Freitag, 21. Juli 2017

10. Januar 2017 15:54 Uhr

Nachruf

Roman Herzog - der Ruck-Präsident 

Als Bundespräsident las Roman Herzog den Eliten die Leviten und forderte eine Erneuerung des Landes. Wie kaum ein Staatsoberhaupt vor ihm mischte er sich in die Tagespolitik ein.

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Alt-Bundespräsident Roman Herzog, hier auf einem Foto von 2015, ist tot.
Foto: Daniel Naupold, dpa (Archiv)

Die Erwartungen waren groß. Und sie wurden nicht enttäuscht. Schon Tage vorher waren die Signale, die aus dem noblen Schloss Bellevue, dem Sitz des Bundespräsidenten am Rande des Berliner Tiergartens, drangen, nicht zu überhören. Das Staatsoberhaupt, so streuten seine Mitarbeiter, werde nicht nur eine große und wichtige Rede halten, sondern eine, die einschlagen werde.

Und tatsächlich: Als Roman Herzog am 26. April 1997 im noch nicht ganz fertiggestellten Hotel Adlon am Pariser Platz seine erste Berliner Rede hielt, war das Echo gewaltig. Mit wenigen Worten gelang es dem gebürtigen Landshuter, ein innenpolitisches Beben auszulösen. Vor 250 handverlesenen Gästen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft redete der erste Mann im Staate Tacheles und schonte in seiner 55-minütigen Standpauke weder Politiker noch Bürger, Arbeitgeber und Gewerkschaften, Verbände und gesellschaftliche Gruppen.

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Eisiges Schweigen nach der Ruck-Rede von Roman Herzog

Mit eindringlichen Worten geißelte er den Reformstau im Lande und den Bürokratismus, die staatliche Reglementierungswut und den Reflex, alles Bestehende erhalten zu wollen, koste es was es wolle. Und dann folgte sein eindringlicher Appell:  Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen. Namen nannte er nicht, doch im Hotelsaal herrschte eisiges Schweigen. Niemand konnte sich von seiner Generalkritik ausnehmen.

Die Rede hat Roman Herzog berühmt gemacht, als Ruck-Präsident ging der Nachfolger von Richard von Weizsäcker, der von 1994 bis 1999 als siebter Bundespräsident an der Spitze des Staates stand, in die Geschichte ein. Am Dienstag starb er ebenso geistreiche wie wortgewaltige Jurist im Alter von 82 Jahren nach schwerer Krankheit in Bad Mergentheim.

Sein vierter Nachfolger im Amte, Joachim Gauck, würdigte ihn als markante Persönlichkeit, die das Selbstverständnis Deutschlands und das Miteinander in unserer Gesellschaft geprägt und gestaltet hat . Er habe stets Reformbereitschaft angemahnt und sei zugleich für die Bewahrung des Bewährten  eingetreten.  Sein vorwärtsstrebender Mut verband sich mit einer charmanten Skepsis.  Und da er ein unabhängiger Geist  mit einer Liebe zum klaren Wort  gewesen sei, habe er viel zur Verständigung zwischen Bürgern und Politik beigetragen. Gauck hat einen Staatsakt für seinen gestorbenen Amtsvorgänger angeordnet. Der Zeitpunkt und der Ort der offiziellen Trauerfeier stehen noch nicht fest.

Wie kein anderer wusste Roman Herzog um die Macht und die Ohnmacht des Bundespräsidenten wie um die Bedeutung und die Grenzen des Amtes - war er doch vor seiner Karriere als Politiker ein erfolgreicher Staatsrechtsprofessor gewesen, der sich als Mitautor und Mitherausgeber des als Standardwerk geltenden Kommentars zum Grundgesetz eingehend mit der Rolle des Staatsoberhauptes befasst hatte. Ein Mann der Theorie wie der Praxis, der Wissenschaft und der Politik, der nach dem Studium und der Habilitation in München an der Freien Universität Berlin und der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer lehrte und es dort bis zum Rektor brachte.

Der damalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Helmut Kohl entdeckte das politische Talent des Wissenschaftlers und machte ihn 1973 zum Bevollmächtigten des Landes Rheinland-Pfalz beim Bund. 1978 holte ihn Lothar Späth nach Baden-Württemberg, Herzog war erst Kultusminister, dann Innenminister. Im Dezember 1983 folgte der nächste Karriereschritt: Herzog wechselte als Vizepräsident und Vorsitzender des Ersten Senats an das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, vier Jahr später wurde er schließlich Präsident.

Roman Herzog: ein unabhängiger Freigeist

In seine Amtszeit fielen einige richtungsweisende Urteile. So legte Herzog das Grundrecht auf Meinungs- wie auf Demonstrationsfreiheit im Sinne der Bürger weit aus, nicht immer zur Freude seiner CDU, der er seit 1970 angehörte. Doch Herzog blieb sich treu als unabhängiger Freigeist, der sich in keine Schublade pressen ließ und in seiner barocken Art zugleich ausgleichend wirken konnte, gemäß seiner Maxime, sich nie aufzuregen, es sei denn mit Absicht.

