Sogar Gianni Letta, der so zurückhaltende wie mächtige Staatssekretär, wurde deutlich. Niemand könne sich vorstellen, dass der italienische Ministerpräsident mit leeren Händen nach Brüssel reise. Das sagte Berlusconis Vertrauter und wichtigster Mann am Montag. Aber gestern musste in Rom weiterberaten werden: über die Rentenreform, das Dekret zur wirtschaftlichen Entwicklung Italiens, über das, was Berlusconi beim heute beginnenden EU-Gipfel in Händen halten soll.
Denn am Montag war das meiste von dem, was sich Silvio Berlusconi vorgenommen hatte, gescheitert. Nachdem ihn Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy am Sonntag massiv unter Druck gesetzt, Strukturreformen und einen baldigen Abbau des rund 1900 Milliarden Euro hohen Staatsdefizites angemahnt hatten, berief Berlusconi für Montagabend eine Sondersitzung des Kabinetts ein. Sein Koalitionspartner Lega Nord verweigerte sich einer Rentenreform jedoch strikt. Lega-Chef Umberto Bossi wiederholt seit Wochen, dass es nicht gerecht sei, die Rentner für die Finanzkrise zahlen zu lassen. Berlusconi dagegen möchte das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre anheben.
Am späten Abend soll es eine Übereinkunft gegeben haben
Gestern dann folgte auf eine Krisensitzung die nächste. Die Spitzen aus Koalition und Regierung kamen im Palazzo Grazioli zusammen. Bossi schloss vor Journalisten Neuwahlen nicht aus, sollte die Regierung stürzen. Er sprach von einer gefährlichen Situation und sagte: „Wir werden die Renten nicht antasten, nur um den Deutschen einen Gefallen zu tun.“ Am Mittag verließen Vertreter der Lega den Palazzo, um sich im Parlament zu besprechen.
Im Laufe des Tages ließ dann die EU-Kommission aus Brüssel wissen, dass sie schriftliche Reformzusagen bis zum Mittwoch aus Rom erwarte. Am Nachmittag hieß es aus Verhandlungskreisen, dass der Ministerpräsident bis Dienstagabend den geforderten Brief nach Brüssel senden werde. Zum Schluss saßen nur noch Berlusconi, Letta und Finanzminister Giulio Tremonti zusammen. Am späten Abend berichteten italienische Medien über eine Übereinkunft der Koalitionspartner. Diese betreffe allerdings nicht die Rentenfrage.
Nur in der Empörung einig
Gänzlich einig war man sich in Italien gestern nur in der Empörung darüber, wie Berlusconi von Merkel und Sarkozy am Wochenende behandelt worden war. Das maliziöse Lachen der beiden auf die Frage hin, ob denn Berlusconi im Gespräch überzeugend gewesen sei, ob sie noch Vertrauen in sein Krisenmanagement hätten, sagte mehr als die eigentliche Antwort, die Sarkozy dann gab. Viel wurde gestern wieder über einen möglichen Rücktritt Berlusconis spekuliert. Als möglicher Nachfolger war sein wichtigster Mann Gianni Letta im Gespräch.