Der Druck war zu groß. Ralf Rangnick, Trainer von Schalke 04, ist am Donnerstagmorgen überraschend zurückgetreten. Noch vor wenigen Monaten - im Mai 2010 - strahlte Rangnick bei der Pressekonferenz des DFB-Pokals in Berlin wie ein Lausbub nach einem gelungenen Streich. Er machte Faxen mit den Journalisten und kokettierte mit einem Verbleib von Manuel Neuer. Er war gut drauf, gerade eben hatte sein neuer Verein Schalke 04 den DFB-Pokal gewonnen; der Verein, den er erst im März von Felix Magath übernommen hatte. Aus Rangnick sprach die Leichtigkeit des Seins, auch wenn er kaum Verdienst am Pokal-Sieg hatte und er wohl durchaus wusste, dass er Manuel Neuer zum FC Bayern München ziehen lassen muss.
In der Nachbetrachtung scheint die äußerliche Stimmungslage eine Maske gewesen zu sein. Das Innenleben des bescheidenen Württemberger aus Backnang mit dem leicht schwäbischen Akzent offenbart nun die tatsächliche Wirklichkeit. Es ist wie ein Schlag ins Gesicht für alle Schalke-Anhänger. Ralf Rangnick verlässt die "Königsblauen". Der Grund: Erschöpfungssyndrom oder Burn-Out, wie man es mittlerweile im Volksmund nennt.
Der Fußball-Professor gegen das Establishment
Von außen betrachtet wirkte Rangnick oft unnahbar; der Trainer, der einst durch sein revolutionäres Spielsystem beim SSV Ulm 1846 auf den Zettel der großen Bundesliga-Klubs kam, verbog sich trotz seiner Erfolge als Profitrainer nicht. Er rieb sich bereits in der ersten Amtszeit bei Schalke 04 mit der Klubführung. Nach der Winterpause brach Rangnick spontan zu einer Ehrenrunde auf, um den Fans für ihre Solidarität zu danken. Es kostete Rangnick den Job. Er hatte emotional gehandelt.
Bei der TSG Hoffenheim ging Ralf Rangnick im Clinch mit Mäzen Dietmar Hopp. Er bot dem Multi-Milliardär in der Winterpause 2010/11 die Stirn, als Hopp über seinen Kopf hinweg mit den Bayern-Vorständen Hoeneß und Rummenigge einen 18-Millionen-Deal um Luiz Gustavo aushandelte. Die Folge: Rangnick zog seine Linie durch, reagierte erneut emotional und schmiss bei den Kraichgauern hin - oder wurde hingeschmissen.
Rangnick kämpft gegen Windmühlen
Es scheint so, als laufe Ralf Rangnick sein ganzes Leben schon gegen imaginäre Mauern des Systems. Der "Fußball-Professor" - Mimik und Gestik seiner Monologe über Fußball erinnern stark an einen Mathematik-Professor - rieb sich an den Gesetzen des Marktes auf. Scheinbar hat ihn dieser Widerstand gegen das System nun endgültig geschafft. Er ist nicht unnahbar, unter seiner Hülle ist er eben emotional.
Profis mit Burn-Out oder Depressionen
Sebastian Deisler: Der Fußballspieler des FC Bayern München ließ sich 2003 wegen anhaltender Depressionen stationär behandeln. 2007 beendete Deisler wegen Verletzungen und dem Druck im Fußball-Geschäft seine Karriere im Alter von 27 Jahren.
Jan Simak: Der Fußball-Profi galt einst als Wunderknabe. Er wurde von Bayer Leverkusen als Nachfolger von Michael Ballack verpflichtet. Den Erwartungen in ihn wurde Simak allerdings nie gerecht. Er zog sich 2003 - mittlerweile ausgeliehen an Hannover 96 - wegen einem Erschöpfungssyndrom in Verbindung mit schweren Depressionen zurück. Simak hatte auch Probleme mit Alkohol. Seit einem Entzug zeigt Simak wieder passable Leistungen. Momentan spielt er bei Carl Zeiss Jena.
