Donnerstag, 21. September 2017

10. Oktober 2011 14:59 Uhr

Frankfurter Buchmesse

Schriftsteller werden

Heute öffnet die Frankfurter Buchmesse. Wer hier seine Werke vorstellen darf, hat schon einiges erreicht. Wer nicht, schreibt trotzdem. Aber warum eigentlich?

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Manchmal, wenn es nicht mehr weitergeht, schickt Frau Schäfer ihren Mann für ein Wochenende fort. In den Schwarzwald zum Beispiel, in eine kleine Pension. Zwei Tage, und dann ist ja das Schlimmste schon geschafft. Am ersten Tag, sagt Günter Schäfer, passiert nicht viel. Anreise, Kaffee trinken, Kuchen essen, ein bisschen umherfahren, später vielleicht noch lesen. Das, was er mitgebracht hat, eben das, was nicht weitergehen will. Eine Geschichte, die hakt. Am zweiten Tag aber, „da setze ich mich nach dem Frühstück hin und dann klopfe ich Seite um Seite runter, denn wenn es mal läuft...“ So wie er es erzählt, kann man sich das vorstellen: Günter Schäfer, schmal, konzentriert über sein Laptop gebeugt in einem kleinen Pensionszimmer, tippend.

Wenn es also mal läuft... Dann wird Günter Schäfer, 50 Jahre alt, EDV-Spezialist aus Reimlingen im Kreis Donau-Ries und im Übrigen so glücklich in seinem Beruf, dass er sagt: „Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem man sagt, es passt...“ Dann wird, um diesen Satz auch ordentlich zu beenden, Herr Schäfer zu einem, der Wörter hineinklopft, eines nach dem anderen, Komma, Punkt, nächster Gedanke und weiter. Dann schreibt er Sätze wie diese: „Sie sind Hauptkommissar der Kripo und kein Geisterjäger. Also bleiben Sie bitte realistisch und besorgen Sie mir Fakten.“ Wenn es also läuft, wird Herr Schäfer, der Computerfachmann, zum Schriftsteller.

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Ist man dann also ein Schriftsteller?

Wobei, darüber könnte man jetzt schon wieder ein paar Minuten reden. Hier, im verwinkelten Nördlinger Café. Günter Schäfer hat in seinem Aktenkoffer drei schmale Bücher mitgebracht, die er nun auf den Tisch legt und einem später schenken wird mit der Bitte: „Wenn Sie mir eine kurze Rückmeldung geben könnten, wie es Ihnen gefallen hat, das wäre schön.“ Drei Bücher, in Folie eingeschweißt, auf der ein Preis steht und, viel wichtiger, auf dem Umschlag auch eine ISBN-Nummer. Das bedeutet: Man kann die Bücher bestellen, einfach so, überall, in jeder Buchhandlung.

Ist man dann also ein Schriftsteller? Wenn man so ein Buch vor sich hinlegen kann, mit einer Geschichte drin, mit einer Nummer drauf? Darf man dann zu Günter Grass gehen und sagen: „Guten Tag, ich bin ein Kollege...“? Oder anders: Was ist man eigentlich, wenn man schreibt, aber noch nicht bei namhaften Verlagen veröffentlicht hat. Ein Möchtegern, ein Träumer? Fragen, die vielleicht abwegig erscheinen, es aber nicht sind. Deutschland ist ein Land der Dichter und vieler, die es gerne sein oder werden möchten.

Wer die Titel der Selbstverlage durchforstet, entdeckt eine Bücherwelt, die nur wenige Leser findet, in der es aber all das gibt, was ab heute auch auf der Frankfurter Buchmesse zur Schau gestellt wird: Kriminalromane, Fantasy, Memoiren, Kinderbücher, Lyrik, Ratgeber, Sachbücher und auch Ungewöhnliches: Hunde als Autoren, denen Herrchen beim Aufschreiben geholfen hat, oder das Buch der Sprachlosigkeit, das laut Klappentext gar keine Wörter enthält: „Genießen Sie beim entspannten Durchblättern leerer Seiten einen Selbsterfahrungsprozess ungeahnten Ausmaßes.“

Schreibt er deswegen?

Günter Schäfer lächelt, was er ohnehin gerne tut. Ein verschmitztes, zurückhaltendes Lächeln. Er sagt, er sei ein emotionaler Mensch, bei dem die Gefühle auch mal durchgehen. Wenn er schreibt, hat er sie unter Kontrolle. Schreibt er deswegen? Dazu eine Geschichte, eine kleine, sozusagen autobiografisch. Vor elf Jahren lag Günter Schäfer im Augsburger Zentralklinikum, zwei Wochen lang, keine gute Zeit. Wer liegt, der grübelt. Eine Krankenschwester sagte zu ihm: „Schreibe das doch mal alles auf.“ – Er: „Das geht nicht, zu persönlich.“ – Sie: „Dann lass es doch jemand anders erleben, eine Phantasiefigur...“

Das Besondere an der Geschichte ist, er hat das wirklich so gemacht. Eine Figur erfunden, seine Emmili, ein Mädchen, das in der Not hilft. Hat sich hingesetzt, geschrieben, ausgedruckt. Und dann hat die Seiten seine Frau gelesen und gesagt: „Auch wenn es etwas kostet und es nichts bringt, mach ein Buch draus.“ So war das. Und nun kann Günter Schäfer drei Bücher auf den Tisch legen. Die er geschrieben hat, die er korrigiert hat, erst er, dann Freunde. Bücher, die er als Kommissionsware in Buchhandlungen trägt. Und für die er auch das Cover entworfen hat: für seinen Krimi „Tod auf dem Daniel“ den Nördlinger Kirchturm hellglühend, vor einem roten Himmel zum Beispiel. Im Buch stürzt der Türmer von dort hinunter...

