Lilo Solcher war damals für das Reise-Ressort unserer Zeitung verantwortlich. Nach den Anschlägen vom 11. September wollte sie nie wieder fliegen.

"Ich war gerade aus Thailand zurückgekommen. Wie das zweite Flugzeug in den Turm des World Trade Centers krachte, sah ich dann zusammen mit Kollegen vor dem Fernseher in der Redaktion. Erstickte Laute waren zu hören, wir waren wie gelähmt, als wir beobachten, wie die Türme in sich zusammenstürzten als wären sie aus Sand und nicht aus Stahl und Beton. Wir sahen Menschen, die aus den Stockwerken fielen wie Stoffpuppen. Und dann krachte die dritte Maschine ins Pentagon. Es war wie in einem Science-Fiction-Film – nur schreckliche Wahrheit. Und wir klebten am Bildschirm und sahen die Szenen wieder und wieder, bis wir zugeben mussten, dass dies Realität war.
Mein erster Gedanke war „New York wird nie mehr sein, was es war, und unsere Gesellschaft auch nicht.“ Dass ich je wieder in ein Flugzeug steigen würde, konnte ich mir in dieser Zeit nicht vorstellen. Und doch ging ich einen Monat später wieder in die Luft, flog nach England. Auf dem Flughafen reger Betrieb. Dass die Sicherheitskontrollen so streng waren wie nie zuvor, fand ich gut. Ein mulmiges Gefühl hatte ich dennoch und misstrauisch musterte ich die Mitreisenden. Die Angst flog mit.
Jetzt, zehn Jahre nach den Anschlägen, ist Fliegen längst wieder Alltag. Die USA beenden ihren Einsatz im Irak, und die Welt ist zurückgekehrt zur Normalität.
Was haben wir aus der Katastrophe gelernt? Fernreisen sind gefragt wie nie zuvor, die Flugzeuge sind voll mit Touristen, die Sicherheitskontrollen werden allmählich wieder laxer. Wir Menschen vergessen schnell: die Angst, den Terror, die Opfer, die Helden. Wir sind noch einmal davongekommen. Geflogen bin ich in diesen zehn Jahren so oft wie selten zuvor. Auch in den USA war ich wieder. Und New York? Die Stadt hat sich verändert, doch 9/11 ist aus dem kollektiven Bewusstsein nicht verschwunden."
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