Gianluigi Buffon: In den Jahren 2003 und 2004 litt der italienische Nationaltorhüter an starken Depressionen. Mittels Therapie zog sich Buffon aus dem Tief.
Robert Enke: Der Nationaltorhüter und Spieler von Hannover 96 litt seit 2003 an starken Depressionen. Er ließ sich immer wieder therapeutisch behandeln. Einen Erfolg hatte die Behandlung allerdings nicht. Robert Enke nahm sich am 10. November 2009 das Leben.
Andreas Biermann: Am 20. November 2009 gab der Profi von St. Pauli bekannt, dass er wie Enke an Depressionen leidet und sich stationär behandeln lässt. Biermann hatte im Oktober versucht, sich das Leben zu nehmen. Er überlebte. Mittlerweile spielt der 30-Jährige für den FC Spandau 06, weil St. Pauli seinen Vertrag nicht mehr verlängerte.
Markus Miller: Der ehemalige FCA-Torhüter gab im September 2011 bekannt, dass er an einem angehenden Burnout leidet. Er will die Krankheit mit Hilfe einer stationären Therapie in den Griff bekommen. Miller setzte bewusst die Öffentlichkeit über seine Krankheit in Kenntnis.
Ralf Rangnick: Der Fußball-Trainer von Schalke 04 legte am 22. September 2011 seine Arbeit beim Bundesligisten nieder. Rangnick äußerte sich in der Öffentlichkeit, dass er momentan nicht die Kraft für eine solche Aufgabe hat. Rangnick zieht sich mit einem Erschöpfungssyndrom aus dem aktiven Profi-Geschäft zurück.
Sven Hannawald: Der ehemalige Olympia-Sieger im Skisprung beendete im Jahr 2005 seine aktive Karriere. Ein Jahr zuvor begab sich die damalige Nummer eins im Skisport in stationäre Behandlung wegen eines Burnout-Syndroms. Nach erfolgreicher Therapie wendete sich Hannawald vom aktiven Leistungssport ab.
Florian Mayer: Der Profi-Tennisspieler legte im Jahr 2008 eine sechsmonatige Pause vom Profi-Sport ein. Erst im Jahr 2011 gab Mayer bekannt, dass er sich in dieser Zeit in einem tiefen mentalen Loch befand. Mittlerweile hat Mayer aber seinen Burnout überwunden und ist ins Profi-Tennis zurückgekehrt.
Rangnick rettet sich in die Öffentlichkeit. Der 53-Jährige gibt zu, dass er ein mentales Problem hat, die Akkus leer sind. Er gibt über seinen Verein bekannt: "Nach langer und reiflicher Überlegung bin ich zum Entschluss gekommen, dass ich eine Pause brauche. Die Entscheidung so zu treffen, ist mir unheimlich schwer gefallen. Doch mein derzeitiger Energielevel reicht nicht aus, um erfolgreich zu sein und insbesondere die Mannschaft und den Verein in ihrer sportlichen Entwicklung voranzubringen."
Unterschiedliche Menschen, gleiche Probleme - Markus Miller und Ralf Rangnick
Das ist Schalke 04
Der vollständige Name des Bundesligisten lautet FC Gelsenkirchen-Schalke 04 e.V - kurz FC Schalke.
Berühmter Versprecher: Die ehemalige Moderatorin der aktuellen Sportstudio (ZDF), Carmen Thomas, erlangte mit dem Satz "FC Schalke 05 gegen – jetzt hab ich's vergessen – Standard Lüttich" (Sendung vom 21. Juli 1973) ungewollte Bekanntheit. Sie verlor jedoch nicht - wie oft behauptet - ihren Job beim Sportstudio wegen der falschen Zahl bei Schalke, sondern moderierte die Sendung noch weitere anderthalb Jahre.
Seit dem 13. August 2001 ist die Veltinsarena das Heimstadion der Gelsenkirchener. Die Multifunktionsarena bietet Platz für 61.673 Fußballfans. Das Besondere: Über ein unterirdisches System kann der Fußballrasen komplett auf dem Stadion gefahren werden. Das Rein- und Rausfahren dauert allerdings mehrere Stunden und kostet jedes Mal 13.000 Euro.
