Adolf Sauerland ist abgewählt. Duisburgs Oberbürgermeister bekam am Sonntag die Quittung für sein Verhalten nach der Katastrophe bei der Loveparade 2010.



Die Abfuhr für Sauerland fiel klarer aus, als selbst die engagiertesten Betreiber der Abwahl erwartet hatten: Knapp 130 000 Wähler stimmten für sein sofortiges Ausscheiden aus dem Amt – fast 40 000 mehr als nötig.
Als Duisburgs Stadtdirektor und Wahlleiter Peter Greulich das Ergebnis im Foyer des Rathauses am Abend bekanntgab, brach im Lager der Sauerland-Gegner lauter Jubel aus. Eine halbe Stunde später trat ein sichtlich bewegter Adolf Sauerland vor die Presse. „Ich war gern Oberbürgermeister mit Herzblut und Leidenschaft“, sagte er mit belegter Stimme. Als einige Kritiker daraufhin johlten, sagte er: „Ich bitte um etwas mehr Charakter.“ Der Politiker fuhr fort: „Ich hoffe, dass die politischen Parteien jetzt die Kraft haben, aufeinander zuzugehen.“
Als einer der Sieger des Tages präsentierte sich der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger, der auch SPD-Chef in Duisburg ist. Die Stadt brauche ein klares Ergebnis, um von ihrer Fixierung auf das Unglück wegzukommen, sagte er. Viele Duisburger spürten immer noch Scham und Verärgerung, weil Sauerland sich fast ein Jahr nicht für die Katastrophe entschuldigt habe. In der Landeshauptstadt Düsseldorf hat Jäger selbst mit dem Thema Loveparade zu kämpfen. Dort werfen ihm CDU und FDP vor, für Fehler beim Polizeieinsatz verantwortlich zu sein.
Die Schuldfrage ist nach der Massenpanik mit 21 Toten und 541 Verletzten bis heute nicht geklärt. Sauerland gehört nicht zu den Beschuldigten, gegen die die Staatsanwaltschaft ermittelt. Einen Anfangsverdacht der fahrlässigen Körperverletzung und Tötung haben die Ermittler gegen 17 Personen. Unter den Beschuldigten sind elf Mitarbeiter der Duisburger Stadtverwaltung, fünf des Veranstalters Lopavent und ein Polizeibeamter
Sauerland – mit seiner hemdsärmeligen Art einst sehr beliebt in Duisburg – hat nun die Quittung dafür bekommen, dass er mit der Katastrophe 2010 nicht fertig wurde. Nach dem Unglück war die Stadt wie betäubt, doch ihr erster Bürger fand keine Worte des Trostes. So wurde der Mann mit dem Kinnbart medial und in den Köpfen vieler Duisburger zum Gesicht der Katastrophe – und die Forderung nach seinem Rücktritt zum Politikum, das die Stadt zunehmend spaltete.
In einer ersten Reaktion beschuldigte Sauerland die Loveparade- Teilnehmer, er räumte später falsche Angaben zu den Teilnehmerzahlen ein und verschanzte sich hinter einem Juristengutachten, das der Stadt bei der Genehmigung korrektes Verhalten bescheinigte. Nur eines tat Sauerland nicht oder viel zu spät: eigene Verantwortung klar zugeben und sich bei seiner Stadt und vor allem den Opfern und Angehörigen entschuldigen.
Nach der Entscheidung vom Sonntag versammelten sich vor dem Rathaus mehrere hundert Bürger, jubelten, schwenkten Fahnen und entzündeten ein kleines Freudenfeuerwerk. Im Rathausfoyer standen SPD-Kommunalpolitiker lachend zusammen. „Ein guter Tag, viel besser als bei den beiden letzten Wahlen“, sagte SPD-Geschäftsführer Jörg Lorenz. Denn die hatte die SPD gegen Sauerland verloren. Einen Kandidaten für seine Nachfolge will die SPD nicht strikt nach Parteibuch auswählen. „Wir brauchen jetzt einen, der die Gräben zuschüttet“, hieß es aus der Fraktion.
Der OB hat sich gestern schon verabschiedet – mit den Worten „Gott schütze die Stadt Duisburg“. Sauerland scheidet nach der Sitzung des Wahlausschusses am Mittwoch aus dem Amt. dpa
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