Donnerstag, 27. April 2017

22. Dezember 2014 14:13 Uhr

Flüchtlinge

Wie viele Flüchtlinge nimmt Deutschland wirklich auf?

2015 soll sich ihre Anzahl noch verdoppeln: Unionspolitiker beklagen, in der EU verteile sich die große Mehrheit der Flüchtlinge auf Deutschland. Aber stimmt das? Ein Faktencheck.

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Insgesamt haben im dritten Quartal 2014 177 000 Flüchtlinge in der EU um Asyl gebeten. Doch welches Land nimmt die meisten Flüchtlinge auf?
Foto: Jens Kalaene/Archiv (dpa)

Im dritten Quartal 2014 haben knapp 177 000 Flüchtlinge in den 28 EU-Staaten um Asyl gebeten. Davon meldete sich der Löwenanteil - nämlich 56 100 oder rund ein Drittel - in Deutschland, wie die Statistikbehörde Eurostat berichtet. Damit steht die Bundesrepublik EU-weit an der Spitze. Den zweiten Platz belegt Schweden mit 28 200, gefolgt von Italien mit 18 050 und Frankreich mit 14 700 Bewerbern.

Aussagekräftiger ist es aus Sicht vieler Experten aber, die  Asylbewerberzahlen ins Verhältnis zur Einwohnerzahl zu setzen. Den höchsten Flüchtlingsanteil hat laut Eurostat aktuell Schweden. Hier wurden von Juli bis September 2925 Bewerber pro eine Million Einwohner gezählt. 

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Kein festes Verteilsystem für Flüchtlinge in der EU

Deutlich dahinter rangieren Dänemark (1260), Malta (970), Österreich (915) sowie Ungarn (880) und Deutschland (695). Noch viel geringer ist die Quote etwa in der Slowakei (10), Portugal (15) sowie Litauen und Spanien (jeweils 30). Italien, wo auch in diesem Jahr zahlreiche Bootsflüchtlinge angelandet sind, liegt dabei mit 295 Asylbewerbern pro eine Million Einwohner nur im Mittelfeld.

Die krassen Unterschiede erklären sich vor allem daraus, dass es in Europa derzeit kein Verteilsystem nach festen Schlüsseln gibt, so wie etwa unter den deutschen Bundesländern. In der EU gilt die Regel, dass jenes Land für einen Asylbewerber zuständig ist, in dem dieser zuerst europäischen Boden betritt. 

Diskutiert werden daher seit langem feste Kontingente innerhalb der EU. Dabei könnte aus Sicht von Experten nicht nur die Bevölkerungsgröße als Kriterium zählen, sondern auch die Wirtschaftskraft, die Fläche oder die Arbeitslosenquote berücksichtigt werden.

Zurzeit drängen viele Flüchtlinge, die in Spanien, Italien und Griechenland ankommen, nach Norden. Ein Grund ist die oft beklagenswert schlechte Unterbringung der Menschen in den Mittelmeerstaaten sowie die lange Dauer der meisten Verfahren.

Einige syrische Flüchtlinge sind nicht in der Statistik erfasst

Aus Sicht des Migrationsforschers Dietrich Thränhardt ist von großer Bedeutung auch der Vergleich, "wie viele Flüchtlinge ein Staat endgültig aufnimmt, wie er sie behandelt und wie viel Elend er dabei mildert". In dieser Hinsicht hatten 2012 Schweden, die Schweiz, Belgien und Österreich die Nase vorn. Die Bundesrepublik rangiert dabei im Mittelfeld, mit größerem Abstand folgen die großen EU-Staaten Frankreich, Italien und Großbritannien. Sein Fazit: Innerhalb der EU könne man nur Schweden eine aktive Flüchtlingsaufnahmepolitik bescheinigen.  

Die 20 00 syrischen Flüchtlinge, deren Aufnahme die Bundesregierung als humanitäre Geste beschlossen hat, werden übrigens nicht in der Asylbewerber-Statistik erfasst. Stand Dezember 2014 sind insgesamt rund 80 000 syrische Staatsbürger seit Beginn des Konflikts im Jahr 2011 nach Deutschland eingereist, davon etwa 60 000 Asylbewerber. dpa

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