Samstag, 16. Dezember 2017

07. Oktober 2016 14:16 Uhr

Langerringen/Lamerdingen

Das gestörte Vogelparadies

Vogelschützer befinden sich im Interessenskonflikt mit der Windkraftnutzung. Von Hieronymus Schneider

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Die Landschaft südlich von Langerringen ist ein weitgehend unberührtes Naturreservat. Bei den früher zur Fischzucht genutzten Weihern beim Burghof wurde im Jahr 2005 das „Naturschutzgebiet Burghofweiher“ ausgewiesen, das von der Kreisgruppe Augsburg des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) betreut wird. Der stellvertretende Vorsitzende der 1200 Mitglieder zählenden Kreisgruppe, Stefan Höpfel, lud vor Kurzem zu einer ornithologischen Führung ein.

In dem etwa 20 Hektar großen Naturschutzgebiet befinden sich vier Milanhorste, die jahrelang relativ konstant als Brutplätze aufgesucht werden. Die Burghofweiher seien ein ideales, verkehrsarmes und abwechslungsreiches Gebiet mit vielen Wiesen zur Nahrungssuche. Im Herbst sind sie laut LBV ein unglaublicher Sammelplatz für den Vogelzug. Bis zu 80 Milane wurden im Spätsommer und Herbst an einem Tag schon beobachtet, so Höpfel. Aber auch andere geschützte Vogelarten wie die Rohrweiher nutzen die Umgebung der Burghofweiher als Brutstätten.

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Ein Vogel hat nur 0,73 Sekunden Durchflugszeit

Höpfel hatte den Milanexperten Reimut Kayser von der LBV-Kreisgruppe Dillingen eingeladen, der einen präparierten Rotmilan zur genauen Betrachtung präsentiert. Kayser erklärt, dass Milane als Suchflugjäger im energiesparenden Segelflug nur nach unten auf Beute schauen und deshalb häufig zu Schlagopfern von Windrädern werden. „Mit Hindernissen in über 100 Metern Höhe mussten die Milane in ihrer ganzen Entwicklungsgeschichte noch nie rechnen“, sagt Kayser. Auch Stefan Höpfel ist überzeugt, dass die Rotoren eine tödliche Gefahr für den Milan darstellen, da bei diesem Typ Drehgeschwindigkeiten bis zu 300 km/h auftreten. Ein Vogel habe dann nur 0,73 Sekunden Durchflugszeit.

Höpfel verweist auf die sogenannte „Progress-Studie“ und die in Brandenburg geführte bundesweite Schlagopferdatei. In Brandenburg sind Windkraftanlagen Todesursache Nr. 1 für den Rotmilan mit über 36 Prozent aller Verluste, so Kayser. „Wir haben eine besondere Verantwortung für den Rotmilan, denn etwa 60 Prozent des gesamten Weltbestandes leben in Deutschland“, sagt Stefan Höpfel.

Interessenskonflikt zwischen Windenergie und Vogelschutz

Die Besucher stellten daher die Frage, wieso zwei Windenergieanlagen direkt neben einem Naturschutzgebiet mit Vorkommen zahlreicher Großvogelarten genehmigt werden konnten. Höpfel bestätigt den Interessenskonflikt zwischen der gewünschten Nutzung der Windenergie und dem Vogelschutz. Die beiden Lamerdinger Windenergieanlagen (WEA) alleine seien sicher noch nicht bestandsgefährdend, stellen aber schon ein erhöhtes Tötungsrisiko für die alljährlich hier brütenden und sich sammelnden Milane dar.

Kayser sagte: „Bei der speziellen artenschutzrechtlichen Prüfung (saP) im Jahr 2011 hat das Gutachterbüro einige Schlafplätze und die Sammelplätze während der Zugzeit im Herbst nicht berücksichtigt“. Das Grundübel sei, dass der Betreiber der Windenergieanlagen den Gutachter aussuchen dürfe, den er auch bezahlt. „Da ist es kein Wunder, dass die Gutachten zumeist zugunsten des Auftraggebers ausfallen.“ Weil das ein Genehmigungs- und Betriebsverbot von Windenergieanlagen nach dem Naturschutzgesetz bedeuten würde, spricht Kayser von einer „rechtswidrigen Genehmigung“ und ergänzt: „Es ist nur eine Frage der Zeit, wann hier weitere Milane und andere Vögel erschlagen werden“. Im Herbst vergangenen Jahres wurden eine Eule, ein Storch, ein Pirol und die Schwinge eines Baumfalken in einem Umkreis von etwa 300 Metern um die beiden Windräder gefunden. Im Juli wurde ein Schwarzmilan mit Verletzungen am Flügel und am Auge auf einem Bauernhof in Schwabaich eingefangen und danach von einem Falkner aus Birkach gepflegt. Obwohl sich der Milan gut erholt hatte, wurde er Mitte September bei einer Nachuntersuchung im Veterinärinstitut Oberschleißheim eingeschläfert, weil er nicht mehr ausgewildert werden könne.

