Donnerstag, 17. August 2017

ERC Ingolstadt

29. März 2017 06:39 Uhr

ERC Ingolstadt

Larry Mitchell im Interview: „Ingolstadt war meine Wunsch-Option“

Ex-AEV-Trainer Larry Mitchell möchte Ingolstadt als Sportdirektor zurück in die Erfolgsspur bringen. Ein Gespräch über seine Pläne und die Entscheidung, nach Ingolstadt zu gehen.

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Der ERC Ingolstadt hat einen Nachfolger für den vor knapp zwei Wochen beurlaubten Sportdirektor Jiri Ehrenberger gefunden: Larry Mitchell übernimmt ab sofort die sportliche Leitung.

Seit Dienstagvormittag, 11 Uhr, ist es offiziell: Larry Mitchell heißt der neue Sportdirektor des ERC Ingolstadt. Der ehemalige Headcoach der Augsburger Panther (Dezember 2007 bis Dezember 2014) und Straubing Tigers (Dezember 2014 bis Saisonende 2017) war der „absolute Wunschkandidat“ von Panther-Geschäftsführer Claus Gröbner. Wir haben mit dem 49-jährigen neuen „starken Mann“ der Schanzer gesprochen.

Herr Mitchell, Sie sind seit 2007 in der DEL tätig! Mit welchen Gefühlen sind Sie als Trainer mit Ihren Teams aus Augsburg und Straubing immer nach Ingolstadt gefahren?

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Larry Mitchell: Derbys sind immer etwas Besonderes! Und gerade diese drei Klubs – Ingolstadt, Augsburg und Straubing – pflegen diesen Derby-Charakter, wenn sie aufeinandertreffen. Die Atmosphäre in diesen Partien hat mir immer gut gefallen. Vor allem wenn das Stadion – wie zumeist gegen Augsburg – voll war, hat es immer Spaß gemacht. Als AEV-Trainer habe ich leider nicht so oft hier gewonnen (lacht). Dafür konnten wir mit den Tigers die wohl wichtigste Begegnung in der vergangenen Saison in den Pre-Playoffs zu unseren Gunsten entscheiden.

Wie haben Sie den ERC Ingolstadt in dieser Saison wahrgenommen?

Mitchell: Ich glaube, dass es eine sehr talentierte Mannschaft war. Wenn mich jemand fragen würde, wer für mich die zehn besten Spieler der DEL sind, dann stünden Brandon Buck und John Laliberte definitiv auf meiner Liste. Aber auch ein Thomas Oppenheimer sowie die jungen Spieler wie David Elsner, Fabio Wagner oder Simon Schütz haben sich hervorragend weiterentwickelt. Das sind Dinge, die ich wahrgenommen habe. Was ich allerdings nicht machen kann oder möchte, ist die gesamte Mannschaft zu beurteilen oder zu sagen, was schief gelaufen ist. Das steht mir einfach nicht zu.

Als die Panther-Verantwortlichen nach der Trennung von Jiri Ehrenberger mit Ihnen Gespräche aufgenommen haben: Wie lange hat es gedauert, bis Sie „Feuer“ gefangen haben?

Mitchell: Ehrlich gesagt war ich kurz davor, woanders zu unterschreiben. Als ich dann erfahren habe, dass der ERC Ingolstadt einen Sportdirektor sucht, habe ich mich sofort darauf beworben. Glücklicherweise hatte ich bei dem anderen Angebot noch ein paar Tage Bedenkzeit. Nach meiner Bewerbung in Ingolstadt gab es dann sehr zeitnah das erste Gespräch mit Claus Gröbner. Für mich persönlich habe ich ziemlich schnell entschieden, dass ich gerne für den ERC Ingolstadt arbeiten würde und die Panther meine erste Wunschoption sind. Bis die Entscheidung seitens des Vereins gefallen ist, habe ich dann noch andere Anfragen und Angebote – sowohl als Sportdirektor als auch Trainer – erhalten. Jetzt freut es mich natürlich, dass ich das Vertrauen des ERCI bekommen habe.

Sie haben in Augsburg als Trainer und Sportdirektor in „Personalunion“ sowie zuletzt in Straubing ausschließlich als Headcoach gearbeitet. Der ERC Ingolstadt war bekanntlich auf der Suche nach einem „reinen“ Sportdirektor. Wie lange hat der Entscheidungsprozess bei Ihnen gedauert, bis Sie der Überzeugung waren: Ok, ich gehe weg von der täglichen Arbeit auf dem Eis, hin zur strategischen Planung quasi am Schreibtisch?

