Donnerstag, 25. Mai 2017

17. Februar 2017 19:27 Uhr

Leitartikel

Und plötzlich scheint die Kanzlerin besiegbar

Der kometenhafte Aufstieg des SPD-Kandidaten setzt Angela Merkel unter Druck. Ein Hauch von 1998 ist spürbar. Wie lange wirkt der Zauber des Martin Schulz?

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Martin Schulz oder Angela Merkel. Der Wahlkampf verspricht Spannung.
Foto: Olivier Hoslet/dpa

Martin Schulz hat das Kunststück vollbracht, die in der Depression versunkene SPD binnen weniger Wochen zu neuem Leben zu erwecken. Seit der unglückliche, gegen Angela Merkel chancenlose Sigmar Gabriel auf Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur verzichtet hat, geht es mit der Sozialdemokratie steil bergauf.

Alle Umfragen notieren die vor (unverhofftem) Glück trunkene Volkspartei bei rund 30 Prozent – ein Zuwachs, wie ihn die Demoskopen in so kurzer Zeit noch nie gemessen haben. Und, noch erstaunlicher: Im direkten Vergleich mit der Kanzlerin hat der Mann, der bundespolitisch bis dato keine Rolle spielte, die Nase vorn.

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Der Hype um den zum „Erlöser“ (SPD-Vize Schäfer-Gümbel) hochstilisierten Europapolitiker wird sicher nicht von Dauer sein und spätestens dann abflauen, wenn es der Überflieger Schulz mit den Mühen der Ebene zu tun bekommt und die Bürger mehr hören wollen als flotte Sprüche und emotionale Ansprachen. Aber sein kometenhafter Aufstieg hat die Stimmungslage im Rekordtempo verändert und die SPD zurück ins Machtspiel um das Kanzleramt befördert.

Angela Merkels Nimbus der Unbesiegbarkeit ist dahin. Die Kanzlerin scheint nun bezwingbar. Sieben Monate vor der Bundestagswahl liegt plötzlich ein Hauch von 1998 in der Luft. Damals hat Schröder den ewigen Kanzler Kohl aus dem Amt gefegt. Schulz ist kein Schröder, Merkel ungleich stärker als Kohl in seiner Endphase. Doch die Erinnerung an 1998 und der rasante Start des Herausforderers genügen, um der demoralisierten SPD Flügel wachsen und sie vom Ende der Juniorpartnerschaft in einer Großen Koalition träumen zu lassen.

Martin Schulz profitiert von Überraschungseffekt und Merkel-Müdigkeit

Das Phänomen Schulz ist nicht so rätselhaft, wie es auf den ersten Blick erscheint. Der Mann kommt an, weil er glaubwürdig und entschlossen wirkt und mit klaren Worten auch das Gemüt der Menschen erreicht. Da ist ein neues, den meisten eben noch unbekanntes Gesicht, das – endlich – eine Alternative verheißt. Schulz profitiert von dem Überraschungseffekt und der Erleichterung darüber, dass der politische Wettbewerb der Volksparteien um die Mitte wieder an Spannung gewinnt – was der Demokratie ganz guttut.

Im Vergleich mit Schulz, der sich als Mann des Volkes inszeniert, sieht die Kanzlerin blass und uninspiriert aus. In den Umfragewerten für Schulz steckt auch eine gewisse Merkel-Müdigkeit vieler Wähler. Die Kanzlerin bekommt den Vertrauensverlust, den sie wegen ihrer Flüchtlingspolitik erlitten hat, zu spüren. Der Streit mit der CSU beeinträchtigt ihre Führungsautorität.

Doch sie gilt den Deutschen noch immer als jene erfahrene Frau, die das Land mit sicherer Hand durch die Krisen führt. Verlässlichkeit in stürmischen Zeiten: Das ist und bleibt ihr stärkster Trumpf. Und darauf vor allem beruht die realistische Hoffnung der CDU/CSU, stärkste Kraft bleiben und so das Kanzleramt verteidigen zu können.

Wofür steht Martin Schulz überhaupt?

Schulz ist ein famoser Einstand gelungen. Unaufhaltsam ist sein Aufstieg nicht. Noch ist ja völlig unklar, wofür er eigentlich steht. Sein Programm bisher heißt: Schulz. Er verspricht vielen alles und betet herunter, was Sozialdemokraten lieb und teuer ist. Wie will die SPD dafür sorgen, dass es „gerechter“ zugeht? Sie hat ja die meiste Zeit seit 1998 (mit)regiert.

 

Wie hält es Schulz mit der Flüchtlingsfrage und der inneren Sicherheit? Was passiert mit den Steuern? Will Schulz Europas Schulden noch immer auf Kosten der Deutschen vergemeinschaften? Was geschieht, wenn die Union vor der SPD landet – kommt dann Rot-Rot-Grün? Gut möglich, dass der Zauber des Kandidaten rasch verfliegt, wenn er erst mal Farbe bekennen muss und Angela Merkel den Fehdehandschuh aufgreift.

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Ein Artikel von
Walter Roller

Augsburger Allgemeine
Ressort: Chefredakteur


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