Montag, 23. Oktober 2017

13. Oktober 2017 05:15 Uhr

Langenneufnach

Noch ein paar Schuh’, dann macht er zu

Martin Thoma schließt sein Geschäft in Langenneufnach. Damit verschwindet nicht nur der zweitälteste Handwerksbetrieb vor Ort. Es endet auch eine lange Tradition der Schuhmacher. Von Siegfried P. Rupprecht

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„Der Letzte seines Standes im Dorf“: So sieht sich Schuhmacher Martin Thoma – hier an der Nähmaschine in seiner Werkstatt – mit eigenen Worten. Dahinter ist eine Ausputzmaschine zu sehen. Beide haben ihm lange Zeit gute Dienste getan. In dem kleinen Laden scheint die Zeit stillzustehen.
Foto: Siegfried P. Rupprecht

In seiner Außenwirkung hat das Schuhgeschäft Thoma nie geklotzt. Das Schaufenster, das den Eingang auf einer Seite rahmt, ist klein. Für Dekorationen bleibt nicht viel Platz. Ein paar modische Trends zieren dennoch die Auslage. Trotzdem gilt Schuh Thoma – so die offizielle Firmierung – am Ende der Rathausstraße als gute Adresse. Aber nicht mehr lange. „Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe“ steht auf dem Plakat, das Martin Thoma ins Schaufenster geklebt hat. Zum Jahresende schließt er seinen Laden. Es sei die Zeit gekommen, Schluss zu machen, meint der 70-Jährige.

Kleine Kartons mit Schuhen sind in Regalen ordentlich gestapelt und sortiert. Vom Boden bis zur Decke. Sandalen, Halbschuhe, Hausschuhe, Stiefel. Geschmeidige Leder, fließende Formen. Kinder-, Damen- und Herrenmodelle. Nicht einfach, der Vielfalt dieses Genres gerecht zu werden. Martin Thoma hat es aber immer irgendwie geschafft, für seine Kunden eine gute Schuhauswahl anzubieten.

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Die Haltbarkeit ist wichtig

„Schuhe sind für mich Leidenschaft und Herzblut“, gesteht er. Für ihn stehen gutes, gesundes und bequemes Laufen im Mittelpunkt, aber auch die kleinen Fußprobleme der Kunden. Diese Faktoren bilden die Basis seines Angebots. Hinzu kommen Qualität und Haltbarkeit. Viele Kunden vertrauen auf seine Empfehlungen.

So hat sich Martin Thoma eine Stammkundschaft zugelegt, die ihm bis heute treu bleibt. Doch nun sei Schluss, sagt er. Immer weniger Menschen gehen ins klassische Fachgeschäft, bedauert Thoma. „Spezialisten und Discounter machen das Leben schwer.“ Zudem würden immer mehr Menschen sich zwar ausführlich im Laden beraten lassen und Modelle anprobieren, ihre Schuhe letztlich aber von zuhause aus im Internet bestellen. So durchlebe der Bereich Schuhe mehr und mehr einen tief greifenden Strukturwandel.

Das kleine Geschäft rechne sich unterm Strich nicht mehr, resümiert Thoma. Einen Nachfolger aus der Familie hat er ebenfalls nicht. Keines seiner vier Kinder hat den Beruf des Schuhmachers eingeschlagen.

Mit der Geschäftsaufgabe geht nicht nur ein Handwerksbetrieb zu Ende, auch eine lang gewachsene Institution. Die Schuhmacher-Ära der Familie startete 1863 mit Leonhard Thoma aus Gumpenweiler. Er kaufte für 1130 Gulden das damalige von Josef Erdle gebaute Pfründehaus in Langenneufnach. Im Jahr 1900 übernahm Anton Thoma die Schuhmacherei. 1948 erhielt er den Goldenen Meisterbrief. 1964 erbte Martin Thoma, der heutige Besitzer, den Handwerksbetrieb.

In Langenneufnach gab es vier Schuster

Da hatte dieser gerade in der Werkstatt von Josef Micheler eine Schuhmacherlehre absolviert. „Zu jener Zeit gab es in Langenneufnach vier Schuster“, erinnert sich Thoma. Bei dieser großen Konkurrenz sah er nicht seinen Lebensunterhalt gesichert. So arbeitete er nach seiner Lehre mehrere Jahre bei einem Steinmetz, dann vor Ort bei Schwaben-Kunststoff in der Produktion. Den Schuhladen führte zuerst Mutter Viktoria, nach seiner Heirat 1969 seine Frau Franziska. Jeweils am Wochenende stand Martin Thoma in der Werkstatt und reparierte Schuhe und ersparte dadurch deren Besitzern einen Neukauf. 1977 baute er ein neues Haus, in dem sich heute noch Laden und Werkstatt befinden. Parallel zur Gebäudeerstellung gab er die kleine Landwirtschaft mit drei Kühen, einem Schwein und etlichen Hühnern auf.

Die 1970er- und 1980er-Jahre waren für das Schuhgeschäft die besten Jahre. „Diese Epochen standen zwar für wirtschaftliche und politische Probleme, aber auch für Lebensgefühl und Umbruch“, blickt Martin Thoma zurück. Der Laden wies eine solide Stammkundschaft auf und wurde von den Dorfbewohnern kontinuierlich frequentiert. „Vor allem zum Schulanfang hat das Geschäft floriert“, erzählt Thoma. Der Slogan sei gewesen, immer einen Schritt voraus zu sein.

Schuh Thoma war damals in eine rege Infrastruktur eingebettet. Allein in der Rathausstraße, dem Domizil der Verkaufs- und Reparaturstelle, buhlten unter anderem Lebensmittel- und Hutgeschäft, Gärtnerei, Drogerie, Metzgerei, Textilhaus, Bäckerei, Maler, Schuster, ein Arzt und ein Viehhändler um Kundschaft. „Man kannte sich, achtete sich und lebte miteinander“, fasst Martin Thoma zusammen.

Immer wieder mal auch Beichtvater

Zu jener Zeit war Schuh Thoma auch eine Kommunikationsstätte. Mit den Kunden habe man viel geratscht, sie beim Vornamen angesprochen und über Gott und die Welt geredet, so Thoma. Man habe deren Sorgen mitbekommen, zuweilen auch deren Nöte geteilt. Viele seien immerhin über ein halbes Jahrhundert zum Schuhkauf gekommen, entsinnt sich Thoma. Wer knapp bei Kasse war, der durfte auch mal anschreiben lassen.

Bis Ende des Jahres will Martin Thoma seine Regale leer haben. Die Zeit nach dem Geschäftsleben ist ihm nicht bange. „Langweilig wird mir mit Sicherheit nicht“, meint er. Hobbys wie Arbeiten und Spazierengehen im Wald, Garteln und Schafkopfen seien dann verstärkt angesagt.

Einen konkreten Plan hat er schon: „Nach der Geschäftsschließung wird der Laden zu einem Wohnzimmer umgebaut.“ Darauf freue er sich bereits.

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