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07. Februar 2012 19:46 Uhr

Piraten-Geschäftsführerin Weisband

"Wir brauchen keinen Bundespräsidenten wie Christian Wulff"

Marina Weisband gilt als Star der Piraten. Völlig überraschend hat sie ihren Rückzug angekündigt. Wir sprachen mit der 24-Jährigen über die Gründe.

Die politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, Marina Weisband
Foto: dpa

Frau Weisband, um was geht es in Ihrer Diplomarbeit?

Weisband: Ich untersuche die Wertestrukturen von ukrainischen Kindern im Rahmen einer internationalen Studie. Die sowjetische Gesellschaft hatte einst kollektivistische Werte, in den 90ern ist das dann ins Gegenteil gekippt – hin zur Selbstbereicherung. Ich möchte herausfinden, was den Kindern wichtig ist, die nach den 90ern geboren wurden.

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Sie wollen sich Ihrer Diplomarbeit stärker widmen und haben deshalb Ihren vorübergehenden Rückzug aus der Parteispitze angekündigt. Faz.net sagten Sie, Sie seien in einer Notlage.

Weisband: Die Piratenpartei ist sehr schnell gewachsen, sehr viel schneller, als es irgendjemand hätte erwarten können. Die Arbeit wurde mir irgendwann zu viel. Ich konnte sie nicht mehr mit meinem Studium vereinbaren. Die Stelle als Politische Geschäftsführerin ist eine Vollzeitstelle. Ich musste mich entscheiden, ob ich mein Diplom mache. Das geht nur bis 2013, danach wird mein Studiengang nicht mehr angeboten; oder ob ich mich auf die Politik konzentriere.

Sie hatten gesundheitliche Probleme.

Weisband: Ich habe keinen Burnout, aber mein Körper hat Grenzen. Ich mache im Moment sehr viel mehr, als ein Mensch auf Dauer tun sollte.

Ihre Ankündigung ist nun zwei Wochen her. Ist das Medienecho so ausgefallen, wie Sie es vermutet haben?

Weisband: Ich verstehe nicht, warum es so eine große Nachricht war, dass ich nicht wieder kandidiere. Es gab bei uns schon viele Vorstände, die genau ein Amtsjahr gemacht haben. Ich selbst bin von Anfang an auch nicht mit dem Gedanken angetreten, dass ich das über ein Jahr machen möchte. Mich hat es überrascht, dass in den Medien daraus ein Hype wurde, so nach dem Motto: Oh mein Gott, die Piratenpartei verliert ihr Gesicht. Das stimmt einfach überhaupt nicht.

Sie mussten den Umgang mit den Medien erst lernen.

Weisband: Ich gebe Interviews eigentlich noch fast so, wie ich sie am Anfang gegeben habe. Ich habe ein bisschen gelernt, wie man spricht, welche Medien wichtig sind, dass, wenn man in eine Talkshow geht, einen die zweite in derselben Woche nicht haben möchte. Aber ich habe immer großen Wert darauf gelegt, ohne Berechnung zu sagen, was ich denke – auch wenn ich damit manchmal auf die Nase falle.

Haben Sie sich in den vergangenen Monaten zu viel zugemutet oder hat man Ihnen zu viel zugemutet?

Weisband: Ich hab’s geschafft. Und ich bin dankbar für jeden anderen Piraten, der nach vorne rückt. Denn es wird der Sache nicht gerecht, immer nur mich zu fragen. Ich bin bei Weitem nicht die beste Expertin in der Partei, die wir für alle unsere Themen haben. Aber ich komme gut mit meiner Rolle in der Öffentlichkeit klar. Und wäre das Diplom nicht, würde ich das gerne ewig weitermachen. Ich schaffe nur diese Doppelbelastung nicht.

Empfinden Sie es als ein Dilemma, dass Politik vor allem über Personen dargestellt wird?

Weisband: Es ist ein Dilemma für die Piratenpartei. Wir wollen wegkommen von dieser Personalisierung. Sie ist ein großes Problem für Menschen wie mich, die mit dem Internet aufgewachsen sind. Im Internet hat man eine Idee von jemandem. Das hat mir immer besser gefallen als das Konzept von einem guten Redner, der vorne steht. Zudem wird die Politik mit der Person verheizt.

Wie meinen Sie das?

Weisband: Die Politik, für die ich stehe, gerät in Verruf, wenn ich mal einen Skandal auf mich ziehen sollte.

Für die „Bild“-Zeitung sind Sie die „schöne Piratin“.

Weisband: Ich nehme so etwas kaum zur Kenntnis. Das würde mich wahnsinnig machen. Aber natürlich bemerke ich, wie ich gesehen werde. Ich versuche, mich nicht zu sehr auf dieses Spiel einzulassen, das die Medien mit einem spielen.

Sie haben einmal eine Reporterin der „taz“ zu sich nach Hause eingeladen und es hinterher bereut.

Weisband: Ich möchte wegen meiner Politik in der Öffentlichkeit stehen und finde es überflüssig, wenn man meinen Kronleuchter oder meine Bücher beschreibt. Daraus habe ich gelernt.

Sie wollen eine „offene Politikerin“ sein.

Weisband: Das heißt ja nicht, dass ich alles von mir preisgebe. Es heißt, dass ich viel erzähle, aber das immer nur freiwillig. Das ist jedem selbst überlassen, Politiker brauchen auch ein Privatleben. Das Konzept stößt da an seine Grenzen, wo man sagt: Ich möchte, dass jeder Bürger die Möglichkeit hat, mich direkt anzusprechen. Dann wird man mit Anfragen und E-Mails überflutet: Frau Weisband, mein Nachbar hat einen Zaun gebaut. Tun Sie etwas!