Der FC Schalke wurde sieben Mal Deutscher Meister. 1934, 1935, 1937, 1939, 1940 und 1942 gewannen sie die ersten sechs Titel. Die letzte Meisterschaft ging vor über fünfzig Jahren (1958) nach Gelsenkirchen.
1971 war der Verein in einen Skandal verwickelt. Gegen Bestechungsgelder hatten die Schalker absichtlich 0:1 gegen Arminia Bielefeld verloren.
Mit je 6:1 fielen die drei größten Heimsiege gegen Kickers Offenbach (1972), Fortuna Köln (1974) und Borussia Dortmund (1985) aus.
Bei der höchsten Niederlage vor heimischem Publikum kassierten die Schalker sieben Tore vom FC Bayern München (9. Oktober 1976).
Die meisten Tore für Schalke erzielte Klaus Fischer. Mit 182 Treffern (in elf Jahren) hält er mit Abstand den Rekord. Auf Rang zwei ist Ebbe Sand (74 Treffer in sieben Jahren) , danach folgt Kevin Kuranyi (71 Tore in fünf Jahren).
Klaus Fichtel war außerdem der älteste Feldspieler, der je in der Bundesliga auflief. Bei seinem letzten Einsatz 1988 war er 43 Jahre und sechs Monate alt.
Seit 1991 spielt Schalke durchgängig in der 1. Bundesliga. Insgesamt mussten die Gelsenkirchener ^seit 1963 nur fünf Spielzeiten in Liga zwei zubringen.
Diese Sätze häufen sich. Erst Anfang September stellte sich Torhüter Markus Miller von Bundesligist Hannover 96 der Öffentlichkeit mit der Aussage: "Ich habe mich dazu entschlossen, meinen Klub, unsere Fans und die Medien über meine Erkrankung zu informieren. Seit einiger Zeit habe ich immer seltener das Gefühl, dass ich der Mannschaft wirklich helfe oder etwas Wesentliches bewirke. Dabei erlebte ich zunehmenden, großen inneren Druck und Anspannungen, die mich begannen zu blockieren." Miller und Rangnick - zwei unterschiedliche Menschen mit den gleichen Gedanken. Sie wirken in ihren Aussagen mutlos.
Basti-Fantasti - zu viel Last für Sebastian Deisler
Einer, der ebenfalls am System Profi-Sport zerbrach, war Sebastian Deisler. Die Hoffnung des deutschen Fußballs wollte nicht mehr. Nach unzähligen Knieverletzungen und der Gewissheit, die Last des Erfolges von Fußball-Deutschland auf seinen Schultern zu tragen, wollte Basti-Fantasti nicht mehr. Er erklärte im Januar 2007 im Alter von 27 Jahren seinen Rückzug aus dem Profi-Sport. Zuvor hatte sich Deisler ebenfalls stationär wegen Depressionen behandeln lassen. Mittlerweile ist der ehemalige Nationalspieler völlig aus der Öffentlichkeit verschwunden.
Das traurige Kapitel Robert Enke
Suizide im Spitzensport
November 1992 - Hubert Schöll: Der frühere HSV-Profi (46) erschießt sich auf einem Kinderspielplatz in Fürth. Schulden trieben ihn in den Tod.
Mai 1994 - Luis Ocaña: Spaniens Radsportidol erschießt sich mit 48 Jahren in seinem Haus in Südfrankreich. Er war schwer krank.
Mai 1998 - Justin Fashanu: In einer Londoner Garage erhängt sich der frühere englische Fußball-Profi (37), der sich 1990 in England in der Presse als homosexuell outete. Wegen sexueller Misshandlung eines Minderjährigen wurde er mit internationalem Haftbefehl gesucht.
Mai 1999 - Sven Meyer: Aus Liebeskummer erschießt sich der deutsche Eiskunstlauf-Meister von 1998 mit 21 Jahren in Berlin.
März 2000 - Alban Wüst: Der frühere Schalke-Profi (52) nimmt sich das Leben. Er hatte zwischen 1969 und 1971 32 Spiele für Schalke 04 absolviert.
