Donnerstag, 27. November 2014

15. Juli 2011 08:50 Uhr

Kanzlerkandidatur

Peer Steinbrück: Der gefühlte Kandidat

Noch hat die SPD nicht entschieden, wer Angela Merkel 2013 herausfordern soll. Peer Steinbrück, so scheint es, ist dazu bereit – und genießt seine neue Popularität

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Peer Steinbrück genießt es, dass derzeit alle über ihn reden. Die SPD hat zwar noch nicht entschieden, wen sie als Herausforderer Angela Merkels ins Rennen schicken wird, doch viele halten den ehemaligen Finanzminister für den geeigneten Kandidaten.
Foto: dpa

Peer Steinbrück ist kein Diplomat und überlegt deshalb auch nicht lange. Als der frühere Finanzminister Mitte Mai in einem Radiointerview gefragt wird, ob er tatsächlich der nächste Kanzlerkandidat werden wolle, flüchtet er sich nicht in eine der üblichen professionellen Floskeln, nach denen Parteichef Sigmar Gabriel der erste Anwärter für ein solches Amt ist und die SPD diese Personalie schon rechtzeitig und einvernehmlich klären werde. Nein, Steinbrück sagt: „Der Zeitpunkt wird kommen, wo ich mich in Absprache mit zwei oder drei Führungspersönlichkeiten der SPD zusammensetze.“ Das klingt, als ginge es dabei nur noch um das Wann – und nicht mehr um das Ob.

Ob Steinbrück tatsächlich in zwei Jahren gegen Angela Merkel antritt, ist noch längst nicht ausgemacht. Die Rolle des gefühlten Kandidaten allerdings besetzt der 64-Jährige mit einer Präsenz und einer Schlitzohrigkeit, wie seine Partei sie selten erlebt hat. Er dementiert die immer höher ins Kraut schießenden Spekulationen nicht, sondern lässt sie verräterisch im Raum stehen, je nach Tagesform von einem wissenden Grinsen, einem miesepetrigen Schweigen oder einem dröhnenden Lachen begleitet. Er genießt es, wenn sein Nachfolger Wolfgang Schäuble sagt, die Union sei schon „auf der Hut“ vor ihm, und natürlich soll jeder wissen, was er als Kanzler in der Euro-Krise alles anders und besser machen würde: „Ich hätte diskret alle gefragt, die Sachverstand haben, unabhängig von der politischen Farbenlehre.“

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Die Verbitterung ist nicht zu überhören. Angela Merkel, bedeutet das ja im Umkehrschluss, legt auf seine Expertise keinen Wert mehr. Für einen Menschen mit dem Ego eines Peer Steinbrück ist das nicht nur eine besonders perfide Form der politischen Demütigung, sondern auch eine permanente Herausforderung. Wo immer er im Moment unterwegs ist, auf Lesereise für sein Buch, bei Preisverleihungen, Vorträgen oder in seinem Wahlkreis im rheinischen Mettmann: An der Kanzlerin, mit der er eine Legislaturperiode lang besser zusammengearbeitet hat als mancher Christdemokrat, lässt er heute kein gutes Haar mehr. Mit ihrer unentschlossenen, sprunghaften Art, sagt Steinbrück dann, habe sie die Märkte verunsichert und viele neue Ressentiments geschürt: „Wir sind nicht die Zahlmeister Europas.“

Sind das schon die Vorboten des Bundestagswahlkampfes? Motto: Sie – oder ich? Dass Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier in den Umfragen nur knapp hinter ihm liegt und in der SPD einen deutlich besseren Stand hat als er, geht fast unter im allgemeinen Peer-Hype. Seine Lesungen sind trotz der sperrigen Wirtschafts- und Finanzpolitik, mit der Steinbrück sich beschäftigt, ausverkauft. Teilweise müssen die Veranstalter rasch noch in größere Säle umziehen, so groß ist der Andrang, teilweise übertragen sie seine Auftritte gar auf eine Leinwand in ein Nebengebäude wie in der vergangenen Woche bei der Verleihung eines Preises für das beste politische Buch des Jahres.

