Selbst wenn beim Kundus-Untersuchungsausschuss Ungereimtes ans Licht kommt - Verteidigungsminister Guttenberg wird damit nicht aus dem Amt zu kegeln sein, meint Winfried Züfle.

"Wer diese Diskussion führt, erledigt das Geschäft der Taliban." Dieser Satz, ausgesprochen von Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung wenige Tage nach dem von der Bundeswehr befohlenen verheerenden Luftangriff bei Kundus, wirkt wie eine Stimme aus ferner Vergangenheit.
Die Diskussion über die Bundeswehr in Afghanistan, die Jung unterbinden wollte, hat stattgefunden. Sie führte zu einem neuen Konsens: Nächstes Jahr muss der Abzug beginnen, in vier, fünf Jahren muss er beendet sein. Viele sagen: besser noch früher.
Kundus, genauer: Das Erschrecken über die grausame Realität des Krieges hat die Stimmung in der Bundesrepublik gedreht. Bis zu 142 Menschen waren am fernen Hindukusch getötet oder verletzt worden. Bundeswehr-Oberst Georg Klein hatte Tanklaster bombardieren lassen, um die sich Taliban, aber auch Zivilisten versammelt hatten. Er handelte in Übereinstimmung mit der Logik des Krieges. Die Sicherheitslage um Kundus hat sich nach dem Luftschlag verbessert. Aber Klein lud Schuld auf sich und auf Deutschland.
Das politische Berlin hat die unangenehme Grundsatzdebatte freilich schnell abgehakt. Die neue Aufgeregtheit gilt der Frage, ob Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der zur Zeit des Angriffs noch gar nicht im Amt war, für seine wechselnden Einschätzungen der Kundus-Attacke zwei hochrangige Mitarbeiter als Bauernopfer gefeuert hat.
Doch jeder weiß: Selbst wenn Ungereimtes ans Licht kommt, der derzeit populärste Politiker der Republik wird damit nicht aus dem Amt zu kegeln sein. Eine Opposition, die ihren Auftrag ernst nimmt, muss sich freilich daran abarbeiten.
Gestern wurden Schrammen am Lack des Ministers sichtbar. Der geschasste Generalinspekteur Schneiderhan, der natürlich nicht als Versager dastehen will, behauptet, er habe Guttenberg vor einem vorschnellen Urteil gewarnt, ehe dieser zunächst etwas naiv den Luftschlag als "militärisch angemessen" einstufte.
Mag sein. Da er aber gleichzeitig einräumen musste, dass dem Minister nicht jedes Dokument vorlag - vor allem nicht jener Feldjäger-Bericht, in dem schon früh von zivilen Opfern die Rede war -, bleibt genug Luft für Guttenberg, um sich rauszureden.
Ein Verdacht ist aber nicht ausgeräumt: Dass es nach dem 4. September im Ministerium eine Art Verschwörung gegeben haben könnte, um das wahre Ausmaß des Angriffs zu verschleiern. Hier geht es an die Grundfesten der Demokratie. Es kann nicht sein, dass die Militärs den Minister wie eine Marionette behandeln. Bei Guttenberg hat man diesen Eindruck jedenfalls nicht mehr.
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