Freitag, 23. Februar 2018

13. Februar 2018 14:21 Uhr

Allein im Abwärtssog

Immer mehr Einsame von Armut bedroht

Deutschland ist ein Land der Singles. Und Millionen von ihnen stehen finanziell unter Druck. Selbst eine Beschäftigung reicht vielen nicht für ein auskömmliches Leben.

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«Armut!» steht am Potsdamer Platz in Berlin an einer Wand. Jeder dritte Alleinstehende ist von Armut bedroht.
Foto: Jens Kalaene (dpa)

Immer mehr Menschen in Deutschland leben allein - und deutlich mehr Alleinstehende als früher sind von Armut bedroht. Alleinstehende und -erziehende sind auch besonders häufig überschuldet.

Zugleich rückt Einsamkeit als gesellschaftliches Problem zunehmend in den Fokus: Denn einsame Menschen haben laut Studien ein höheres Risiko, krank zu werden und früher zu sterben.

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Von Armut bedroht ist fast jeder dritte Alleinstehende in Deutschland. Nach den jüngsten Zahlen des europäischen Statistikamts Eurostat waren dies 2016 32,9 Prozent der Alleinstehenden. Zehn Jahre zuvor waren lediglich 21,5 Prozent aller Alleinstehenden armutsgefährdet. Seit 2011 lag der Anteil der Armutsgefährdeten bei über 30 Prozent. Die Armutsgefährdungsgrenze lag in Deutschland im Jahr 2016 bei 1063,75 Euro pro Monat, das entspricht 60 Prozent des mittleren Einkommens. Auf die aktuellen Eurostat-Zahlen machte die Linke im Bundestag aufmerksam.

Dabei nahm die Zahl der Alleinstehenden insgesamt deutlich zu: auf 16,43 Millionen alleinstehende Erwachsene ohne Kinder 2016 - mehr als zwei von fünf Haushalten sind mittlerweile Alleinstehenden-Haushalte. Erst 2015 überschritt ihre Zahl die 16-Millionen-Schwelle, 1991 waren es erst rund 11 Millionen. Die Zahl der Alleinerziehenden stieg binnen 20 Jahren zudem um mehr als 300 000 auf über 1,6 Millionen.

Der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, sagte der Deutschen Presse-Agentur in Berlin, die Betroffenen hätten es sich häufig nicht selbst ausgesucht, alleinstehend zu sein. «Das verpflichtet die Gemeinschaft, diesen Menschen strukturell zu helfen.» Wie weit reicht die Verantwortung der Politik?

In Großbritannien wurde kürzlich sogar ein Regierungsposten gegen Einsamkeit eingerichtet - was international aufmerksam registriert wurde. Denn dass die Rolle der Großfamilie schwindet und immer mehr als Single leben, ist bekannt. Immer mehr dringt nun auch ins Bewusstsein, dass Einsamkeit krank machen kann.

Der Untersuchungsbericht einer Einsamkeits-Kommission, die dem Regierungsposten in Großbritannien vorausging, kam zu dem klaren Schluss: Einsamkeit ist genauso gesundheitsschädigend wie täglich 15 Zigaretten. Für Deutschland hatte bereits SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in der «Bild»-Zeitung vorgeschlagen, für den Kampf gegen die Einsamkeit einen Koordinator im Gesundheitsministerium zu etablieren.

Bei den Alleinlebenden ohne Kinder geraten überwiegend Männer in finanzielle Schwierigkeiten. Das zeigt auch der Überschuldungsreport 2017 des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen. Demnach sind von den Überschuldeten 36,2 Prozent alleinlebende Männer, 24 Prozent alleinlebende Frauen, 23,9 Prozent Paare und 15,2 Prozent Alleinerziehende. Die Alleinerziehenden kommen dabei über zweieinhalb Mal so häufig unter Überschuldeten wie in der Gesamtbevölkerung vor.

Dass Alleinerziehende besonders gefährdet sind, führt Studienautor Dirk Ulbricht auf schlechtere Bedingungen für sie etwa auf dem Jobmarkt zurück. Bei Alleinlebenden sei insgesamt ausschlaggebend, dass sie finanzielle Schwankungen nicht so gut ausgleichen könnten wie Paare. Besonders riskant ist die Lage bei alleinstehenden Selbstständigen ohne festes Monatsgehalt, wie Ulbricht der dpa sagte.

Diakonie-Präsident Lilie spricht von einer Abwärtsspirale bei vielen Alleinerziehenden. «Viele müssen quasi rund um die Uhr arbeiten und sich um die Kinder kümmern», sagte Lilie. «Soziales Leben findet dann kaum noch statt.» Eine soziale Notlage gehe so oft mit Vereinsamung einher. Fast neun von zehn Alleinerziehenden sind Frauen.

Lilie begrüßte, dass sich Union und SPD im Entwurf ihres Koalitionsvertrags zum Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse in ganz Deutschland bekannt hätten. «Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.» So seien Kitas heute in vielen Städten mit angespannter Haushaltslage nicht beitragsfrei, während wohlhabende Kommunen beitragsfreie Kitas anböten. Die Politik sei gefordert, beitragsfreie Kitas zu schaffen und Ganztagsbetreuung auch für Schüler auszubauen.

Die Finanzprobleme dieser Gruppen gehen oft mit Niedriglöhnen einher. Alleinstehende mit Beschäftigung waren laut Eurostat zu 17 Prozent armutsgefährdet - trotz Job. Hier setzt die Linken-Abgeordnete Sabine Zimmermann an. Deutschland habe einen ausgeprägten Niedriglohnsektor, sagte sie der dpa. «Eine neue Bundesregierung muss hier einen Schwerpunkt setzen.» Sie forderte einen höheren Mindestlohn und das Aus von Leiharbeit und sachgrundlosen Befristungen.

EU-weit sind übrigens nur 32,5 Prozent der privaten Haushalte Alleinstehenden-Haushalte. Auch der Anteil der Armutsgefährdung liegt bei ihnen EU-weit unter dem deutschen Wert, nämlich bei 25,6 Prozent.

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