„Ich schätze Steinbrück als einen Politiker, der weiß, wovon er spricht, und der den Mut hat, richtige Entscheidungen auch gegen Widerstände zu treffen“, sagt sogar Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Das Vertrauen, das die Wirtschaft in Union und FDP gesetzt hat, ist nicht zuletzt durch den Ausstieg aus der Atomkraft erschüttert worden. Mit einem Mann wie Steinbrück dagegen, der die Energiewende wie die meisten von ihnen für eine überhastete Reaktion auf die Reaktorkatastrophe von Fukushima hält, können sich auch viele konservativ denkende Unternehmer anfreunden. Der gelernte Volkswirt steht für das, was sie an der SPD sonst häufig vermissen: pragmatische Vernunft und ökonomische Kompetenz. „Ich verspreche Ihnen nichts“, sagt er. „Deshalb glauben Sie mir.“

Eine Wahl aber hat Steinbrück bisher ebenso wenig gewonnen wie Gabriel oder Steinmeier. Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen wird er im November 2002 nur, weil sein Vorgänger Wolfgang Clement als Superminister für Wirtschaft und Arbeit überraschend nach Berlin wechselt – drei Jahre später fährt Steinbrück als Spitzenkandidat bei der Landtagswahl das schlechteste Ergebnis der Sozialdemokraten seit 1954 ein. Der CDU-Mann Jürgen Rüttgers wird neuer Ministerpräsident in Düsseldorf, er selbst nach einer kurzen Karenzzeit Finanzminister in Berlin. „Die Ansprüche der Bürger“, warnt er schon damals, „müssen sich danach richten, was der Staat verteilen kann.“

In seiner Partei bleibt er nicht zuletzt wegen solcher Äußerungen ein Außenseiter: Steinbrück verteidigt Gerhard Schröders umstrittene Agenda 2010 und später auch Franz Münteferings Rente mit 67, er hält die Grünen nicht für den einzig akzeptablen Koalitionspartner und einen Konzernchef nicht automatisch für einen Klassenfeind. Dass er die Genossen Funktionäre wegen ihrer ständigen Bedenkenträgerei als „Heulsusen“ verspottet und die traditionsreiche, ehemals so stolze Partei mit einem alten Sofa voller Katzenhaare und Rotweinflecken vergleicht, das schon nach seinem Besitzer riecht, macht die Sache nicht besser. Steinbrück und die SPD: Das ist, seit Jahren schon, eine Beziehung der besonders widersprüchlichen Art. So wie einst bei Helmut Schmidt, mit dem er sich regelmäßig in dessen Wochenendhaus am Brahmsee zu einer Partie Schach trifft und gerade ein neues Buch schreibt. Es kommt im Herbst auf den Markt – mit eingebauter Bestsellergarantie. Die ersten Fernsehauftritte sind schon vereinbart.

Es gibt Genossen, die dahinter eine raffinierte Strategie vermuten, angelegt alleine auf die Kanzlerkandidatur. Steinbrück selbst bestreitet das entschieden – und kokettiert doch mit der K-Frage. Er kenne seinen Vorgänger gut genug, sagt Wolfgang Schäuble, um zu wissen, dass es ihm schon sehr gefalle, was da gerade so über ihn geschrieben werde. Schon Cicero habe gesagt: „Nehmt euch in Acht vor Männern, die behaupten, ein Amt nicht anzustreben.“ In diese Falle allerdings tappt ein Profi wie Peer Steinbrück nicht: Dass er seine Karriere im Herbst 2013 als einfacher Abgeordneter beendet und die Kanzlerkandidatur gar nicht nicht anstrebt: Dieser Satz ist ihm bisher noch nicht über die Lippen gekommen.

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Rudi Wais

Augsburger Allgemeine - Redaktion Berlin
Ressort: Politik