Sonntag, 25. Februar 2018

03. Februar 2018 08:25 Uhr

Interview

Historiker: "Der deutsche Staat macht sich immer öfter lächerlich"

Der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn erklärt, warum er sich um Deutschland Sorgen macht und warum Juden bei uns von Muslimen bedroht werden.

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Hält den Antisemitismus von Muslimen für eine wachsende Gefahr: Der Historiker Michael Wolffsohn.
Foto: Ulrich Wagner

Vielstimmig sind die Klagen darüber, dass es einen neuen Antisemitismus in Deutschland gibt. Wie ist Ihre Wahrnehmung, Herr Professor Wolffsohn?

Michael Wolffsohn: Das ist so. Es gibt den Antisemitismus der traditionellen Rechtsextremen. Es gibt den Antisemitismus bei der radikalen Linken. Aber es ist unbestreitbar, dass Gewalt gegen Juden durch zumeist junge Muslime zugenommen hat – quantitativ und qualitativ. Das ist nicht verwunderlich, denn es hat einen demografischen Hintergrund. Je mehr Muslime kommen, desto mehr Übergriffe gibt es. Ich hege keinen Generalverdacht gegen Muslime, aber das sind die Fakten.

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Welche Ursachen hat die Aggression vieler Muslime gegen Juden?

Wolffsohn: In Deutschland wird immer wieder politisch korrekt behauptet, dass die Ursache dafür einzig und allein in der arabisch-islamischen Feindschaft zu Israel zu suchen ist. Das stimmt aber nicht. Der Antisemitismus in der arabischen Welt ist viel älter. In der Sure 2 des Korans werden Juden als „ausgestoßene Affen“ verflucht. Für das nationalsozialistische Deutschland gab es im Iran, in Ägypten und in anderen arabischen Staaten große Sympathien. Nach dem Krieg fanden viele Nazis in Syrien oder Ägypten Unterschlupf. Ein weiterer Grund für den aggressiver werdenden Antisemitismus ist die religiöse Radikalisierung des Islams. Und dann, das ist auch wahr, schwappt der Nahost-Konflikt nach Europa und Deutschland.

Was muss passieren, damit nicht noch mehr Muslime in Deutschland – also auch die Flüchtlinge – in dieses Fahrwasser geraten? Hilft ein Antisemitismus-Beauftragter?

Wolffsohn: Das ist lächerlich, eine reine Alibiveranstaltung. Wir brauchen keinen Beauftragten. Bildung ist gut und wichtig, aber kein Allheilmittel. Denken Sie daran, dass die ersten, die in großer Zahl mit fliegenden Fahnen zu den Nazis übergelaufen sind, die deutschen Hochschullehrer waren. Wir brauchen Prävention und die konsequente Anwendung des Rechts. Das gilt natürlich nicht nur für Übergriffe gegen Juden, sondern allgemein. Wir hoffen auf die Einsicht, auf Menschlichkeit. Doch wenn Straftaten begangen werden, ja bereits wenn Kinder – egal ob jüdisch, christlich oder buddhistisch – in der Schule gemobbt oder verprügelt werden, muss das konsequent geahndet werden. Doch genau das passiert in Deutschland oft nicht. Und zwar in vielen Bereichen.

Nennen Sie Beispiele.

Wolffsohn: Das staatliche Versagen zu Beginn der Flüchtlingskrise 2015. Wir Juden wissen, dass Menschen in Not geholfen werden muss. In Zeiten des Holocaust war es für uns überlebenswichtig, dass einige Staaten ihre Tore geöffnet haben. Was mich sprachlos macht ist aber, dass man 2015 noch nicht einmal versucht hat, in ordentlichen Auffanglagern herauszufinden, wer da kommt. Das ist völlig inakzeptabel. Aber leider symptomatisch.

Inwiefern?

Wolffsohn: Es steht für einen Verlust der politischen Fähigkeiten in Deutschland. Wir sind nicht mehr in der Lage, Großprojekte umzusetzen, die Autoindustrie zerlegt sich gerade selber, die Energiewende wird dilettantisch angegangen. Der Staat macht sich immer öfter lächerlich. Und das erzeugt eine große Angst in der Bevölkerung. Die AfD thematisiert das geschickt, obgleich sie weder die Ideen und schon gar nicht das Personal hat, um es besser zu machen.

