Dienstag, 17. Oktober 2017

20. Mai 2017 00:05 Uhr

Bundesliga

„Hier sind Existenzängste mit im Spiel“

Der Sportpsychologe Werner Mickler erklärt, was vor entscheidenden Partien wichtig ist und was nicht

i

Herr Mickler, vor dem letzten Bundesligaspieltag kämpfen drei Teams um Platz 15. Wie schätzen Sie als Sportpsychologe die Ausgangslage ein?

Die Teams, die über dem Strich stehen, haben etwas zu verlieren. Der HSV dagegen kann nur gewinnen – das ist mental ein Vorteil für die HSV-Spieler. Zudem kennen sie aus der Vergangenheit diese Situation, ein sehr wichtiger Aspekt im Abstiegskampf. Ähnliches gilt für Augsburg. Für Wolfsburg ist das Ganze viel schwieriger. Der Klub war ja mit völlig anderen Erwartungen in diese Saison gestartet.

ANZEIGE

Sie sind unter anderem in der Fußballlehrer-Ausbildung an der Sporthochschule in Köln tätig. Geben Sie dort angehenden Bundesligatrainern auch allgemeingültige Strategien für den Abstiegskampf an die Hand?

Nein, denn die gibt es nicht. Entscheidend ist in einer solchen Situation, dass der Trainer seine Mannschaft ganz genau beobachtet. Um die passende Antwort auf die Frage zu finden, was sie braucht. Die Lösungen können ganz unterschiedlich sein, weil der Trainer es mit Menschen zu tun hat und jeder anders fühlt und reagiert. Haben die Spieler das Gefühl, sie werden von den Medien und den Menschen im Umfeld permanent auf den Abstiegskampf angesprochen, kann beispielsweise ein Trainingslager ein gutes Mittel sein. Wenn aber die Familie als letzter und einziger Bereich wahrgenommen wird, wo man abschalten kann, ist das Trainingslager kontraproduktiv.

Oliver Kahn betont oft die leistungssteigernde Wirkung von Druck…

Ja, aber er meint den positiven Druck, den der Spieler verspürt, wenn er etwas gewinnen kann, die Meisterschaft, das Pokalendspiel oder die Champions League. Oder nehmen wir die Hoffenheimer. Platz vier ist ihnen sicher, aber es ist auch noch Platz drei möglich. Die können nur gewinnen. Wer im Abstiegskampf steckt, muss mit negativem Druck klarkommen. Es droht der Verlust des Vertrags. Der Spieler spürt möglicherweise auch bei den Leuten in der Geschäftsstelle, dass sie sich um ihre Arbeitsplätze Sorgen machen – hier sind Existenzängste im Spiel.

Der Grat zwischen Fokussierung und Verkrampfung ist in einer solchen Situation besonders schmal...

Wir kennen das alle: Wenn man sich mit etwas zu sehr auseinandersetzt, verkrampft man und bekommt seine Leistung nicht hin. Angst hemmt. Deshalb muss der Trainer seinen Spielern auch klar machen, dass es sich am Ende doch nur um ein Fußballspiel handelt. Er sollte Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen. Das kann abfärben. Und er muss einen Plan haben und sein Konzept den Spielern vermitteln. Haben sie Lösungsstrategien, gehen sie ganz anders ins Spiel. Das gibt ihnen Sicherheit.

Sollte in der Vorbereitung auch der Fall durchgespielt werden, dass man in Rückstand gerät, oder gilt es, ein solches Szenarium komplett auszublenden?

Auch hier ist es hilfreich, wenn der Trainer der Mannschaft für diesen Fall Strategien mit auf den Weg gibt. Aber er sollte das nicht am Spieltag selbst tun, sondern in den Tagen vorher. Sonst droht die selbsterfüllende Prophezeiung...

In der Sportpsychologie wird immer wieder betont, wie wichtig Bilder im Kopf sind.

Ich kann das nur unterstreichen. Das muss aber trainiert werden, und zwar nicht erst ein paar Tage vor dem entscheidenden Spiel.

Im Internet wurde die Kabinenansprache von Arminia Bielefelds Co-Trainer Carsten Rump vor der Partie gegen Braunschweig hunderttausendfach angeklickt. Haben Sie den flammenden Appell auch gesehen?

Ja.

Die Spieler mussten am Ende versprechen, dass sie auf dem Platz für ihre Frauen und für ihre Kinder alles geben würden. Tatsächlich fertigte die Arminia als Vorletzter den Tabellendritten Braunschweig mit 6:0 ab. Rump hat wohl alles richtig gemacht...

Ich war nicht dabei und weiß nicht, wie es in der Mannschaft aussah. Aber ich traue Carsten Rump zu, dass er als Co-Trainer das richtig einschätzen konnte. Er fand offensichtlich, dass die Spieler nochmals hochgepuscht werden müssen, weil in den Spielen davor möglicherweise die letzten Prozente noch gefehlt hatten. Und das Ergebnis gibt ihm ja recht. So etwas kann aber auch in die entgegengesetzte Richtung gehen.

Sollten die Spieler während der Partie von den Zwischenständen in den anderen Stadien unterrichtet werden.

In meinen Augen ist das nicht hilfreich. Es lenkt eher ab und kann die Spieler in falscher Sicherheit wiegen.

Interview: Roland Wiedemann

i

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema