Die Bayern haben gegen den SSC Neapel Punkte gelassen. Besonders Holger Badstuber und Mario Gomez zeigten ihre Qualität. Boateng startet auch ohne Königreich durch.



Ein Neuer-Rekord ist seit Dienstagabend beim FC Bayern in Stein gemeiselt - vorerst jedenfalls. Denn Manuel Neuer bekam nach 1146 Minuten das erste Gegentor; oder waren es doch 1147 Minuten? Egal. Neuer Klubrekord ist Neuers Bestmarke. Wer war nochmal Oliver Kahn?
Eingeschossen hat es ihm ein tapsiger Tanzbär, der für Neuer fast so etwas werden könnte wie einst Sammy Kuffour für den Titan Olli Kahn: Holger Badstuber. Dass die Bayern dennoch nicht die makellose Bilanz der Nationalmannschaft in der Champions League kopieren durften, lag an Badstubers Artgenossen, der sich wohl auch schon für den anstehenden Winterschlaf bereit machte. Die Einzelkritik:
Manuel Neuer: Er ist besiegt. Nach 1146 Minuten ohne Gegentor kullerte der Ball zum 1:1 über die Linie. Es ist allerdings eine Randerscheinung, denn ansonsten durfte sich Neuer nicht auszeichnen. Dass es an diesem Abend gegen die drei Tenöre des SSC Neapel endlich passieren hätte können, lag irgendwie stets in der rauchigen Luft des Stadion San Paolo am Fuße des Vesuv. Doch Edinson Cavani, Marek Hamsik und Ezequiel Lavezzi nutzen die groben Schnitzer und Konzentrationsmängel in der Bayern-Abwehr vor Neuer nicht. Vielleicht waren sie ja stets durch einen Laserpointer geblendet.
Jerome Boateng: Der König hat sein Land verloren. Weit ab der Heimat muss er sich den Gegnern stellen. Ob Boateng in seinen nächsten Vertrag eine Klausel einbauen wird, dass sein Jahressalär auf 20 Millionen Euro ansteigt, sollte er entgegen aller Versprechungen wieder als Außenverteidiger eingesetzt werden? Doch trotz Widerwillen als Außenverteidiger anzutreten, mausert sich der 1,92-Meter-Schlacks momentan zu einem der Besten dieses Genres. Er ist zwar gefühlt doppelt so groß wie Dani Alves, offensiv aber schon beinahe so stark. Zwei Vorlagen in zwei Spielen ist keine schlechte Bilanz. Und was ihn eindeutig von Alves unterscheidet: Boateng kann auch noch verteidigen. Ach ja, wer war eigentlich doch gleich dieser Brasilianer Maicon?
Daniel van Buyten: Was macht eigentlich dieser van Buyten? Und warum spielt dort nicht Jerome Boateng? Ach ja, der deutsche Nationalspieler muss ja für Rafinha auf der Außenbahn aushelfen und den Bayern die Tore vorlegen. Pech für Boateng, dass er sich nicht nach Christian-Träsch-Manier auf der Rechtsverteidigerposition angestellt hat. Glück für van Buyten, der sonst wohl nur noch auf der Bank sitzen würde. Oder halt: Er hätte selbstverständlich bei realistischer Betrachtung noch die Möglichkeit, Holger Badstuber von der Innenverteidigerposition zu verdrängen. Denn das Argument, das nur Badstuber die genial öffnenden Bälle mit seinem filigranen Fuß spielen kann, widerlegt Flankengott Jerome Boateng momentan formidabel auf der Außenposition.
Holger Badstuber: Ach was ist es doch für ein Genuss, diesen Innenverteidiger bei seinem täglichen Werk zu beobachten. Als hätten die Bewerbungsvideos aus Manchester, gegen Kroatien und zuletzt gegen Österreich nicht gereicht, legt Badstuber sobald der Gegner auch nur einen Hauch von Offensivdrang verspürt, unbekümmert nach. Zugegeben, als Beobachter von Außen hat man ja oft das Problem, dass man nicht weiß, welche Aufgabe einem Spieler von dessen Trainer aufgetragen wurde. Dass Jupp Heynckes dem designierten Stammspieler der deutschen Nationalmannschaft allerdings die Aufgabe erteilt hat, möglichst weit weg von seinen Gegenspielern irgendwo im Raum zu stehen, darf dann doch auch vom Fernseher aus bezweifelt werden. Zudem sollte man niemals Pech mit Unvermögen verwechseln. Die Hereingabe von Maggio konnte nur dort kommen, wo sie kam. Für die einen mag es dann Pech sein, dass Badstuber nur unzureichend an den Ball kam und mit seinem Eigentor Manuel Neuer nach 1146 Minuten bezwang. Für die anderen könnte es sich jedoch auch um dilettantisches Unvermögen eines tapsigen Tanzbären handeln - wie gegen Manchster und gegen Kroatien und gegen Österreich.
Philipp Lahm: Er ist der Kapitän, der Ruhepol der Mannschaft in einem Stadion, das schon vor Spielbeginn in Flammen aufgeht. Entspannt war er dann auch, als der Schweizer Gökhan Inler einmal zeigte, warum Neapel für ihn 17 Millionen Euro an Udinese Calcio überwies - oder sollte man es behäbig nennen. Denn Christian Maggio lief mutterseelenallein auf der rechten Abwehrseite davon. Lahm war jedoch so klug, seine Hand vom Trikot des Italieners fernzuhalten. Danach verließ sich der kleine Linksverteidiger nur noch auf seinen Kollegen Badstuber, der - aus Pech oder Unvermögen - den Ball in den Kasten bugsierte.