April 2008 - Steffen Krauß: Der frühere DDR-Fußball-Nationalspieler (43) springt aus dem sechsten Stock einer Klinik in den Tod. Er lag dort wegen schwerer Verbrennungen, die er bei einer Explosion in seiner Schmiede erlitten hatte.
Juni 2008 - Adam Ledwon: Bayer Leverkusens früherer Mittelfeldspieler (34) nimmt sich in Österreich das Leben. Zuletzt hatte der polnische Fußball-Profi für den Erstligisten Austria Kärnten gespielt.
Februar 2009 - Christophe Dupouey: Der frühere Mountainbike-Weltmeister (40) nimmt sich das Leben. Wegen Dopings war der Franzose zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Zuletzt leitete er einen Fahrradverleih.
Februar 2009 - Mike Whitmarsh: In der Garage eines Freundes tötet sich der amerikanische Beachvolleyballer mit Auspuffgasen. Der 46-Jährige hatte bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 die Silbermedaille gewonnen.
Juli 2009 - Arturo «Thunder» Gatti: Der Ex-Box-Weltmeister (37) erhängt sich in seinem Ferienappartement im brasilianischen Küsten-Nobelort Porto de Galinhas. Der Italo-Kanadier stand unter Alkoholeinfluss.
September 2009 - Darren Sutherland: Der irische Boxer, Bronzemedaillen-Gewinner der Olympischen Spiele 2008 in Peking, erhängt sich mit 27 Jahren in seiner Londoner Wohnung.
November 2009 - Dimitri De Fauw: Der belgische Radprofi (28) nimmt sich mit 28 Jahren das Leben. Seit einem tragischen Unfall 2006 soll er unter Depressionen gelitten haben.
November 2009 - Robert Enke: Der deutsche Fußball-Nationaltorwart lässt sich mit 32 Jahren an einem Bahnübergang bei Hannover von einem Zug überrollen. Er litt an schweren Depressionen.
April 2011 - Der ehemalige Fußballer Cheung Sai-ho (35) springt in Hongkong nach einem Ehestreit in den Tod. Der Ex-Nationalspieler sorgte 1993 für einen Weltrekord, als er bei einem Junioren-Turnier in England nach nur 2,8 Sekunden ein Tor erzielte.
Juli 2014 - Der ehemalige Fußballprofi Andreas Biermann nimmt sich im Alter von 33 Jahren das Leben. Es war bekannt, dass der ehemalige FC St. Pauli-Spieler an Depressionen litt.
Was Ralf Rangnick, Markus Miller und Sebastian Deisler gelang - die Reißleine der rigoros mahlenden Mühle Profi-Sport zu ziehen -, glückte einem Bundesliga-Profi nicht: Robert Enke. Der Torhüter von Hannover 96 war von Angst gebeutelt. Er litt über Jahre an Depressionen und sah schließlich nur noch den Ausweg im Suizid. Enke wendete sich nicht an die Öffentlichkeit, er befürchtete das Sorgerecht seines Adoptivkindes zu verlieren. Der damalige Nationaltorhüter verschloss sich gegenüber der Öffentlichkeit, versuchte dem Druck standzuhalten. Robert Enke scheiterte. Er nahm sich am 10. November 2009 das Leben.
Hannawald bekanntester Sportler außerhalb Fußball
Erschöpfungszustände sind allerdings nicht nur im Profi-Fußball zuhause. Auch in anderen Sportarten erlitten einige erfolgreiche deutsche Sportler diese Krankheit. Sven Hannawald gewann als Skispringer so ziemlich alles, was es zu gewinnen gibt. Er war Olympia-Sieger und Vier-Schanzen-Tournee-Gewinner. Dennoch hielt er dem Druck nicht stand. Im Jahr 2004 wurde öffentlich, dass der deutsche Gold-Junge an Burnout leidet. Er zog sich aus dem aktiven Sport zurück, ließ sich behandeln und kehrte anschließend dem Ski-Springen den Rücken. Hannawald begann im Jahr 2005 eine Karriere als Rennfahrer. mit dapd