Montag, 29. August 2016

24. November 2014 00:32 Uhr

Zeitzeugen

Eine Geschichte wie aus einer anderen Zeit

Michael Proksch erzählt am Gymnasium von seinem Fluchtversuch aus der damaligen DDR. Und im Unterricht ist es plötzlich ungewöhnlich still Von Marion Kehlenbach

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Michael Proksch wollte 1983 aus der damaligen DDR fliehen und wurde verhaftet. Jetzt erzählte er Königsbrunner Gymnasiasten von seiner „schlimmsten Zeit des Lebens“, wie er sagte.
Foto: Marion Kehlenbach

Der Zeitzeuge ist 56 Jahre jung und das Ereignis liegt gerade 30 Jahre zurück. Trotzdem muss den Schülern die Geschichte wie aus einer anderen Zeit, aus einem anderen Land vorkommen. Michael Proksch erzählt am Gymnasium im Rahmen des Geschichtsunterrichts den 10. Klassen von seinem Fluchtversuch aus der damaligen DDR, seiner Verhaftung und den Gründen, warum er seine Heimat verlassen wollte.

Proksch wurde 1958 in Dresden geboren. Bereits im Kindergarten begann die „Rotlichtbestrahlung“, wie er es nennt. Fahnenappelle wurden schon mit den Kleinsten geübt und sein Amselbild beförderte die Erzieherin in den Papierkorb: Er sollte ein Bild der sozialistischen Fahne malen. Die Taschen der Schulkinder wurden nach westlichen Zeitschriften durchsucht und seine Eltern von der Stasi abgehört – das entdeckte der 12-jährige Proksch eher zufällig. Von da ab fanden viele Gespräche der Familie auf dem heimischen Balkon statt.

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Ruhig, mit wenigen Gesten erzählt Proksch den Königsbrunner Schülern, wie er gemeinsam mit seiner Schwester, deren Ehemann und einem befreundeten Studenten versuchte während einer Bulgarienreise in den Westen zu fliehen. 15 Stunden Fußmarsch lag hinter der kleinen Gruppe, die sich schon seit rund fünf Stunden in Sicherheit wog, als plötzlich Hundegebell aufkam und Schüsse fielen.

Auch 30 Jahre später fängt die Stimme des Wahlmünchners noch an zu flattern und wird brüchig, wenn er von der damaligen Angst und der Verhaftung erzählt. Heute wisse man, dass die Landkarten in der DDR gefälscht waren, damit die Menschen sich nicht orientieren konnten, erzählt Proksch den rund 150 Schülern, die auffällig still seiner Erzählung folgen. Zwei Jahre und sechs Monate Haft bekam der damals 25-jährige Student für seinen Fluchtversuch. Die Höhe des Strafmaßes wurde schon vor dem Prozess festgelegt.

Seine Zelle war mit 17 Mördern und Triebtätern belegt – und ihm, den einzigen politischen Häftling. Proksch habe versucht, so unauffällig wie möglich die Zeit herumzubringen. Denn sollte es Probleme geben, könnte er keine Hilfe erwarten, habe man ihn schon gleich zu Anfang zu verstehen gegeben. „Mir ist jemand, der seine Frau im Affekt erschlägt lieber, als jemand, der mit Bewusstsein sein Land verrät“, habe ihn der Anstaltleiter begrüßt. 1985 kaufte ihn die Bundesrepublik frei.

In der anschließenden Fragerunde wollten die Schüler vor allem wissen, wie es dem Musiker und Komponisten gelang, in München Fuß zu fassen und wie er zum modernen Kommunismus stehe. Die DDR hatte mit Kommunismus wenig zu tun, so Proksch. Es herrschte eine Diktatur, die die Ideologie benutzte, um die Menschen leichter zu führen. Bei den Schülern kommt die Offenheit, mit der Michael Proksch auf alle Themen und Fragen eingeht gut an. „Er hat nichts beschönigt“, so Cornelia aus der Klasse 10d und Klassenkamerad Simon ergänzt: „Vieles kennt man schon aus Filmen, aber wenn es jemand persönlich erzählt, wird einem erst richtig bewusst, dass es alles auch wahr ist.“ Der Vortrag sei eine tolle Ergänzung zum Unterricht, findet Meryem (10e): „Es ist eine besondere Perspektive, wenn die Ereignisse mit den Gefühlen geschildert werden.“

Michael Proksch und seine Schwester Dorothea Ebert haben ihre Geschichte in dem Buch „Und plötzlich waren wir Verbrecher“ aufgeschrieben. Es erschien im Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Juli 2010, ISBN: 978-3423247993) und kostet 14,99 Euro.

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Königsbrunn | DDR | Dresden | München

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