Von Rainer Bonhorst
Politik ist auch Geschmackssache. Wir Deutschen glauben, einen etwas feineren, seriöseren Politikgeschmack zu haben als die Amerikaner. Deren Politikstil siedeln wir irgendwo zwischen Hollywood und Broadway an.
Barack Obama, der Mann, den 80 Prozent der Deutschen wählen würden, wenn sie dürften, sprengt dieses Schema. Bisher lebte die deutsche Obamania aus zweiter Hand. Jetzt hatte Obama seinen Auftritt in Berlin, und der Wunsch, ihn wählen zu dürfen, wird wohl noch gewachsen sein.
Das Publikum erlebte einen amerikanischen Charismatiker der ersten Güteklasse. Einen Mann von großem Ernst und einen Mann der großen Worte. Er sprach die ganze Fülle der Menschheitsprobleme an und sprach von nichts Geringerem als der Rettung der Welt: politisch, sozial, ökologisch, ja sogar medizinisch. Und er beschrieb das alles als gewaltiges Gemeinschaftswerk. Er reichte rednerisch allen Menschen und Kulturen die Hand, in Freundschaft, aber auch fordernd.
Einen so großen Bogen schlägt kaum ein deutscher Politiker. (Am ehesten noch traute sich Joschka Fischer, unser grüner Obama im Ruhestand.) Unsere Politik kennt kaum solche Stars in der politischen Manege. Unser System der dominierenden Parteien und der mühsamen Koalitionen bringt nicht die Charaktere hervor, wie sie das amerikanische System auf die Bühne hebt. Wer ins Weiße Haus will, muss seine wichtigsten Bewährungsproben vor großem Publikum bestehen. Das prägt. Aber selbst auf amerikanischem Boden wächst die Obama-Mischung aus grandioser Ernsthaftigkeit und purer Star-Qualität nicht alle Tage.
In Berlin schwärmt man immer noch von Kennedy. Die Stadt fordert den Vergleich heraus. Wie fällt er aus? Nicht schlecht. Obama vermied klug, in der Kennedy-Tradition ebenfalls als "Berliner" aufzutreten. Er kam als Weltbürger und machte seine Berliner Zuhörer zu Weltbürgern der Extra-Klasse, zu Vorbildern der Hoffnung und der Standhaftigkeit im Ringen um eine bessere Welt. Das hatte Kennedy-Format, auch ohne den griffigen, im Gedächtnis haftenden Sinnspruch.
Ronald Reagan, ebenfalls ein großer Menschenfänger, hat seinerzeit dicker aufgetragen, als er rief: "Mr. Gorbatschow, reiß diese Mauer nieder!" Er wurde dafür belächelt. Barack Obama hingegen ergriff die zweihunderttausend Zuhörer, indem er von vielen Mauern sprach, die die Menschen trennen und die es einzureißen gelte.
Show-Geschäft? Gewiss. Aber eine wirklich gute Show ist nicht platt. Sie hat Tiefe und Faszination. Wer Obama zuhörte, erfuhr viel über die innere Stärke Amerikas. Dieser Mann ist mindestens so amerikanisch wie George Bush. Die Berliner haben keinen Berliner erlebt, sondern einen Amerikaner.
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