Die Krönung seiner erfolgreichen Karriere war schließlich die Wahl zum Bundespräsidenten am 23. Mai 1994. Im dritten und entscheidenden Wahlgang setzte er sich gegen Johannes Rau von der SPD durch, der ihm fünf Jahre später in diesem Amt nachfolgen sollte, nachdem der von den Grünen aufgestellte frühere DDR-Bürgerrechtler Jens Reich nach dem ersten und die von der FDP nominierte Hildegard Hamm-Brücher nach dem zweiten Wahlgang ihre Kandidatur zurückgezogen hatten.

Dabei hatte Bundeskanzler Helmut Kohl eigentlich jemand anderen für das höchste Amt im Staate auserkoren - den sächsischen Justizminister Steffen Heitmann. Doch mit Interviews, in denen sich der evangelische Theologe und Kirchenjurist missverständlich zur Rolle der Frau, zum Holocaust und die NS-Vergangenheit oder über Ausländer und die multikulturelle Gesellschaft äußerte, löste er einen Sturm der Entrüstung aus; Kritiker warfen ihm vor, ultrakonservativ oder gar reaktionär zu sein. Im November 1993 zog Heitmann die Konsequenzen und verzichtete auf eine Kandidatur, statt seiner wurde Roman Herzog von der CDU nominiert. 

Die Kandidatur ist mir zugewachsen, zugelaufen, sagte Herzog über jene Zeit später. Als Hausherr in Schloss Bellevue machte der joviale Landshuter erst gar nicht den Versuch, in die großen Fußstapfen seines Vorgängers Richard von Weizsäcker zu treten, sondern entwickelte seinen eigenen persönlichen Stil. Er gab sich bodenständig und bürgernah, populär, aber nicht populistisch, geistreich und witzig, aber auch direkt, mit unverblümter Sprache und Sinn für gezielte Provokationen, über die er sich diebisch freuen konnte, eben unverkrampft, wie er es selber bei seiner Amtseinführung angekündigt hatte.

Pathos war Roman Herzog fremd

Die professorale Attitüde war ihm fremd, ebenso das hohle Pathos, er pflegte eine kräftige, bilderreiche, manchmal derbe, aber immer humorvolle Ausdrucksweise. Ein besonderes Anliegen war ihm die Freundschaft zu Polen und zu Israel, seine erste Auslandsreise führte ihn nach Warschau, als erstes Land außerhalb Europas besuchte er Israel. Und er rief den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus ins Leben.

So intensiv wie kaum einer seiner Vorgänger mischte sich Herzog als Präsident in die Innenpolitik ein, meldete sich zu aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen zu Wort und mahnte eine Erneuerung des Landes an, das aus seiner Sicht satt geworden war, an Selbstzufriedenheit litt und den Anschluss zu verlieren drohte. Weniger Staat, weniger Bürokratie, weniger Vorschriften, dafür mehr Eigenverantwortung der Bürger und mehr Freiheit für den Einzelnen waren seine Devise. Nicht nur in seiner berühmten  Ruck-Rede , sondern bei zahllosen Anlässen forderte er ein gerechtes Steuersystem, eine Bildungsreform, soziale Gerechtigkeit und eine Kompetenzverlagerung von oben nach unten. An die Stelle des  perfekten Versorgungsstaates  setzte er seine Idee vom Beteiligungsstaat, der den Bürgern einen stärkeren direkten Einfluss bei politischen Entscheidungen einräumt. Ausgerechnet ein bodenständiger Konservativer wurde auf diese Weise zu einem Präsidenten der Modernisierung, der ein weit verbreitetes Gefühl bei der Mehrheit der Bevölkerung in Worte fasste und den Eliten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mehrfach die Leviten las.

Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Amt blieb Herzog diesem Anliegen verpflichtet und mischte sich immer wieder pointiert in die Tagespolitik ein. Im Auftrag der neu gewählten CDU-Vorsitzenden Angela Merkel leitete er zu Beginn des Jahrtausends eine Reformkommission der CDU, die die  Leipziger Beschlüsse  (Stichwort Kopfpauschale im Gesundheitswesen) erarbeitete. Später warnte er vor einer Rentnerdemokratie und löste damit eine intensive Debatte über die Generationengerechtigkeit aus. Und er geißelte die  Auswüchse, Missstände und Defizite  des Turbo-Kapitalismus, die 2009 die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise ausgelöst hatten.

Nach dem Tod seiner Frau Christiane im Jahr 2000 heiratete er ein Jahr später Alexandra Freifrau von Berlichingen und zog in das Schloss des berühmten Götz von Berlichingen in Jagsthausen im Hohenloher Land. Ein Ort, wie er passender nicht hätte sein können für den intellektuellen Freigeist mit der unbändigen Lust am Kreuzen der Klingen.  

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Ein Artikel von
Martin Ferber

Augsburger Allgemeine
Ressort: Redaktion Berlin


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