Ist Günter Schäfer also nun ein Schriftsteller? Anruf im pfälzischen Neuhofen bei Jacqueline Vellguth, die sagt: „Ja klar.“ Weil, so hat sie die Frage irgendwann für sich entschieden, aufs Schreiben kommt es an. Ohnehin kann Vellguth, 29, diplomierte Physikerin, fast alle Fragen beantworten zum Thema. Ihre Geschichte: Mit 13 Jahren hat sie ein Buch über Pferde gelesen und sich damals gedacht, das kann ich besser. Und heute: Weiß sie auf jeden Fall theoretisch, wie man es besser macht, hat alles in Händen gehabt, was es zum Thema gibt. Das Buch von James Frey „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ oder den Artikel von Randy Ingermanson über die Schneeflockenmethode. Erst einen Satz schreiben, ganz kurz, worum es in dem Buch gehen soll, und dann den Satz ausbauen. Und immer weiter so, bis aus der Schneeflocke ein Ball und aus dem Satz ein Roman geworden ist. Ach, wenn es so einfach wäre...

"Schreibwerkstatt"

Dann bräuchte es ja auch nicht dieses Blog von Jacqueline Vellguth im Internet, zu finden unter der Adresse „Schriftsteller werden“, auf der sie den Lesern unter anderem auch 101 Satzanfänge vorschlägt. „Vielleicht, sogar, eben, ein, zwei, drei...“ Dann würde sie keine Fanpost bekommen, und es würde auch die „Schreibwerkstatt“ nicht geben, die sie eingerichtet hat. Eine Seite, auf die Autoren ihre Texte zum ersten Lesenlassen stellen.

Wer mit Jacqueline Vellguth spricht, denkt sich, die kann mit Sicherheit ein sehr lustiges Buch schreiben. Und, hat sie das? Vielleicht, es liegt gerade bei Lektoren auf dem Schreibtisch, bislang gibt es keine Zusage. Aber, erklärt Jacqueline Vellguth, „ich weiß ja, dass unglaubliches Glück dazugehört, dass mein Manuskript vom richtigen Lektor im richtigen Augenblick gelesen wird“. Und dann sagt sie etwas, das vielleicht ein bisschen vermessen klingt. Lacht aber. Goethe habe es einfacher gehabt. „Der hatte kaum Konkurrenz im Vergleich zu heute, wo jeder im Internet seine Texte veröffentlichen kann...“ Und jeder, wenn er möchte, aus seinen Sätzen gleich ein Buch machen kann. Für das er jedoch selbst zahlen muss. Wie viel, das lässt sich mal eben am Heim-Computer mit dem Preiskalkulator ausrechnen. 300 Seiten, Taschenbuch, ohne Farbe, Auflage 100? Macht dann beispielsweise 1325,50 Euro, dafür gibt es aber auch eine ISBN-Nummer.

ISBN-Nummer

3837095010 zum Beispiel. Das ist die Nummer, die auf Günter Schäfers „Tod auf dem Daniel“ steht. Was es für ein Gefühl ist, zum ersten Mal das eigene Buch in Händen zu halten? „Es war unbeschreiblich“, sagt Günter Schäfer, jedes Wort bedachtsam gewählt, „einfach gigantisch.“ Einmal hat er im Internet ein Angebot für ein Schreibseminar in Italien entdeckt, „da habe ich lange überlegt“. Aber dann. Hat er es sein lassen, „weil, wissen Sie, die wollen einem ja einen gewissen Stil dann beibringen, das wäre aber da ja nicht mehr mein eigener“. Lieber so weitermachen, in seiner Büroecke im Keller, Sätze schreiben, die zu ihm passen: „Also bleiben Sie bitte realistisch und besorgen Sie mir Fakten.“

Natürlich, ein Traum wäre es, wenn plötzlich ein Verlag käme, ein Lektor, der sagt: „Das ist gut, Herr Schäfer, das Buch nehmen wir.“ Aber weil er Realist ist, hat Günter Schäfer es gar nicht versucht, kein Manuskript verschickt, und sich daher auch nicht ködern lassen von Verlagen, die um die Sehnsucht der Schreiber nach Öffentlichkeit wissen. Und sie nutzen. „Vanity publishing“, einen Fachbegriff gibt es bereits für deren Vorgehen, was sich in Kürze so beschreiben lässt: Packe den Autor bei seiner Eitelkeit, erkläre, sein Werk sei gut, man wolle es sehr gerne verlegen, er müsse sich bitte nur an den Druckkosten beteiligen. Gerne im höheren vierstelligen Bereich.

Schriftsteller aus Leidenschaft.

Nein. Realität. Günter Schäfer bestellt immer nur kleine Auflagen, „sonst sitze ich am Ende auf teurem Heizmaterial“. Wie viel Exemplare er von seinem Krimi verkauft hat? „Da müsste ich nachschauen. 250?“ Warum also schreiben, abends, während andere, wie er sagt, zum Schafkopfen gehen? Auch dazu erzählt er eine Geschichte: Wie er in eine Grundschule eingeladen wurde und mit den Kindern eine Emmili-Episode verfasste. „Das war eine Euphorie, das hätten Sie sehen müssen.“ Seine Tochter hat über ihn in einem kleinen Zeitungsartikel geschrieben: „Schriftsteller aus Leidenschaft.“ Günter Schäfer sagt, besser kann er das auch nicht ausdrücken.

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Ein Artikel von
Stefanie Wirsching

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal

Artikelteaser-Box: Typ 'meist_und_best' nicht gefunden.



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