Sie kommen ganz schön herum in der Welt. Als Vereinstrainer waren Sie in den vergangenen Jahren in der Türkei, in Bulgarien, in Österreich, in der Ukraine oder in Lettland. Wo war es denn am schönsten?
Abramczik: In der Türkei bei Antalyaspor in der 1. türkischen Liga hat es mir am besten gefallen. Wir gewannen damals den türkischen Pokal und schafften den Einzug in den Uefa-Cup. Am Ende der Saison konnten wir auch zwei gute Spieler für fünf Millionen Mark verkaufen. Das war viel Geld für Antalyaspor. Außerdem kann man in der Türkei natürlich sehr gut leben.
Jetzt hat es Sie nach Kassel als sportlicher Leiter verschlagen. Wie kam es denn dazu?
Abramczik: Der Kontakt kam durch Herrn Watzke zustande . . .
Meinen Sie Hans-Joachim Watzke, von Borussia Dortmund?
Abramczik: Ja, den meine ich. Der hat sehr gute Verbindungen zu Hessen Kassel und hat da hat er mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, da was aufzubauen.
Der KSV Hessen Kassel ist auf Platz 12 in der Regionalliga. Da ist noch viel Luft nach oben . . .
Abramczik: Da werden wir auch was tun, dass sich etwas ändert. In der kommenden Saison wollen wir um den Aufstieg mitspielen.
Sie haben als Profi fast 200 Spiele für Schalke 04 bestritten. Wie verfolgen Sie den Klub heute noch?
Abramczik: Bevor ich jetzt in Kassel angefangen habe, war ich fast bei jedem Spiel im Stadion. Manchmal bei Schalke, manchmal bei Borussia Dortmund. Es ist ja auch wichtig, dass man im Fußball Kontakte pflegt und man sich überall ein bisschen informiert.
Als Spieler haben Sie sowohl bei Schalke als auch in Dortmund gespielt. Gab es deshalb manchmal Anfeindungen von Fans?
Abramczik: Überhaupt nicht. Ich war bei beiden Klubs beliebt.
Man nannte Sie früher auch den Flankengott vom Kohlenpott. Woher kam diese Bezeichnung?
Abramczik: Das war 1977 nach meinem ersten Länderspiel für Deutschland. Wir gewannen damals mit 5:0 gegen Nordirland. Und für einen Reporter der Bild-Zeitung war ich dann der Flankengott vom Kohlenpott.
Wie schätzen Sie Schalke in dieser Saison ein?
Abramczik: Ich finde, Schalke spielt eine gute Saison. Wenn man als Verein in der Bundesliga auf Platz drei steht, hat man nicht viel falsch gemacht. Dass Raul jetzt den Klub verlässt, das ist schade.
Hat Augsburg Chancen, den FC Schalke zu besiegen?
Abramczik: Wenn Schalke so spielt, wie kürzlich bei der 1:4-Niederlage in Nürnberg, dann auf jeden Fall.
Wie beobachten Sie den FC Augsburg aus der Ferne?
Abramczik: Die Entwicklung in Augsburg ist sensationell. Da wurde ein schlafender Riese geweckt, der ein gutes Management betreibt. Trainer Jos Luhukay kenne ich zwar nicht, aber wie man sieht, leistet er gute Arbeit.
Sie waren als Spieler bei der legendären 2:3-Niederlage der deutschen Nationalelf gegen Österreich 1978 in Córdoba dabei. Wie oft werden Sie heute noch auf dieses Spiel angesprochen?
Abramczik: In Deutschland weniger, in Österreich natürlich öfter. Unser Problem war damals, dass uns nur ein hoher Sieg genügt hätte, damit wir weiterkommen. Wir wollten es dann mit der Brechstange versuchen und sind in unserer Euphorie ins Verderben gelaufen.
Ihr Tipp für Sonntag?
Abramczik: Ich bin ja ein Gelsenkirchener Junge und drücke deshalb natürlich auch Schalke die Daumen. 2:1 für Schalke. Interview Wolfgang Langner