Dienstag, 20. Februar 2018

09. Februar 2018 06:05 Uhr

Große Koalition

Sigmar Gabriel ist beliebt wie nie – doch die SPD serviert ihn ab

Seit Sigmar Gabriel Außenminister ist, mögen ihn die Deutschen. Trotzdem steht er vor dem Aus, da Martin Schulz die eigene Karriere wichtiger war. Jetzt rechnet Gabriel mit ihm ab.

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Sigmar Gabriel ist der populärste SPD-Politiker und verliert wohl trotzdem seinen Job.
Foto: afp

Sigmar Gabriel ist tief verletzt. Er lässt Termine platzen. Wichtige Termine. Zur Münchner Sicherheitskonferenz nächste Woche kommt der Noch-Außenminister schon mal nicht. Man muss kein besonders fantasievoller Mensch sein, um sich vorstellen zu können, wie grantig der 58-Jährige ist. „Ich habe das Amt des Außenministers gern und in den Augen der Bevölkerung offenbar auch ganz gut und erfolgreich gemacht“, sagt er. „Und da ist es ja klar, dass ich bedauere, dass diese öffentliche Wertschätzung meiner Arbeit der neuen SPD-Führung herzlich egal war.“

Gabriel beklagt „wie wenig ein gegebenes Wort noch zählt“. Wen er meint mit dem Wortbruch ist klar: Martin Schulz. Es ist ein offenes Geheimnis in Berlin, dass Schulz Gabriel versprochen hat, dass er im Falle einer neuen Großen Koalition als Außenminister weitermachen soll. Doch nun ließ Schulz ihn bemerkenswert kalt fallen, um sich selbst zu retten. Gabriel ist ohne Frage der große Verlierer der Großen Koalition. Die SPD sägt damit ihren beliebtesten Politiker ab – nie war Gabriel populärer als jetzt, da seine Karriere so abrupt endet. Oder genauer gesagt: beendet wird. Es ist die Geschichte einer zerbrochenen Freundschaft. Eine Geschichte von Demütigungen und später Rache – vor allem aber vom Streben nach der Macht. Im ersten Kapitel gibt Sigmar Gabriel den selbstlosen Helden, der seinem alten Freund Martin Schulz nicht nur die Kanzlerkandidatur, sondern auch den Parteivorsitz überlässt. Die SPD ist berauscht von sich selbst. Doch sie tanzt nur einen Frühling. Schon bald verliert der viel bemühte Schulz-Zug an Fahrt und schon im zweiten Kapitel tut Gabriel das, was er auf gar keinen Fall tun wollte: Er mischt sich in den Wahlkampf ein, wird eine Art Schattenkanzlerkandidat und gibt immer wieder kluge Ratschläge. Schulz empfindet das als Demütigung. Er leidet. Und er vergisst das nicht. Die Männerfreundschaft beginnt zu bröckeln.

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Spätestens nach dem Desaster bei der Bundestagswahl wird klar, dass es neben Andrea Nahles nur einen geben kann: Gabriel oder Schulz. Im dritten Kapitel der Geschichte geht es für beide um das politische Überleben. Gabriel hat sich als Außenminister profiliert, seine Sympathiewerte steigen. Doch der Noch-Parteichef sitzt am längeren Hebel und er klammert sich fast verzweifelt an die Macht. Obwohl er Stein und Bein geschworen hat, nicht in ein Kabinett Merkel einzutreten, will er jetzt genau das – und nimmt damit späte Rache an seinem Konkurrenten. Wenn ihn nicht die eigene Partei noch aufhält, wird Martin Schulz der nächste Bundesaußenminister – für Sigmar Gabriel ist dann kein Platz mehr.

Andrea Nahles dürfte Martin Schulz lieber sein

Der künftigen Parteivorsitzenden kommt das ganz gelegen. Abgesehen davon, dass Andrea Nahles und Gabriel sich nicht leiden können, ist der schwer angeschlagene Schulz wesentlich bequemer für sie als der selbstbewusste Gabriel, der den Parteifreunden schon früher mit seiner polternden Art auf die Nerven gegangen ist. Dass dessen plötzliches politisches Ende gut für die SPD sein soll, bezweifeln allerdings selbst Genossen, die ihm nicht so wohlgesonnen sind.

Und Gabriel klingt jetzt schon sehr verbittert über den Stil, der mit dem Generationswechsel an der Parteispitze einkehrt: „Ich komme wohl noch zu sehr aus einer analogen Welt, in der man sich nicht immer nur umschleicht, sondern sich einfach mal in die Augen schaut und die Wahrheit sagt. Das ist scheinbar aus der Mode gekommen.“ Nun liebäugelt der Minister mit seinem neuen Privatleben. „Für mich beginnt jetzt eine neue Zeit. Zu Hause freuen sich schon mal alle darauf.“ Aber selbst da gibt er seinem Genossen Martin Schulz noch eine mit. Seine kleine Tochter Marie habe ihm Donnerstag früh gesagt: „Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht.“

Es ist schwer zu glauben, dass diese Geschichte schon zu Ende erzählt ist.

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Ein Artikel von
Michael Stifter

Augsburger Allgemeine
Ressort: Politik



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