Sonntag, 19. November 2017

13. November 2017 15:20 Uhr

DFB-Elf

Warum Toni Kroos für die deutsche Mannschaft so wichtig ist

Toni Kroos ist in der DFB-Elf nicht mehr wegzudenken. Er ist der Denker und Lenker im Mittelfeld. Trotzdem macht er es den Fans nicht immer leicht, ihn zu mögen.

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Toni Kroos hat inzwischen eine beachtliche Titelsammlung angehäuft. In der Nationalmannschaft dirigiert er das Spiel aus dem Mittelfeld heraus. Der nächste Gegner heißt Frankreich.
Foto: Christian Charisius, dpa

Da kann der Bundestrainer viel erzählen. Dass er beispielsweise ein Freund einer gewissen „Fehlerkultur“ sei. Wonach das Ergebnis eines Spiels ja gar nicht so wichtig sei, sondern vielmehr das Erkennen und spätere Ausmerzen der Fehler. Dass er noch nicht so erfahrenen Spielern die Möglichkeit geben wolle, sich auf höchstem Niveau zu messen. Toni Kroos hat eine andere Sichtweise. „Natürlich wollen wir das Spiel gewinnen“, lautet sein dringendster Wunsch an das Freundschaftsspiel heute Abend (20.45 Uhr/ARD) gegen Frankreich.

Mit dem Gewinnen kennt sich kein anderer deutscher Spieler so gut aus wie er. Weltmeister, mehrfacher deutscher Meister, spanischer Meister und dreifacher Titelträger in der Champions League. Kein anderer Akteur aus dem deutschen Kader hat eine derart ansehnliche Titelsammlung vorzuweisen.

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Mit den Titeln wuchs auch das ohnehin vorhandene Selbstvertrauen des 27-Jährigen. Schon vor seinem Wechsel im Jahr 2014 vom FC Bayern zu Real Madrid hielt er sich für einen der weltbesten Mittelfeldspieler. Sein Verbleib in München scheiterte ja vor allem daran, dass er so viel verdienen wollte wie die absoluten Topstars der Münchner.

Karl-Heinz Rummenigge verweigerte Kroos die Gehaltserhöhung in die Sphären eines Mario Götze oder Thomas Müller. Für ihn war Kroos nicht viel mehr als ein talentierter Techniker, dem es mitunter ein wenig an Biss fehlt. All seine bisherigen Trainer sahen das anders. Auch der damalige Coach Pep Guardiola wollte ihn nur ungern gehen lassen.

Wegen Kroos sah Xabi Alonso keinen Platz mehr für sich in Reals Starensemble. Ein Jahr später verließ Sami Khedira die Spanier. Kroos hatte ihn verdrängt.

Toni Kroos dirigiert das Spiel der deutschen Mannschaft

Sein Spiel macht es den Fans nicht immer leicht. Weil es selten bemüht ausschaut. Weil es wirkt, als ginge ihm alles leicht vom Fuß. Kritiker bemängeln seine fehlende Torgefahr und die fehlenden Torvorlagen – verkennen dabei aber, dass Kroos das Spiel dirigiert. Es braucht auch einen vorletzten und vorvorletzten Pass, um zum Torerfolg zu kommen. Wird in diesem Bereich ein Fehlpass gespielt, ist die eigene Deckung entblößt. Kroos hat möglicherweise den verantwortungsvollsten Job im Spiel der deutschen Mannschaft.

Tauchte er von dieser Position vor wenigen Jahren gerne noch ab, wenn er die Last des Spiels nicht mehr tragen wollte, geht er nun voran. Kroos hat sich gewandelt, auch äußerlich. Kurzhaarfrisiert mit breitem Lächeln galt er als Liebling der Schwiegermütter. Frisur und Lächeln sitzen immer noch, mittlerweile aber ist sein kompletter linker Arm tätowiert. Das ist schon lange kein Zeichen von Rebellion oder semilegalen Brüderschaften, und doch wurde es vom bekennenden Fan der Seichtpop-Band Pur am wenigsten erwartet. Mit einer Uhr, einer Blume und dem Bild seines Sohnes Leon würde er in einschlägigen Vierteln auch eher auf mildes Kopfschütteln stoßen. Auf der rechten Seite ziert noch dazu der Name seiner Tochter Amelie den Unterarm. Und doch wirkt es, als sei der gutbürgerlich erzogene Kroos kurz ins Blingbling-Rap-Milieu getaucht.

Diese anpackende Art fehlte dem deutschen Spiel am vergangenen Freitag gegen England. Das Duo Gündogan / Özil verlor sich manchmal im Ungefähren. Gegen Frankreich soll Kroos zusammen mit Sami Khedira das Spiel ordnen. So lautet zumindest der Plan Löws. Wer aber an der Seite von Kroos spielt, ist ihm „relativ egal“.

Im Vergleich zu Khedira kämen Gündogan und Sebastian Rudy eher über das spielerische Element, doch wer aufläuft, müsse letztlich der Bundestrainer entscheiden. Klar ist aber: Wer spielt, spielt neben Kroos. Dem, der mit einer „Fehlerkultur“ recht wenig anfangen kann.

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Ein Artikel von
Tilmann Mehl

Augsburger Allgemeine
Ressort: Sport