Uschi Fritz, 46 Jahre, Mutter von Marlena und Emil
„Ich will keine Ratschläge geben. Ich kann nicht sagen, was richtig ist und was falsch. Ich kann nur erzählen, warum ich glaube, dass Kinder besser in einer Kita aufgehoben sind als bei ihrer Mutter. Und ich kann sagen, wieso ich das Betreuungsgeld für eine unsinnige Maßnahme halte.
Ich bin relativ spät Mutter geworden. Mit 35. Vielleicht erklärt das etwas. Jedenfalls ist es so, dass ich Zeit hatte nachzudenken, wie ich leben will. Ich habe Architektur studiert, ich war umgeben von Kommilitoninnen, die alle wie ich leidenschaftlich dabei waren. Dann bekamen sie Kinder. Und dann rutschten sie hinein in ein Mutter-Dasein. Das Problem war nur, dass diese Frauen das Mutterbild nicht lebten. Sie hatten ihr altes Leben für das Kind aufgegeben, aber das machte sie nicht glücklich. Das allerdings hatte ich bereits bei meiner Mutter gesehen.
Die gestaltet, die dekoriert gerne. Wie ich. Aber als sie Mutter wurde, hat sie ihre Arbeit hintenangestellt. Ich bin behütet aufgewachsen, mit Fürsorge und gebackenem Kuchen. Verstehen Sie mich richtig, das war schön. Es ist nur so, dass ich als Teenager, mit 13, 14, gefühlt habe, dass meiner Mutter was fehlt. Dass sie für uns auf ganz schön viel verzichtet. Das wollte ich anders haben.
Als Marlena kam, hatte ich mich gerade selbstständig gemacht. Torsten hatte zwar einen festen Job, doch auch er wollte sich selbstständig machen. Kein optimaler Zeitpunkt für ein Kind eigentlich. Aber es gibt ja niemals einen optimalen Zeitpunkt. Heute bin ich glücklich, dass mir das passiert ist, mit den Kindern.
Damals haben wir uns hingesetzt und eine Frage gestellt: Wie wollen wir leben? Eine ganz einfache Frage. Aber eine unglaublich wichtige. Ich habe das Gefühl, nur wenige Menschen stellen sich diese Frage. Und noch weniger beantworten sie.
Ich wollte weiter arbeiten und nicht nur Ganztagsmutter sein
Wir haben sie beantwortet. Und es war so, dass die Antwort des einen gut mit der Antwort des anderen zusammenpasste. Das ist nicht selbstverständlich. Das ist großes Glück.
Torsten und ich, wir hatten von Anfang an eine emanzipierte Beziehung miteinander geführt, und wir wollten auch nach der Geburt unserer Tochter eine emanzipierte Beziehung führen. Auf gar keinen Fall wollten wir einen Rückfall in Rollenmuster der 50er. Also: keine Aufteilung der Zuständigkeiten. Keinen Alleinernährer, keine Alleinerzieherin. Ich wollte weiter arbeiten und nicht nur Ganztagsmutter sein. Und Torsten wollte seinem Beruf nachgehen, ohne dabei ein ,Abend-Vater‘ zu werden. So einfach war das.
So einfach war es dann nicht. Vor zehn Jahren, als Marlena geboren wurde, waren Kita-Plätze rar, überall. In Landsberg gab es gar keine.
Wie wir uns geholfen haben? Mit einer Tagesmutter, mit der Bereitschaft der Großeltern, mit dem Einsatz der Schwester. Ohne deren Hilfe wäre es nicht gegangen. Torsten arbeitete Teilzeit, zwei Tage kümmerte er sich um Marlena. Ich habe gleich angefangen zu arbeiten.
Und nein, ich habe es nie bereut. Und nein, ich habe mich nie als Rabenmutter gefühlt. Nur in Deutschland müssen sich Frauen, die bald nach der Geburt ihres Kindes wieder mit der Arbeit beginnen, als Rabenmütter beschimpfen lassen. In Frankreich ist das undenkbar. Und in Schweden sind in jeder zweiten Familie beide Elternteile Vollzeit tätig. Da allerdings gibt es genug Kita-Plätze. Und die helfen nicht nur den Müttern, die arbeiten wollen.
So ein Kita-Platz ist für die Kinder eine Chance für eine tolle Entwicklung: im Sprachlichem wie im Sozialen. Nein, ich sage nicht, dass Kinder nicht auch bei ihrer Mutter glücklich werden können. Aber inzwischen weiß man, dass Kinder für ihre Entwicklung vor allem ein Kinderumfeld brauchen, sie lernen am besten von Gleichaltrigen. Ich sehe es an Marlena und an Emil, der jetzt sechs ist: Beiden hat der frühe Kontakt zu Gleichaltrigen gut getan.
Und mir hat es ebenso gutgetan, weiter zu arbeiten. Und damit meine ich jetzt gar nicht nur die Tatsache, dass ich mein eigenes Geld verdiene, dass ich abgesichert bin, dass ich im Falle einer Trennung nicht ins Bodenlose stürze: Ich meine damit, dass es mir, dass es unserer Beziehung und dass es unseren Kindern gutgetan hat, dass sie nicht nur ihre Mutter, sondern auch einen präsenten Vater und andere innige Bezugspersonen um sich haben.
Und das Betreuungsgeld? Ach, leider ist das Betreuungsgeld kein harmloses Geldgeschenk. Leider gibt es gerade solchen Familien den Anreiz, ihr Kind nicht in eine Kita zu stecken, deren Nachwuchs dort viel besser gefördert wäre. Und weil das so ist, bin ich dafür, die Mittel, die für das Betreuungsgeld bereitgestellt werden, für den weiteren Ausbau von Kinderkrippen zu investieren. Von denen gibt es viel zu wenige, vor allem in den Metropolen.
Fehlende Kitas schränken die Wahlfreiheit von jungen Familien ein. Nicht ein fehlendes Betreuungsgeld.“
Aufgezeichnet von Jan Chaberny
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