Christian Klar kennt die Wahrheit, wer Generalbundesanwalt Siegfried Buback ermordet hat, doch er schweigt.


"Wir hätten es uns auch leichter machen können", sagt der Vorsitzende Richter gleich zu Beginn der Vernehmung am Donnerstag im Saal 153. Richter Hermann Wieland scheint entschlossen, es weder sich noch dem Zeugen Christian Klar allzu einfach zu machen. Der ehemalige RAF-Terrorist ist vielleicht so etwas wie die letzte Hoffnung im Prozess um den Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback: Er wurde als Mittäter des Attentats verurteilt, er könnte wohl das Rätsel lösen, wer am 7. April 1977 die tödlichen Schüsse abfeuerte. Ob er das Fluchtfahrzeug steuerte oder selbst auf dem Motorrad saß, von dem aus Buback und seine zwei Begleiter erschossen wurden, konnte nie geklärt werden.
Doch Klar war dabei, wie er auch an der Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpäsident Hanns Martin Schleyer und anderer Terrorakte der sogenannten "Offensive 77" beteiligt war. Klar kennt die Wahrheit.
20 Minuten lang redet Wieland dem Zeugen an diesem Donnerstag ins Gewissen, bevor er auch nur die erste Frage stellt. Klar habe jetzt die historische Chance Verantwortung zu übernehmen und dem Gericht dabei zu helfen, "dass wir das richtige Urteil treffen können." Er erinnert an ein Fernsehinterview, in dem Klar von seinen Eltern gesprochen hatte: "Wenn heute Ihre Eltern hier ständen, so wie Sie sie geschildert hatten, dann würden sie sagen: Christian Klar, sprich!"
Doch Christian Klar schweigt - wie vor ihm schon die anderen früheren RAF-Mitglieder, die die Wahrheit über den Buback-Mord kennen müssten: wie Brigitte Mohnhaupt, Günter Sonnenberg und Stefan Wisniewksi. Der Bundesgerichtshof hatte entschieden, dass die Ex-Terroristen ein umfassendes Recht zur Aussageverweigerung über die Taten der RAF haben, weil sie ansonsten Gefahr liefen, sich selbst zu belasten. Denn für einige Beschaffungstaten im Vorfeld der Attentate stand er nie vor Gericht. Er könnte deshalb noch nachträglich belangt werden.
Der Vorsitzende Richter betet trotzdem die Fragen aus seinem Katalog herunter - und immer wieder sagt Klar, völlig ungerührt, aber mit weichem südbadischem Akzent: "Ich mach' keine Angaben." Lediglich zu seinen persönlichen Verhältnissen muss er sich äußern. "Ich hab' Arbeit als Kraftfahrer", sagt er. Ob er damit seinen Lebensunterhalt verdiene, fragt Wieland. "Ja, es muss reichen."
Klar selbst wurde wegen des Buback-Attentats zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. 26 Jahre lang saß er im Gefängnis, fast die Hälfte seines Lebens. Im Vergleich zu anderen Ex-Terroristen scheint er die Haft zumindest körperlich ganz gut überstanden zu haben: Breitbeinig sitzt der 59-Jährige auf seinem Zeugenstuhl, fast sprungbereit, vor sich die grüne Schiebermütze und die Pilotenbrille, die er außerhalb des Gerichtssaals aufsetzt. Das grau melierte Haar trägt er kurz geschnitten, die Jeans sitzt, das Jackett auch, das Gesicht ist gut gebräunt - nur der Blick ist noch immer so stechend wie auf den Fahndungsplakaten.
Keine drei Meter entfernt sitzt der Sohn des Ermordeten, der Nebenkläger Michael Buback, dessen Hoffnung, in diesem Prozess die Wahrheit über den Tod seines Vaters zu erfahren, mit jedem Verhandlungstag geringer werden dürfte. Zwischendurch seufzt er hörbar auf, als Klar wieder eine Frage unbeantwortet lässt; einmal unterbricht er sogar den Richter: Ob er seine Fragen nicht langsamer vorlesen könnte, um Klar eine Chance zur Antwort zu geben - als hätte dieser nicht deutlich gesagt, nichts sagen zu wollen.
Er habe kein Verständnis dafür, dass der frühere Terrorist die Aussage verweigern dürfe, sagt Buback. "Das deckt sich nicht mit meinem Rechtsempfinden." Buback glaubt nach wie vor, dass die Angeklagte Verena Becker seinen Vater erschoss - während die Bundesanwaltschaft sie für eine Mittäterin hält, wegen ihrer Rolle bei der Organisation des Verbrechens. Für beide Thesen hat der seit fast einem Jahr dauernde Prozess bislang kaum brauchbare Anhaltspunkte ergeben. Das Gericht wird andere Wege der Wahrheitsfindung suchen müssen, wenn es der Anklage folgen und Verena Becker wegen Mittäterschaft bei der Ermordung von Siegfried Buback und seinen zwei Begleitern verurteilen will.
Buback investiert einen großen Teil seiner Zeit in das Verfahren und wirkt meist besser vorbereitet als sein Anwalt. Seit Jahren kämpft er fast unermüdlich um die Aufklärung des Mordes an seinem Vater. Nach der Vernehmung Klars ist er ziemlich erschöpft: "Wie lange wir das noch mitmachen werden, weiß ich auch nicht." dpa/dapd
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