Es geht Deutschland doch gar nicht schlecht.

Wolffsohn: Das liegt aber eher daran, dass es die anderen noch schlechter machen.

Sie kritisieren auch die deutsche Außenpolitik scharf. Die Beziehungen mit Israel sind schlecht, wie lange nicht mehr. Was sind die Gründe?

Wolffsohn: Die Distanz ist tatsächlich noch größer geworden. Viele vergessen aber, dass das Verhältnis schon unter den sozialdemokratischen Kanzlern Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder miserabel war und dann erst unter Merkel besser wurde. Die Krux ist, dass sich die beiden Länder gar nicht verstehen können. Was hat Deutschland aus dem Holocaust und dem verlorenen Krieg gelernt? Nie wieder Krieg, nie wieder Täter sein. Israel hat gelernt: nie wieder Opfer sein. Israel ist viel eher bereit, präventiv Gewalt anzuwenden.

Sie haben zuletzt insbesondere Außenminister Sigmar Gabriel kritisiert.

Wolffsohn: Dass Gabriel einen Kuschelkurs gegenüber dem Iran, der die ganze Region bedroht, fährt und gleichzeitig immer wieder vor den bösen Saudis warnt, ist nicht nur aus israelischer Sicht katastrophal.

Der frühere Botschafter Israels in Berlin, Avi Primor, hat 2015 in einem Interview mit unserer Zeitung gewarnt, dass jüdische Siedlungen im Westjordanland Israels Zukunft gefährden würden. Er plädiert für die Zwei-Staaten-Lösung. Hat er nicht recht?

Wolffsohn: Ich bin mit Avi Primor befreundet, aber in diesem Punkt hat er nicht recht. Seit fast 70 Jahren wird auf das Völkerrecht gepocht und Israel belehrt. Seit 70 Jahren erleiden wir damit Schiffbruch, dass wir die Fakten nicht anerkennen: Wir haben 1,2 Millionen Palästinenser in Israel und die werden dort auch bleiben. Es gibt 600.000 jüdische Siedler im Westjordanland, auch sie werden dort bleiben.

Und was soll Ihrer Ansicht geschehen?

Wolffsohn: Föderalismus ist die einzige Antwort. Wir denken viel zu sehr in Staatengrenzen und Territorien. Ich bin für eine Föderation Jordanien-Palästina. Sie sollte bestehen aus Jordanien, das seine Armee behalten darf, Gaza und dem Westjordanland. Die Juden in diesem Gebiet behalten ihren israelischen Pass und bekommen Sicherheitsgarantien.

Und die Hauptstadt dieser Föderation wird Ostjerusalem?

Wolffsohn: Warum nicht? Ja.

Was wird aus Israel?

Wolffsohn: Israel besteht in seinen Grenzen weiter. Die Palästinenser behalten ihren israelischen Pass, bekommen aber mehr Autonomie innerhalb des Staates.

Die USA wollen Ihre Botschaft nach Jerusalem verlegen. Sollte Deutschland das auch tun?

Wolffsohn: Auf jeden Fall, die Botschaften können in den Westen Jerusalems ziehen. Das würde Realitäten anerkennen und eine neue Dynamik in dem Konflikt entfachen.

Zur Person: Prof. Michael Wolffsohn, 70, ist deutsch-jüdischer Historiker und Publizist. Er wurde 1947 in Tel Aviv geboren und ist Experte für internationale Politik. Bis 2012 war der jetzt 70-jährige Professor an der Universität der Bundeswehr München. Er lebt in München. Sein Buch „Wem gehört das Heilige Land?“ gilt als Standardwerk für den Nahost-Konflikt. Die bewegende Geschichte seiner Familie beschreibt er in „Deutschjüdische Glückskinder. Eine Weltgeschichte meiner Familie.“

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Ein Artikel von
Simon Kaminski

Augsburger Allgemeine
Ressort: Politik



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