Sind Sie kritikfähiger oder dünnhäutiger geworden?

Weisband: Ich kann Kritik jetzt besser unterteilen in berechtigte und unberechtigte Kritik.

Sie wollen keine Berufspolitikerin werden. Was ist falsch an diesem Beruf?

Weisband: Berufspolitiker, die nie etwas anderes gemacht haben, geraten in eine Abhängigkeit von der Politik. Dies führt dazu, dass sie auf ihrem Posten bleiben wollen – mit jedem Mittel, dass es dafür braucht. Das ist ein Weg in die Korruption. Wenn ich nicht geeignet bin für einen Posten, dann will ich da auch nicht sein. Das andere ist, dass die Rolle des Politikers sehr beschränkt ist: Politiker tragen Anzüge, Politiker machen keine Fehler, Politiker sind politisch korrekt, Politiker sprechen in druckreifen Sätzen. Dass ein Politiker auch Rollen wie die der Mutter oder die der gläubigen Person ausfüllt, wird ignoriert.

Ein Meinungsforscher hält die Piraten nach Ihrem Rückzug für „entzaubert“.

Weisband: Diese Art von Lob nehme ich nicht an, denn es ist unberechtigt. Unberechtigtes Lob ärgert mich genauso wie unberechtigte Kritik.

Sind Sie vorsichtiger mit Lob geworden?

Weisband: Ich freue mich darüber, weil es mich stärkt. Ich finde schön, dass anerkannt wird, dass ich über meinen Schatten gesprungen bin: Die Medienwelt ist schon sehr verlockend. Man hat gern Aufmerksamkeit.

Ist Aufmerksamkeitsentzug ein Problem für Sie?

Weisband: Das könnte es durchaus sein, ja. Ich will nicht abhängig werden – weder von der Politik noch von der Öffentlichkeit. Deshalb ist der Rückzug wichtig. Ich möchte auf eigenen Beinen stehen können.

Was würden Sie Bundespräsident Christian Wulff raten?

Weisband: Wenn ich Christian Wulff wäre, würde ich schonungslos alles aufdecken und den Bürgern die Wahl überlassen, ob sie mich noch in diesem Amt haben wollen. Das wäre das Einzige, das er machen könnte, um zumindest halbwegs sein eigenes Bild und das Bild des Politikers zu retten. Das hat er sehr geschädigt.

Sollte er zurücktreten?

Weisband: Wulff sollte zurücktreten. Er hat zu viel verspielt. Wir brauchen entweder einen Bundespräsidenten, der eine Vision hat, der überparteilich sein kann, der Moral vorlebt – oder gar keinen. Wir brauchen keinen Bundespräsidenten wie Christian Wulff.

Was haben die Piraten bislang politisch erreicht?

Weisband: Diese Frage stellt man normalerweise Parteien, die im Bundestag sind. Oder die eben an den Stellen sitzen, an denen man Politik sozusagen offiziell beeinflussen kann. Wir sind im Moment noch eine Art Guerillapartei und beeinflussen von außerhalb das Parlament. Und da muss ich sagen: Ich bin stolz auf die Piraten. Wir haben unheimlich viel erreicht. Wir haben etwa die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, wie wichtig ein freies Internet ist. Allein durch unsere bloße Existenz regen wir die Diskussion an: Können die alten Parteien so weitermachen? Sogar die Kanzlerin fängt jetzt an, online mit Bürgern in den Dialog zu treten.

Ist es schon ein Wandel hin zu verstärkter Transparenz, wenn Politiker aus allen Parteien twittern oder Facebook nutzen?

Weisband: Unsere ersten Erfolge verzeichnen wir in einem Wandel des Politikstils. Dem wird ein Programm folgen, das genauso in unsere Zeit passt.

Wie lange gibt es die Piraten noch?

Weisband: Die Idee der Piraten wird vermutlich nicht mehr sterben. Was die Partei betrifft: Das weiß ich nicht. Ich bin da recht leidenschaftslos. Wenn alle anderen Parteien haarklein unsere Themen übernehmen, gibt es uns wahrscheinlich nicht mehr sehr lange. Aber das ist nicht schlimm.

Glauben Sie, dass die Piraten einmal in Regierungsverantwortung kommen? Immerhin dürfte es schwierig werden, einen Koalitionspartner zu finden, der sich auf diese recht unberechenbare Partei einlässt.

Weisband: Ich denke nicht, dass wir 2013 auf Bundesebene in Regierungsverantwortung kommen, und das will ich auch gar nicht. Ich möchte erst mal, dass wir in die parlamentarische Opposition kommen und im Bundestag überparteiliche Arbeit fördern können. Die Piraten können Anreize liefern und wichtige Fragen stellen. Wir sind ja jung und haben sehr viel Zeit. Wir sind fünf – nach menschlichen Maßstäben wären wir nicht einmal in der Grundschule.

Sie werden 2013 wieder in der Parteispitze sein?

Weisband: Ich weiß es noch nicht, ich bin da relativ spontan.

Wie schneiden die Piraten bei den anstehenden Landtagswahlen im Saarland und in Schleswig-Holstein ab?

Weisband: Es wäre wichtig, in beide Parlamente einzuziehen. Dann können wir zeigen, dass unsere Idee nicht eine Idee ist, die ein spezifisches Publikum in Berlin bedient. Ich bin sehr optimistisch.

Wenn es Ihnen gelingt, werden Boulevardzeitungen Erfolgsgeschichten über die Piraten schreiben; wenn nicht, Abgesänge.

Weisband: Wenn ich darüber nachdenken würde, was der Boulevard schreiben könnte, könnte ich gar nichts mehr machen.

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