Mitchell: Es ist definitiv eine Umstellung. Aber ich habe mir unter der Saison schon sehr viele Gedanken gemacht. Ich wusste immer, dass ich irgendwann den Posten des Sportdirektors machen und mit 60 Jahren nicht mehr auf dem Eis stehen möchte. Die Frage war eigentlich immer nur, wann ich diesen Schritt mache. Ein Sportdirektor-Job wird dir in der Regel nicht jedes Jahr angeboten. Zum jetzigen Zeitpunkt waren in der DEL zwei dieser Posten frei. Natürlich musste ich zunächst einmal in mich gehen und mir im Klaren sein, was ich möchte. Wäre ich davon nicht überzeugt gewesen, hätte ich mich in Ingolstadt nicht beworben. Ich denke, nach meiner zwölfjährigen Tätigkeit als Trainer ist es jetzt die richtige Entscheidung – und darüber bin ich auch sehr glücklich.

Was denken Sie, wird die größte Umstellung und Herausforderung auf dem Weg vom Trainer zum reinen Sportdirektor sein?

Mitchell: (lacht) Nun, ich war vergangene Woche in Straubing bei meinem ehemaligen Chef Jason Dunham, zu dem ich nach wie vor ein gutes Verhältnis pflege. Er hat mir die Frage gestellt: Wie wirst du reagieren, wenn du auf der Tribüne sitzt und der Trainer macht während einer Partie dieses oder jenes, was du anders machen würdest? Ich habe ihm darauf geantwortet: Frag’ mich im Oktober nochmals danach (lacht). Das dürfte wohl die größte Umstellung werden. Aber auch die „Schiedsrichter-Geschichte“ fällt weg – wobei ich in den vergangenen beiden Jahren ohnehin ein Lob von den Unparteiischen bekommen habe, dass ich deutlich ruhiger geworden bin (lacht).

Eine wichtige Voraussetzung, um sportlich erfolgreich zu sein, ist ein entsprechendes Vertrauensverhältnis zwischen Sportdirektor und Trainer. Haben Sie sich mit ERCI-Headcoach Tommy Samuelsson bereits ausgetauscht?

Mitchell: Ja, wir haben uns am Donnerstagabend zum ersten Mal getroffen. Ich glaube, dass wir einen guten Austausch hatten. Logischerweise sind wir unterschiedliche Typen, was alleine schon auf unsere Heimatländer zurückzuführen ist. Tommy arbeitet schon lange als Trainer und hat dementsprechend seine Ideen. Er hat aber auch gemerkt, dass auch ich in der Lage bin, aufgrund meiner Erfahrung ebenfalls die eine oder andere Idee einzubringen. Grundsätzlich muss jeder bereit sein, jeden Tag dazuzulernen. Darin waren wir uns auch sehr schnell einig. Darüber hinaus haben wir uns über Spieler, die noch unter Vertrag stehen, ausgetauscht. Zusammenfassend würde ich sagen, dass unser erstes Treffen sehr gut verlaufen ist.

Gerade in den vergangenen beiden Jahren war bei den Ingolstädter Panthern eine klare Philosophie sowohl in der Kader-Zusammenstellung als auch Spielweise auf dem Eis kaum zu erkennen. Welche Handschrift wird und soll ein Team von Larry Mitchell tragen?

Mitchell: Eines vielleicht vorab: Ich denke, dass ich längerfristig gesehen, einer Mannschaft meinen Stempel aufdrücken kann. Aktuell stehen rund zwei Drittel des diesjährigen Teams noch unter Vertrag. Das Wichtigste, was man in meinen Augen von einem Geschäftsführer, Journalisten, Dachdecker oder eben Eishockey-Spieler erwarten kann, ist die Tatsache, dass man immer das Bestmögliche aus sich herausholt und 100 Prozent gibt. Gerade durch meine Erfahrung bei „kleinen“ Vereinen weiß ich, dass man letztlich keine Chance hat, wenn man diese Eigenschaft, härter als der Gegner zu arbeiten, nicht prägt. Und genau dort sehe ich meine Aufgabe. Das kann und muss man von jedem Spieler einfach verlangen.

Der momentane Spielerkader des ERCI umfasst einen Torhüter sowie jeweils sieben Verteidiger und Stürmer. Ist diese große Anzahl eher ein Vor- oder Nachteil für Ihre Arbeit?

Mitchell: (überlegt) Eher ein Vorteil. Wenn ich mit dem Spielerpotenzial nicht zufrieden gewesen wäre, hätte ich mich möglicherweise für einen anderen Klub entschieden. Natürlich ist es der Wunsch eines Sportdirektors, dass man möglichst früh dem ganzen seinen Stempel aufdrücken kann. Aber der Stamm an jungen deutschen beziehungsweise Nationalspielern sowie guten Ausländern ist zweifelsohne vorhanden. Vonseiten des Vereins bekomme ich einen Etat zur Verfügung gestellt, den ich einhalten muss. Gerade im ersten Jahr kann es das schon sein, dass man etwas eingeschränkt ist. Das ist sicherlich ein Faktor. Aber mit solchen Voraussetzungen hatte ich ja auch in der Vergangenheit in Augsburg oder Straubing zu tun. Beides waren auch Klubs, bei denen keine großen Sprünge möglich waren – und dennoch haben wir dort erfolgreich gearbeitet.

