen vertritt", sagt Andreas Wüst. (Michael Kerler)

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