Am Wochenende rollt er wieder und der Protest bereitet sich schon lange darauf vor: Der 13. Castor-Transport fährt ins Zwischenlager Gorleben, der zwölfte und letzte mit hochradioaktiven Abfällen aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague. Beim Transport vor einem Jahr kamen 50000 Demonstranten, mehr als je zuvor, weil nur kurz zuvor die schwarz-gelbe Bundesregierung längere Akw-Laufzeiten beschlossen hatte. Der Protest erreichte neue Dimensionen: Der Transport dauerte länger als je zuvor, und die Polizei musste im Angesicht der Menschenmassen mit einem Notruf an die Länder die Zahl der eingesetzten Beamten aufstocken. Am Ende waren es fast 20000, die Kosten beliefen sich auf 36,5 Millionen Euro.
Laufzeitverlängerung ist Geschichte
In diesem Jahr aber ist die Laufzeitverlängerung Geschichte und der Atomaustieg nach der apokalyptischen Katastrophe von Fukushima beschlossene Sache. Im Wendland befürchtet man, nun wieder allein zu stehen im Kampf gegen die Lagerung von immer mehr Castoren im sogenannten Transportbehälterlager (TBL) Gorleben, kaum mehr als einen Steinwurf entfernt von dem Salzstock, der weiter untersucht wird auf Eignung als Endlager.
Sechs Fakten zum Castor-Transport
Elf Spezialbehälter werden wie im vergangenen Jahr zunächst mit dem Zug, dann per Tieflader nach Gorleben transportiert. In jedem Castor stecken 28 Glaskokillen mit radioaktiven Abfällen aus deutschen Atomkraftwerken.
Rund 1200 Kilometer lang ist die Strecke vom französischen La Hague bis nach Gorleben. Die letzte Etappe auf der Straße von Dannenberg bis zum Zwischenlager beträgt etwa 20 Kilometer.
Rund 20 000 Polizisten sollen nach Angaben der Polizei Lüneburg den Castortransport schützen. 12 000 Beamte werden von der Landespolizei eingesetzt, etwa 8000 von der Bundespolizei aus ganz Deutschland.
Etwa 16 000 Demonstranten werden am letzten Novemberwochenende gegen den Atommülltransport protestieren, schätzt die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg.
Dieses Jahr rollt der letzte Castortransport mit hoch radioaktivem Atommüll aus Frankreich nach Gorleben. Zwischen 2014 und 2017 plant das niedersächsische Umweltministerium, weitere 21 Behälter mit Atommüll aus dem britischen Sellafield nach Deutschland zu holen.
102 Behälter mit Atommüll und abgebrannten Brennelementen lagern derzeit im Zwischenlager Gorleben.
Es gibt in diesen Tagen viele Grenzgänger im Wendland rund um das Zwischenlager Gorleben, wo schon 102 Castorbehälter mit hoch radioaktivem Müll stehen. Da sind viele Tausend Polizisten, von denen die meisten eigentlich gegen die Atomenergie sind und trotzdem weiteren elf Castor-Behältern den Weg bahnen werden. Da sind örtliche Politiker, die am kommenden ersten Adventswochenende den Schlips gegen warme Unterwäsche und Parka tauschen, um an Sitzblockaden teilzunehmen. Und da sind, von der Polizei besonders gefürchtet, eigentlich wertkonservative Bauern, die auf ihre zum Teil furchterregend großen Trecker klettern, um sich der Staatsmacht in den Weg zu stellen.
Gegner vermuten Manipulation
Mehr als 1,6 Milliarden Euro haben die Atomkonzerne im "Transportbehälterlager" Gorleben bereits investiert, jeder weitere Castor vor Ort, so die Angst der Menschen im Wendland, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Gorleben auch Endlager wird. Widersprüchliche Berechnungen darüber, ob am Zaun des Lagers die vorgeschriebenen Grenzwerte bei der Neutronenstrahlung auch eingehalten werden, haben im Vorfeld des Transports für zusätzliche Aufregung gesorgt. Die Atomaufsicht stützt ihre Transportgenehmigung zwar ausdrücklich auf neue Berechnungen der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB), die Atomkraftgegner vermuten jedoch Zahlenmanipulationen.