Bleiben wir nochmals bei den beiden vergangenen Spielzeiten: Eines der Hauptmankos bei den Ingolstädter Panthern war die schlechte Trefferquote bei den ausländischen Akteuren. Gerade in diesem Bereich eilt Ihnen der Ruf voraus, ein gutes Näschen zu besitzen. Macht Sie das stolz oder ärgern Sie sich vielmehr darüber, nahezu ausschließlich in diese „Schublade“ gesteckt zu werden? Ihr ehemaliger Chef bei den Augsburger Panthern, Lothar Sigl, lobte Sie beispielsweise im NR-Interview auch für die Verpflichtung der einstigen deutschen Talente Dennis Endras, Florian Kettemer und Benedikt Kohl...

Mitchell: In erster Linie freue ich mich sicherlich über das Lob von Lothar. Aber auf der anderen Seite ärgere ich mich schon auch darüber, dass ich oft in diese Ecke mit den ausländischen oder eingedeutschten Spielern gestellt werde. Für mich entspricht das nicht der Wahrheit. Ich war beispielsweise am Wochenende in Bad Tölz und könnte Ihnen auswendig Namen von Jungs nennen, die in meinen Augen mal die Chance haben, in der DEL zu spielen. Ich scoute sehr gerne junge Spieler beziehungsweise DNL-Akteure. Letztlich muss man aber auch mit den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen, arbeiten. Und bei meinen bisherigen Arbeitgebern in Augsburg und Straubing waren diese Mittel begrenzt. Wenn ich beispielsweise vier oder fünf ganz junge Spieler hole, muss ich möglicherweise auf einen oder zwei Top-Ausländer verzichten. Das gilt es eben zu berücksichtigen. Man muss sich seinem Verein und den dortigen Gegebenheiten anpassen. Und das habe ich immer getan.

Der ERC Ingolstadt hat vor einigen Jahren den „Ingolstädter Weg“ eingeschlagen. Dabei sollen junge deutsche Akteure weiterentwickelt und in die Profimannschaft eingebaut werden. Als Erfolgsmodell erwies sich dabei die Kooperation mit dem ESV Kaufbeuren. Soll dieses Projekt auch künftig fortgesetzt werden?

Mitchell: Ich sehe absolut keinen Grund, warum das nicht fortgeführt werden soll. Von außen betrachtet, hat das sehr gut funktioniert. Ich saß in dieser Saison sogar zufällig bei einem Spiel neben dem Geschäftsführer des ESV Kaufbeuren, Michael Kreitl, den ich einst als Spieler nach Augsburg geholt habe. Wir haben dabei auch über dieses Thema gesprochen. Auch Kreitl hat sich darüber sehr positiv geäußert.

Können Sie uns verraten, wie die kommenden Tage und Wochen bei Ihnen ausschauen werden?

Mitchell: Nun, nachdem ich mich in den letzten Tagen schon mit den noch in Ingolstadt anwesenden Spielern getroffen habe, werde ich mir am Dienstagabend das Playoff-Match zwischen München und Berlin anschauen. Am Donnerstag bin ich dann wieder in Ingolstadt, um auch mit dem Betreuer-Team und Fitnesstrainerin Maritta Becker zu sprechen. Darüber hinaus gibt es auch noch viele kleine organisatorische Dinge mit Claus Gröbner zu klären. Am Sonntag fliege ich dann für drei Wochen auf Scouting-Tour nach Nordamerika, um dort Partien zu beobachten und Spieler sowie Agenten zu treffen. Es geht also gleich richtig los (lacht).

Zum Schluss noch ein kurzer Ausblick: Vor Beginn der Saison 2016/2017 hat der ERC Ingolstadt als Ziel das Erreichen der „Top Sechs“ ausgegeben. Ist das eine Vorgabe, mit der Sie sich hinsichtlich der Spielzeit 2017/2018 auch identifizieren können?

Mitchell: Ich denke, um diese Frage fair zu beantworten, sollten wir warten, bis die Mannschaft steht – und damit meine ich sowohl das Trainerteam als auch den Spielerkader. Vom heutigen Zeitpunkt aus sollte es unser Ziel sein, das Playoff-Viertelfinale zu spielen. Das Ganze neu definieren kann man vielleicht im September oder Oktober, wenn der Kader tatsächlich komplett ist.

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