Bastian Schweinsteiger: Auf Himmel folgt Hölle: Gegen Hertha noch der Dirigent aus dem defensiven Mittelfeld erwischte Schweinsteiger gegen den SSC Neapel einen schlechten Tag. Vielleicht hat sich ja der Defensivmann den Verlockungen der süditalienischen Küche hingegeben. Denn wer hat es nicht schon einmal erlebt, mit einem Bauch voll Pasta überstreut mit viel Parmigiano mehr zu rollen als zu laufen. Schweinsteiger wirkte jedenfalls im Stadio San Paolo so, als würde sein Parasympathikus anstelle ihm selbst auf Hochtouren laufen. Wenn der Schiedsrichter noch pedantischer gewesen wäre, hätte für Schweinsteiger die Partie mit einem Elfmeter und Gelb-Rot jäh enden können. Denn seine müden Beine wollte der Bayer scheinbar mit Flügelbewegungen im Strafraum ausgleichen - dumm, wenn dann der Ball ausgerechnet auf eine Schwinge im Fünfmeterraum klatscht.
Anatoliy Tymoshchuk: Es muss eine Genugtuung für Tymoshchuk sein, sich in der Champions League über 90 Minuten wie ein Berserker in die Abwehrduell zu werfen. Wie ein kleines Kind beim Spielen schaut der Ukrainer dabei aus. Dass er die Qualität hat, auf internationaler Ebene spielen zu können, hatte er eigentlich vor seiner Zeit bei Bayern München bereits eindrucksvoll bewiesen. Tymoshchuk war ein Opfer von Tyrann Louis van Gaal, der die Einkäufe von Jürgen Klinsmann nicht billigte. Er deformierte das Selbstvertrauen des Defensiv-Spezialisten. Es musste erst Jupp Heynckes kommen, um den Bayern zu zeigen, dass sie den perfekten Defensivabräumer in ihren Reihen haben. Tymoshchuk zeigte mit seinen Tacklings und seiner Ballsicherheit einmal mehr, dass er der bessere Mark van Bommel ist. Denn im Gegensatz zum Holländer steht der Ukrainer nicht nur wild gestikulierend im Mittelkreis. Ganz nebenbei hätte man sich auch noch etliche Millionen für Luiz Gustavo sparen können.
Toni Kroos: Es gibt wohl nicht viele Spieler, die den Ball derart sich in den Lauf legen können, wie Kroos vor seinem überragenden 1:0. Das sah der Jungnationalspieler nach dem Spiel auch selbst so. Selbstbewusstsein also, das die deutsche Nationalmannschaft im Hinblick auf die EM 2012 brauchen kann. Es ist interessant, dass Kroos aufdreht, wenn Schweinsteiger abbaut. Es ist die perfekte Symbiose könnte man meinen. Kroos war gegen Neapel an allen wichtigen Sachen beteiligt. Beinahe wäre er nochmal aus aussichtsreicher Position zum Schuss gekommen. Er ist unter Jupp Heynckes wieder dort angekommen, wo er mit seiner Qualität hingehört. Momentan unverzichtbar.
Thomas Müller: Schlampigkeit ist eigentlich nicht die Art, mit der Thomas Müller sein Fußball-Werk verrichtet. Normalerweise ist der Oberbayern Mr. Zuverlässig beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft. Momentan laufen allerdings Müllers Stelzen nicht gerade parallel zu seinen Gedanken. Er verdaddelte beste Konter und legte wie auch schon gegen Hertha BSC normalerweise ein Bilderbuch-Müller-Tor am Gehäuse von Morgan De Sanctis vorbei. Dennoch hat man mit einem schlechten Müller noch immer mehr Qualität in der Mannschaft als mit manchem Spieler auf Topniveau.
Franck Ribéry: In die Höhen von Lionel Messi will der französische Superstar. An diesem Abend in Italien gelang es ihm nicht, den Vesuv zu erklimmen. Messi hingegen steht bereits einsam auf dem Mont Blanc. Ribéry musste sich hingegen mit den Niederungen des San Paolo begnügen. Lauthals beschwerte er sich, holte sich eine Gelbe Karte wegen einer Schwalbe im Sechzehner ab und hätte sich zudem wegen eines saudummen Einsteiges nicht über die zweite Gelbe beschweren können. Dennoch zeigte Ribéry auch wenn es mal nicht so gut läuft, dass er mittlerweile für die Mannschaft kämpft. Setzte sich mehrfach in Defensivzweikämpfen durch. Die Wandlung vom Saulus zum Paulus ist bei Ribéry vor allem in solchen Spielen zu erkennen. Denn wenn es gut lief, war der kleine Napoleon schon immer der große Filou.
Mario Gomez: Das ist das Problem, wenn ein Stürmer nur an seinen Toren gemessen wird - äh, werden kann. Was soll man bei Mario Gomez sonst bewerten - egal ob er ein oder vier Tore schießt? Dass er bei jedem Anspiel den Ball fünfzehn Meter durch die gegnerische Abwehr nach Jürgen-"Der Flipper"-Klinsmann-Manier prallen lässt? Dass er ungelenk wie ein in die Jahre gekommener russischer Tanzbär versucht, die Neapolitanische Abwehr mehr zu verwirren als auszuspielen? Oder dass er - allen Widrigkeiten zum Trotz - besser nicht mehr vom Elfmeterpunkt antreten sollte, auch wenn er dadurch hofft, durch seine beeindruckende TOR-Statistik gegenüber Miroslav Klose im Bezug auf die Euro 2012 punkten zu können. Kläglich gescheitert, auf die Nase geklatscht. Klose hingegen hat unter den Augen von Jogi Löw den Hut in den Ring des Olympia Stadions von Rom geworfen, auf dessen Krempe der Siegtreffer in der 92. Minute im Römer Derby eingestickt ist.



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