19000 Polizisten, 20000 Demonstranten
Wie baut man ein Atomkraftwerk ab?
Ein stillgelegtes Atomkraftwerk kann man nicht einfach mit der Abrissbirne plattmachen - die Demontage des Meilers kostet viel Zeit und Geld.
Ein Beispiel dafür ist das 2005 vom Netz genommenen Kraftwerk Obrigheim (Neckar-Odenwald-Kreis). Seit rund zwei Jahren sind Fachleute damit beschäftigt, das alte Kraftwerk abzubauen.
Mehr als zehn Jahre werden die Arbeiten insgesamt dauern und rund 500 Millionen Euro kosten. 275.000 Tonnen Material müssen abgebaut werden, darunter 2300 Tonnen radioaktiver Abfall.
Die Demontage hat in Obrigheim mit den nicht-nuklearen Teilen des Meilers begonnen, zum Beispiel mit dem Maschinenhaus und dem Überwachungsbereich. In einem zweiten Schritt stehen die leicht kontaminierten Anlagenteile des Kontrollbereichs auf dem Programm.
Von dort an geht es unter anderem mit Hilfe einer Fernbedienung oder auch mit Arbeiten unter Wasser an Teile wie das Druckgefäß, das dem Neutronenbeschuss direkt ausgesetzt war.
Im vierten Abschnitt kommen die Hilfseinrichtungen wie Kräne, Lüftungen sowie Anlagen zur Wasseraufbereitung und zur Reinigung dran.
Nur sehr wenige Teile des ehemaligen Kernkraftwerks sind so stark verstrahlt, dass sie nicht gereinigt werden können. Ein Großteil landet in einer Wasserstrahlkabine, wo es mit Hochdruck gesäubert wird, so dass es anschließend wie normaler Abfall entsorgt werden kann.
Eine «grüne Wiese» wird der Standort allerdings auch nach der Demontage des Kraftwerks nicht: Die 342 abgebrannten radioaktiven Brennelemente könnten bis zu 40 Jahre lang in einem Zwischenlager auf dem Kraftwerksgelände bleiben.
Kritiker fürchten, dass die Castor-Behälter mit dem Atommüll undicht werden und dann die Umwelt verstrahlen könnten.
Seit Ende der 1970er Jahre die Entscheidung für die Erkundung des Gorlebener Salzstocks als Endlager gefallen ist, wehrt sich die Bevölkerung vor Ort. Das hat die Region verändert: Damals gab es eine satte absolute CDU-Mehrheit im betroffenen Landkreis Lüchow-Dannenberg, heute sitzen die Christdemokraten in der Opposition, und ein buntes Bündnis der Gorleben-Kritiker regiert Deutschlands einwohnerschwächsten Landkreis mit kaum 48000 Menschen. Am kommenden Wochenende aber, zählt man Polizisten und Demonstranten dazu, wird sich die Einwohnerzahl vermutlich verdoppeln: 19000 Polizisten werden nach Angaben des Einsatzleiters Friedrich Niehörster aufgeboten, die Anti-Atomkraft-Bewegung hofft auf 20000 bis 30000 Demonstranten.
Der Betreiber des Zwischenlagers, die Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS), hat vor wenigen Tagen vorgerechnet, wie oft sich das noch wiederholen wird. In La Hague warten nach diesem Transport noch elf Castoren mit schwach- und mittelaktivem Müll, in der britischen Aufarbeitungsanlage Sellafield weitere 21 mit hoch radioaktivem Müll. Weil das Schiff für den Seetransport nur sechs der rund 120 Tonnen schweren Schutzbehälter aufnehmen kann, sollen vier weitere Transporte rollen.
2017, so die Planung der GNS, geht die Ära der Castor-Transporte ins Gorlebener Zwischenlager zu Ende. Weil die Wiederaufarbeitung 2005 beendet worden ist, bleiben alle danach noch anfallenden abgebrannten Brennelemente für Jahrzehnte in den Zwischenlagern an den Atommeilern, bis es ein Endlager gibt - in Gorleben oder wo auch immer. (afp)