Montag, 23. Oktober 2017

23. Oktober 2008 13:42 Uhr

Zoff in der Nationalmannschaft

Ballack und Frings legen im Machtkampf nach

Im Machtkampf mit Bundestrainer Joachim Löw hat Torsten Frings erneut eine verbale Grätsche angesetzt und Kapitän Michael Ballack mit einem süffisanten Kommentar zusätzliches Öl ins Feuer gegossen.

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Für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist die von Ballack angeheizte Debatte um die Nationalmannschaft zu einer ernsten Gefahr geworden. Der DFB und Löw suchen daher intensiv nach einer Lösung, wie man den «ernsten Vorgang sauber aus der Welt schaffen» kann, wie es Verbands-Präsident Theo Zwanziger formulierte.

«Ich freue mich, dass der Trainer wieder den Dialog mit mir sucht. Und ich freue mich genauso auf unser Gespräch», sagte der von Löw wegen seiner öffentlichen Kritik zum Rapport nach Deutschland bestellte Ballack der «Bild»-Zeitung. Einen Gesprächstermin gebe es noch nicht, ließ Ballack verlauten und fügte hinzu: «Ich bin jedenfalls jederzeit zu diesem Vier-Augen-Gespräch bereit.» Die Terminsuche schob der 32-jährige Wahl-Engländer dabei dem Verband zu. Das müsse der DFB «mit meinem Arbeitgeber Chelsea London besprechen», erklärte Ballack.

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Löw steckt in der Zwickmühle. Einerseits kann er die via Zeitungsinterview geäußerte Kritik an seinem Kurs und seinen Personalentscheidungen nicht dulden, will er seine Autorität nicht verlieren. Andererseits weiß der Bundestrainer natürlich, dass Ballack als derzeit einziger deutscher Superstar auf internationalem Parkett ein wichtiger sportlicher Faktor auf dem Weg zum angestrebten WM-Gewinn 2010 ist.

«Das Problem dieser Grundsatz-Diskussion ist jetzt, dass sie öffentlich ausgetragen wird», bemerkte DFB-Sportdirektor Matthias Sammer. Jeder Halbsatz, jede Geste der beiden Persönlichkeiten gilt ab sofort als eine Art Regierungserklärung im deutschen Fußball: Es geht auch um Macht.

Sammer sieht Ballacks Versuch, wieder mehr Einfluss auf die Entwicklung im deutschen Nationalteam zu bekommen, als zu weitgehend: «Diese beiden Persönlichkeiten dürfen sich nicht auf eine Stufe stellen. Ein Trainer ist immer etwas Außergewöhnliches», sagte der Europameister von 1996 und ergänzte: «Diese Diskussion ist unnötig wie ein Kropf. Vor allem wie Jogi Löw jetzt in Erklärungsnot gekommen ist, ist nicht dienlich. Natürlich müssen wir da eine Reaktion zeigen. Grundsätzlich gilt es, die Autorität des Trainers zu schützen.»

Dem räumt auch Zwanziger oberste Priorität ein. «Jogi Löw ist für uns als Bundestrainer unverzichtbar», stellte er klar. Für Ballacks Verhalten zeigte der DFB-Präsident kein Verständnis. «Ich bin von seinem Stil arg enttäuscht. Er muss, erst recht als Kapitän, die gemeinsam vereinbarten Spielregeln beachten, die für die Funktionsfähigkeit des Teams unerlässlich sind. Er hat in massiver Weise gegen einen Verhaltenskodex verstoßen, der bei der Nationalmannschaft ganz oben in der Liste steht», übte Zwanziger in einem Interview mit der «Frankfurter Rundschau» heftige Kritik an dem England-Legionär.

Dennoch werden Löw und die DFB-Verantwortlichen um eine WM-Lösung mit dem aufmüpfigen Ballack kämpfen, denn dessen Rolle als Antreiber und Aufrüttler im Team kann so schnell kein anderer Spieler übernehmen. Ein Rauswurf wie bei Kevin Kuranyi ist aus diesem Grund eher unwahrscheinlich. Bliebe die Möglichkeit, Ballack die Kapitänsbinde wegzunehmen - als letzte Warnung und Signalwirkung. Dies käme allerdings einer Demontage des Leitwolfs gleich.

Während Löw mit Ballack den Dialog suchen will und muss, dürfte das Tischtuch zwischen dem Bundestrainer und Frings nach dessen erneuter Attacke wohl endgültig zerschnitten sein. In Anspielung auf den Ärger um Kuranyis Flucht aus dem Nationalteam, seine eigene Rücktrittsdrohung und Ballacks Aussagen erklärte der 31-Jährige nach dem Champions-League-Spiel mit Werder Bremen bei Panathinaikos Athen: «Es ist ja nicht umsonst so, dass gestandene Spieler sauer sind, sich aufregen oder etwas einfordern. Vielleicht sollte man sich auch mal Gedanken machen, warum das so ist.»

Die öffentliche Kritik des Kapitäns bezeichnete der 78-malige Nationalspieler als gerechtfertigt. «Dass Michael Ballack das offen anspricht, ist sein gutes Recht. Er ist Kapitän der Mannschaft und merkt auch, wenn etwas nicht korrekt abläuft. Eine Meinung wird man ja wohl noch äußern dürfen. Wenn Michael Ballack nichts mehr sagen kann, darf niemand mehr etwas sagen», erklärte Frings. Er selbst wolle seine Zukunft in der Nationalmannschaft noch einmal durchdenken; sich dabei auch mit dem Trainer, Manager, Freunden und der Familie besprechen. Danach werde er entscheiden, «ob ich noch irgendeine Perspektive sehe für mich».

BremensManager Klaus Allofs hat Löw und Frings erneut zu einem gemeinsamenGespräch aufgefordert. «Ich kann allen nur raten, dass man sich schnellzusammensetzt und das unter vier Augen - oder sechs Augen, wenn esnötig ist - bespricht», sagte Allofs in Bremen. «Das, was jetztpassiert, ist für niemanden gut», kommentierte der Manager den sichzuspitzenden Konflikt. Und ergänzte: «Es wäre schade, wenn MichaelBallack und Torsten Frings ihre Karrieren jetzt schon beenden würden.»

«Essollte sich nicht jeder in seine Ecke verkriechen, sondern man mussmiteinander reden», forderte der Werder-Manager: «Vielleicht waren esja nur Missverständnisse, vielleicht kann man die ausräumen. Wir stehenzu unserem Spieler».

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