Das plötzliche Aufbegehren gegen das Projekt "Stuttgart 21" bekommt eine hochpolitische Dimension. Die angeblich so behäbigen Stuttgarter wehren sich gegen eine Umwälzung ihrer Stadt, wälzen damit aber ihr ganzes Land um. Kommentar von Jürgen Bomhard

Der Stuttgarter gilt gemeinhin als bedächtig, in sich ruhend, wenig aufmüpfig, eher konservativ-liberal als links-revolutionär. Seine Stadt gehört zu den wohlhabenden im Lande, was dem sprichwörtlichen Fleiß der Schwaben zugeschrieben werden darf, gleichwohl aber Nährboden einer zufriedenen Behäbigkeit ist.
Umso mehr überrascht auf den ersten Blick das plötzliche Aufbegehren gegen das Projekt "Stuttgart 21", jenes unterirdische Milliardending, das alles bisher Dagewesene in der Stadt in den Schatten stellt.
Der zweite Blick verrät, dass Stuttgart im doppelten Sinne eine grüne Stadt ist. Sie ist durchzogen von großen Gärten und Parks, im Süden und Westen von großen Wäldern umgeben. Diesen Naturschatz verbunden mit einer scheinbar intakten Lebenswelt inmitten florierender industrieller Struktur sehen immer mehr in Gefahr.
Das Bahnprojekt, das nicht nur den Hauptbahnhof um 90 Grad drehen soll, sondern in letzter Konsequenz die ganze Innenstadt neu ausrichten wird, hat Bewegung in die ganze Stadt gebracht - mit Auswirkungen zunächst auf kommunaler Ebene, wo die Grünen die Stuttgart-21-Befürworter von CDU und SPD als stärkste Kraft im Gemeinderat abgelöst haben. Das ist Demokratie pur: Der im Verborgenen gärende Bürgerprotest drückte sich im Wählerverhalten aus. Er hat jetzt breite Schichten erfasst und teilt die Stadt zunehmend in Projektbefürworter und -gegner.
Der offizielle Baubeginn vor sieben Monaten hat bereits Hunderte Demonstranten auf die Straßen getrieben. Aber erst jetzt mit Beginn des Teilabrisses des über 90 Jahre alten Bahnhofs wurde das Projekt fassbar und löste jene Emotionen aus, die notwendig sind, damit sich Tausende regelmäßig am Bauzaun zum Protest vereinen und eine neue Stuttgarter Institution schaffen: die Freitags-Demo. Wenn dann im November 283 Bäume im Schlossgarten weichen müssen, wird sich deren Zuspruch noch deutlich erhöhen.
CDU und SPD, die fast 20 Jahre lang für das Projekt gekämpft haben, das stets weniger am Protest als am fehlenden Geld zu scheitern drohte, kommt diese Entwicklung vollkommen ungelegen. In Baden-Württemberg beginnt der Landtagswahlkampf. Es ist zu erwarten, dass die Grünen im März 2011 - getragen von der Welle des Protestes - der große Gewinner sein werden, weil sich die Skepsis gegen Stuttgart 21 nicht auf die Landeshauptstadt beschränkt. Das könnte auch die CDU die langjährige Vorherrschaft im Lande kosten und bis nach Berlin ausstrahlen.
So bekommen die Freitags-Demos eine hochpolitische Dimension. Die angeblich so behäbigen Stuttgarter wehren sich gegen eine Umwälzung ihrer Stadt, wälzen damit aber ihr ganzes Land um. Jürgen Bomhard
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