Samstag, 21. Oktober 2017

13. August 2017 14:30 Uhr

Fischach

Letzte Erinnerungen

Im August 1942 wurden zehn jüdische Fischacher ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Seitdem lebt dort kein Israelit mehr. Doch vergessen sind sie nicht.

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Erna Mayerle zeigt Jakob Demmel das Foto mit Zilli Klopfer und Mayerles Mutter Ida Fischer. Die Tochter des jüdischen Metzgers Max Klopfer kam später zu Besuch nach Fischach. Die beiden Zeitzeugen erinnern sich noch an sie.
Foto: Marcus Merk

Ja, das ist Zilli Klopfer auf dem alten Foto. Erna Mayerle, geboren 1929, hält es in der Hand und zeigt es Jakob Demmel, der noch einmal vier Jahre älter ist als sie. Die beiden gehören zu den wenigen Fischachern, die sich noch an die Zeit erinnern können, als es dort in den Stauden eine recht große jüdische Gemeinde gab. Genau heute vor 75 Jahren, am 10. August 1942, wurden die letzten zehn von ihnen verschleppt. Sie wurden gezwungen, einen Zug zu nehmen, der sie über die Zwischenstation Milbertshofen zwei Tage darauf direkt ins Konzentrationslager Theresienstadt brachte. Überlebt hat keiner dieser zehn jüdischen Nachbarn, genauso wenig wie die 56 anderen Frauen, Männer und Kinder, die bereits am 1. April in Richtung Polen ihre Heimatgemeinde verlassen mussten. Die meisten von ihnen gelten als „verschollen in Piaski“.

Besser hatte es Zilli Klopfer. Im Mai 1938 besorgte sie sich in der Gemeindeverwaltung von Fischach einen Reisepass und konnte Deutschland rechtzeitig verlassen. Das Foto, das Erna Mayerle nun in der Hand hält, entstand, als Zilli Klopfer in den Sechzigerjahren ihre alte Heimat besuchte und dabei auch zu Ida Fischer kam, der Mutter von Erna Mayerle. Die war Schneiderin gewesen und vielen Fischachern bekannt – dabei kamen die jüdischen Nachbarn in den letzten Jahren hauptsächlich, um die gelben Sterne auf ihre Kleidung nähen zu lassen. Die Eltern von Zilli Klopfer hatten eine von zwei jüdischen Metzgereien im Ort, „dort haben alle eingekauft, Christen wie Juden“, erzählt Erna Mayerle. Gerade die Metzgerei Klopfer in der Hauptstraße sei so beliebt gewesen, dass die Fischacher auch nach dem Verbot, in jüdischen Geschäften einzukaufen, gerne an die Hintertür des Geschäfts gegangen sind und sich dort ihre Waren geholt haben.

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Zur Belohnung gab es eine Banane

Zilli Klopfer war nicht die einzige ehemalige Fischacherin, die zu einem Besuch zurückkehrte. Ein anderer war Nathan Maier. Er hatte bereits in einem Gespräch mit der Augsburger Allgemeinen im Jahr 1988 von seinen Erlebnissen erzählt, auch davon, dass er einige Wochen im Konzentrationslager Dachau verbringen musste, bevor er im Frühjahr 1939 in die Vereinigten Staaten auswandern konnte. Auch an die Familie Maier erinnert sich Erna Mayerle gut. Zwei von ihnen lebten in der Villa in der Augsburger Straße, die heute noch ein beachtliches Anwesen ist. „Wir spielten mit den Kindern. Und am Sabbat zündeten wir für die Familien die Lichter an oder öffneten Briefe mit dem Messer“, erinnert sie sich. Dafür gab es dann zur Belohnung eine Banane. „Etwas, das wir nicht hatten.“

Viele der jüdischen Familien waren als Viehhändler oder Fabrik- und Manufakturbesitzer recht wohlhabend, solange sie ihre Berufe ausüben durften. Als sie in der Zeit des Dritten Reiches immer ärger bedrängt wurden, waren es vor allem viele Jüngere, die auswanderten. „Das kostete freilich viel Geld“, beschreibt Erna Mayerle. Sie sagt, dass es dann Einzelne waren, die das Klima des Zusammenlebens vergifteten. Einer von ihnen war ein gefürchteter Postangestellter. Als Erna Mayerle als Mädchen einen Botengang für die jüdische Familie Nußbaum zur Post erledigte, wurde sie von ihm übel beschimpft. „Nach dem Krieg hat er dann meinen Vater gefragt, ob er nicht für ihn unterschreiben könnte, dass er gar kein schlimmer Nazi gewesen sei. Mein Vater hat ihn rausgeschmissen.“

Grausame Geschichten

Eine ähnliche Erinnerung hat auch Bürgermeister Peter Ziegelmeier (63), die er als Kind allerdings nicht entschlüsseln konnte. Auch er sollte als Kind einen Botengang erledigen. Seine Großmutter Rosa Ziegelmeier, früher Besitzerin eines Kolonialwarengeschäfts und eine, „die den Juden viel geholfen hat“, so Erna Mayerle, wollte partout nicht, dass er zu einem bestimmten Mann ging. „Später stellte sich heraus, dass der bei der Gestapo gewesen war“, weiß Ziegelmeier heute.

Zur Zeit der Deportationen war Jakob Demmel bereits Lehrbub bei einem Elektriker. „Ich kam praktisch in alle Fischacher Häuser“, erzählt er. Er bekam viel mit damals. Etwa, dass bei seinen Nachbarn, den Eichengrüns, immer wieder die Glasabdeckung des Frühbeets mit einem Stein kaputt geworfen wurde. Schließlich kam heraus, dass das derselbe Postangestellte war, der auch Erna Mayerle schikaniert hatte, der das wohl aus seinem Hass auf Juden heraus tat.

Andere Geschichten, an die er sich erinnert, sind grausamer. Wie jene von Bertold Götz, den die Nachbarn noch fragten, warum er denn mit einem Strick herumlaufe. Später fanden sie ihn, er hatte sich aufgehängt. Mindestens sechs Mitglieder seiner Familie wurden kurz darauf verschleppt und kamen um. Oder jene von Emma Fromm. Die musste eine Strafe zahlen, weil sie zu spät zum Bahnhof kam – zu ihrer eigenen Deportation ins Getto.

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Ein Artikel von
Jana Tallevi

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