Mehr als 800 Milane erfasst

Der Landesbund für Vogelschutz hat im Herbst 2015 eigene Kartierungen vorgenommen, zumal die dem Betreiber auferlegte Nachkartierung vom Verwaltungsgericht als nicht zulässig verworfen wurde. Die LBV-Daten ergaben im Zeitraum vom 7. Juli bis 10. September Flugbewegungen von 719 Rotmilanen, 154 Schwarzmilanen, 112 Mäusebussarden, 308 Weiß- und 7 Schwarzstörchen, 51 Rohrweihen, je zwei Kranichen und Baumfalken und einem Fischadler. Die Kartierungen wurden von der LBV-Kreisgruppe Augsburg digital an das Landratsamt Ostallgäu als Untere Naturschutzbehörde weitergeleitet. Dort wurde auf Nachfrage zwar der Eingang bestätigt, jedoch seien die Dateien teilweise nicht zu öffnen und in dieser Form nicht verwertbar gewesen. Deshalb wurden sie nun in schriftlicher Form beim Büro der Landrätin Maria Rita Zinnecker nachgereicht.

Stellungnahme der Betreiber und des Landratsamts

Auf Anfrage unserer Zeitung, ob nachträgliche Auflagen wie eine zeitweise Abschaltung der Windräder zur herbstlichen Sammelzeit möglich sind, teilte der Pressesprecher des Landratsamts Ostallgäu, Stefan Leonhart, mit: „Ein signifikant erhöhtes Tötungsrisiko liegt dann vor, wenn das Risiko der jeweiligen betrachteten Tierart, an der betreffenden Windkraftanlage zu Tode zu kommen, deutlich über dem allgemeinen Lebensrisiko dieser Art liegt, Opfer eines Naturgeschehens zu werden. Die Beurteilung des Vorliegens eines signifikant erhöhten Tötungsrisikos erfolgt grundsätzlich auf Basis einer speziellen artenschutzrechtlichen Prüfung. Ob nachträglich Auflagen festgesetzt werden können und in welcher Form, kann grundsätzlich erst nach fachlicher Beurteilung vorliegender Kartierungen gemäß Windkrafterlass beurteilt werden.“

Kein signifikant erhöhtes Tötungsrisiko 

Robert Sing, der Geschäftsführer der Bürgerwind Lamerdingen GmbH & Co. KG beantwortete unsere Anfrage schriftlich: „Es ist richtig, dass im Bereich der Burghofweiher, die rund 1500 Meter von der nördlichen Anlage entfernt sind, ein Milanschlafplatz existiert. Es ist auch richtig, dass es Flugbewegungen von Milanen auch im Raum unserer Windenergieanlagen (WEA) gibt. Nicht richtig ist jedoch, dass durch unsere WEA ein signifikant erhöhtes Tötungsrisiko für die Milane besteht. Dies haben die von anerkannten Ornithologen über die Jahre 2012, 2013, 2014 und 2015 erbrachten Kartierungen ergeben. Nicht auszuschließen ist, dass während der Erfassung der angeblich hohen Flugbewegungen an unseren WEA, von der Windkraftgegnerseite durch ständige Ackerarbeiten, die keinen landwirtschaftlichen Sinn machten, oder gar ausgelegtes Aas gezielt Milane angelockt wurden. Dass an Windkraftanlagen auch Vögel zu Schaden kommen können, haben wir nie bezweifelt. Ökologische Studien zeigen jedoch, dass gerade der Rotmilan viel mehr durch Grünlandverluste und überintensiven Mais- und Getreideanbau verdrängt wird. Auch Stromleitungen, Auto-, Flug und sogar Bahnverkehr und insbesondere die illegale Jagd stellen für die Rotmilane größere Risiken als die Windenergieanlagen dar. Wir sind stolz darauf, mit unseren WEA für 9 Cent je Kilowattstunde sauberen Strom zu erzeugen!“ (rony)

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