Montag, 19. Februar 2018

09. Januar 2018 06:24 Uhr

Fußball

Verheizt die Fußball-Bundesliga ihre Spieler?

Die Anzahl der Verletzungen nimmt stetig zu. Vor allem Muskeln sind betroffen – dabei könnten diese Blessuren verhindert werden. Der Augsburger Arzt Boenisch kritisiert das System.

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Autsch: Wohl kaum ein Spieler hat in den vergangenen Jahren so viel mit Verletzungen zu kämpfen gehabt wie Stuttgarts Verteidiger Holger Badstuber.
Foto: Witters (Archiv)

Dass es beim FC Augsburg in dieser Saison so gut läuft, liegt auch an der Verfassung der Spieler: Kaum einer der FCA-Kicker fiel bisher über längere Zeit aus. Das Online-Projekt fussballverletzungen.com, das seit 2010 die Ausfallzeiten aller Bundesligaprofis untersucht, bestätigt dies: In der bisherigen Saison waren nur die Spieler von RB Leipzig seltener verletzt. Zur gesamten Verletztentabelle der Bundesliga geht es hier.

Der allgemeine Trend spricht jedoch eine andere Sprache: Die Anzahl der Blessuren steigt seit Jahren kontinuierlich. Kamen Bundesligaspieler in ihren Klubs in der Saison 2009/10 noch insgesamt 1186 Verletzungen, stieg dieser Wert in der vergangenen Spielzeit auf 1554 Blessuren. Andererseits stehen die Spieler ihren Klubs immer schneller wieder zur Verfügung, im Schnitt 13 Tage nach einer Verletzung. Das ist in etwa doppelt so schnell wie in der Saison 2009/10. Für den Mediziner Dr. Ulrich Boenisch ist das bedenklich.

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Der bundesweit bekannte Kniespezialist ist ärztlicher Leiter der Augsburger Hessingpark-Clinic und behandelt Nationalspieler wie Jérôme Boateng oder Sami Khedira. Einen der Hauptgründe für die Verletzungsflut sieht er – neben der hohen Belastung durch viele Partien und der kräftezehrenden Spielweise – darin, dass kaum ein Profi seinem Körper noch die nötige Zeit gibt, um zu regenerieren. Er sagt: „Der Druck, wieder auf dem Platz zu stehen, ist sehr oft groß. Das ist sportlichen und wirtschaftlichen Zwängen unterworfen.“ Vor allem bei jungen Spielern stößt er nicht nur auf aktuelle, sondern auch auf schlecht ausgeheilte Verletzungen, die zu Folgeverletzungen führen.

Vor allem die Muskelverletzungen sind ein Zeichen für Überbeanspruchung

Bezeichnend dafür ist eine andere Erkenntnis von fussballverletzungen.com: Am häufigsten verletzen sich Fußballspieler im Muskelbereich – dabei seien diese Ausfälle, wie Boenisch bestätigt, oft eine Folge von schierer Überanstrengung und wären bei entsprechender Regeneration zu vermeiden.

Der Druck, immer einsatzbereit sein zu müssen, ist enorm. Boenisch sagt: „Bei einer WM oder EM will jeder dabei sein. Und dafür zahlen viele einen hohen Preis.“ Wie sehr manche Verletzungen verschleppt und unter der Saison ignoriert werden, kann der Mediziner am Ende einer jeder Spielzeit betrachten: Wenn die sportlichen Entscheidungen gefallen sind, strömen die Profi-Spieler in die Hessingpark-Clinic, um ihre Blessuren endlich versorgen zu lassen.

Zum Ende der Saison hin ist die Praxis von Boenisch immer voll

Boenisch sagt: „Erst dann steigt die Bereitschaft, sich behandeln zu lassen. Im April und Mai habe ich hier die Praxis voll.“ Dass sogar Trainer von ihrem Ärzteteam einfordern, Spieler nach einer Verletzung möglichst schnell wieder auf den Platz zu schicken, kann Boenisch nicht nachvollziehen: „Dieses Verhalten dürfen wir Ärzte nicht mitgehen.“ Der Bogen sei ohnehin schon seit langem überspannt.

Übrigens: In der vergangenen Saison hatte der FC Augsburg noch deutlich mehr mit Verletzungen zu kämpfen. In der Abschlusstabelle landete der Klub auf Rang 14. Ausschlaggebend dafür war vor allem die Anzahl der Langzeitverletzten: Der Brasilianer Caiuby fiel mit einem Knorpelschaden nahezu die gesamte Saison aus, auch Torjäger Alfred Finnbogason konnte wegen einer Schambeinentzündung große Teile der Spielzeit nicht absolvieren.

Um die Verletztenmisere zu beenden, tauschte der Klub vor dieser Spielzeit in der Betreuung der Spieler einiges an Personal aus. Stefan Reuter sagte gegenüber unserer Redaktion: "In der Sommervorbereitung haben die Spieler sehr viel und lange an ihrer Verfassung gearbeitet. Wir haben den Trainerstab erweitert und beschäftigen uns individuell mit jedem Spieler. Dadurch können wir das Verletzungsrisiko verringern." Das scheint sich nun auszuzahlen.

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Ein Artikel von
Florian Eisele

Augsburger Allgemeine
Ressort: Sport