Mittwoch, 28. September 2016

19. Februar 2016 19:19 Uhr

Clausnitz

Mob schüchtert Flüchtlingskinder ein: Vorwürfe gegen Polizei erhärten sich

Ein Bus mit Flüchtlingskindern und Frauen kommt nach Clausnitz in Sachsen. Ein fremdenfeindlicher Mob wartet bereits. Was dann passiert, sorgt für Empörung und Schlagzeilen.

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Nachdem ein fremdenfeindlicher Mob am Donnerstagabend einen Bus mit Flüchtlingen in Clausnitz in Sachsen gestoppt und an der Zufahrt zu einer neuen Asylbewerberunterkunft gehindert hat, kursieren mehrere verstörende Videos im Internet - eines davon belastet auch die Polizei vor Ort schwer. Rund 100 Männer krakeelten „Wir sind das Volk“ und beschimpften die Ankommenden mit Parolen wie „Ausländer raus“ - und Polizisten sollen gegenüber den Flüchtlingen rabiat geworden sein.

Video zeigt verschüchterte Kinder im Flüchtlingsbus

Ein erstes Video von dem Vorfall, das wenig später auf der Facebook-Hetzseite "Döbeln wehrt sich - Meine Stimme gegen Überfremdung" veröffentlicht wurde, zeigte verstörende Bilder. Die Flüchtlinge im Bus, überwiegend Frauen und Kinder, waren von der aggressiven Stimmung sichtlich eingeschüchtert. Ein kleiner Bub in einer blauen Jacke klammerte sich ängstlich an eine Frau, begann zu weinen, als er von Polizisten geschützt das Fahrzeug verlassen sollte. Auch drinnen im Bus suchte ein offensichtlich völlig verschüchtertes Kind den Schutz einer Frau.

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Der etwas 30 Sekunden dauernde Clip verbreitete sich am Freitagmorgen schnell über die sozialen Netzwerke, auch deshalb, weil der TV-Moderator Jan Böhmermann es mit den Worten „Der deutsche Angstmob begrüßt die, die dem Tod von der Schippe gesprungen sind“ bei Twitter veröffentlichte.

Entsprechend gab es auf dem Kurznachrichten-Portal zahlreiche Kommentare dazu.

 

Zweites Video zeigt, wie Polizisten gegen Kinder vorgehen

Dann allerdings kursierte plötzlich ein zweites Video im Netz. Zu sehen ist, wie sächsische Polizisten Menschen offensichtlich mit Zwang aus dem Bus holen und in ein Haus bringen. Ein Beamter setzt dazu bei einem wohl halbwüchsigen Jungen einen Klammergriff ein, während draußen die Menge johlt. Anschließend ist zu sehen, wie ein anderer Junge freiwillig, aber weinend den Bus in Richtung des Hauses verlässt.

Mittlerweile ist die Echtheit des Videos bestätigt. Wie ein Sprecher der Bundespolizei am Freitagabend der Deutschen Presse-Agentur sagte, waren am Donnerstag sechs Bundespolizisten an dem Einsatz gegen eine Blockade fremdenfeindlicher Demonstranten vor der Flüchtlingsunterkunft beteiligt. Sie hätten für das Land Sachsen gearbeitet. Der Polizist, der einen halbwüchsigen Jungen aus dem Bus zerrte, sei ein Bundespolizist gewesen, so der Sprecher. Zu den Gründen des harten Vorgehens wollten weder der Sprecher der Bundespolizei noch eine Sprecherin der zuständigen Polizeidirektion Chemnitz etwas sagen. Der Vorfall müsse erst aufgeklärt werden, hieß es.

Sachsens Innenminister Markus Ulbig reagierte aber prompt: "Ich habe mir das Video angesehen. Die Bilder sprechen ihre Sprache." Das Ministerium  werde den Einsatz der Polizeidirektion Chemnitz mit allen Beteiligten umgehend auswerten: "Erst dann können wir Konsequenzen ziehen."

Die Polizei Sachsen reagierte am Freitag auf ihrer Facebookseite auf das erste Video. „Gestern waren knapp 30 Beamte vor Ort um ankommende Asylsuchende in der kleinen Gemeinde zu schützen. Die Ankunft wurde von einer großen Personengruppe blockiert u.a. mit Fahrzeugen. Wir haben verhindern können, dass es zu körperlichen Auseinandersetzungen oder Verletzten kommt, wenn gleich wir psychische Folgen eines solchen Ereignisses schwer verhindern können“, hieß es. Insgesamt seien 13 Anzeigen wegen des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz aufgenommen worden.

Sachsens Innenminister: "Das kann ich nur verurteilen"

Innenminister Ulbig zeigte sich bestützt über den Vorfall: "Bei allem Diskussionsbedarf, den es in der Flüchtlingsfrage derzeit gibt: ich finde es zutiefst beschämend, wie hier mit Menschen umgegangen wird. Anstatt wenigstens den Versuch zu unternehmen, sich in die Situation der Flüchtlinge zu versetzen, blockieren einige Leute mit plumpen Parolen den Weg von schutzsuchenden Männern, Frauen und Kindern. Das kann ich nur verurteilen.“

Der Bürgermeister von Rechenberg-Bienenmühle, Michael Funke (parteilos), sagte der Freien Presse, er schäme sich für das Geschehene. Zugleich nahm er aber die Demonstranten in Schutz. Der Großteil der Menge sei "nicht auf Krawall gebürstet" gewesen. Auch habe der Protest sich nicht gegen die Flüchtlinge gerichtet: "Es ging um die große Politik und nicht um die Menschen an sich."

Am Freitagmittag war die Facebookseite "Döbeln wehrt sich - Meine Stimme gegen Überfremdung" mit dem Video nicht mehr erreichbar. Dafür wurde das Video nun auf Youtube dokumentiert, zeitgleich griffen viele Medien das Thema ebenfalls auf. (AZ mit dpa)

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