Samstag, 21. Oktober 2017

16. Februar 2016 16:29 Uhr

FC Liverpool

Titel und Tragödien: Der FC Liverpool und seine Fans

Die Anhänger des FC Liverpool haben ein besonderes Verhältnis zu ihrem Verein. Ihre Geschichte ist von Titeln und Tragödien geprägt. Ein Fan erklärt seine Faszination.

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Liverpools Stadion bietet eine einzigartige Kulisse. Zuletzt protestierten die Fans gegen steigende Ticketpreise.
Foto: Peter Powell, dpa

Graham Agg ist ein waschechter „Liverpudlian“. So nennt man Menschen, die aus der Stadt Liverpool in der nordenglischen Region Merseyside kommen. Die Hafenmetropole ist die Heimat der Beatles und des FC Liverpool – Gegner des FC Augsburg am Donnerstag in der Europa League.

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Auch Graham Agg wird nach Augsburg reisen. Der 49-Jährige ist leidenschaftlicher Fan des FC Liverpool, verfolgt den Verein, seitdem er denken kann, und besitzt seit über 26 Jahren eine Dauerkarte im Stadion an der Anfield Road, der Heimatstätte des FC Liverpool.

Auswärts fährt Agg nur noch selten mit. „Das muss ich immer mit meiner Frau aushandeln“, erklärt Agg in feinstem „Scouse“. So heißt der von „Liverpudlians“ gesprochene, nasal klingende Dialekt, der selbst für manchen Engländer nur schwer zu verstehen ist.

Die fetten Jahre des FC Liverpool sind vorbei

In der fußballverrückten Stadt sind nicht nur die „Reds“ des FC Liverpool zuhause, sondern auch die „Toffees“ des FC Everton. Die Rivalität zwischen den traditionsreichen Erstligaklubs ist groß. Was beide Vereine deutlich voneinander unterscheidet, ist der Erfolg: Liverpool hat 18 Mal die nationale Meisterschaft, fünf Mal den Europapokal und dreimal den Uefa-Cup gewonnen.

Doch die fetten Jahre sind vorbei. Der letzte Europapokalsieg liegt elf Jahre, der letzte Meisterschaftsgewinn gar 26 Jahre zurück.

Der Verein hat trotz ausbleibender Erfolge aber wenig vom Glanz alter Tage verloren. „Der FC Liverpool ist immer noch eine der Topadressen in Europa“, sagt Agg. Einen wesentlichen Anteil daran haben seiner Meinung nach die Fans. Nirgendwo in Europa gäbe es zwischen Trainer, Mannschaft und Fans so eine enge Verbindung wie in Liverpool.

Liverpool-Fan: "Anfield ist eine Kathedrale des Weltfußballs"

Auf der legendären Südwesttribüne „The Kop“ stehen die treuesten Liverpool-Fans und erzeugen bei den Heimspielen eine einzigartige Gänsehautstimmung. Hier wurde einst auch das Lied „You’ll Never Walk Alone“ von der Liverpooler Band Gerry and the Pacemakers für Fußballstadien salonfähig gemacht. Es wird bis heute bei jedem Heimspiel gesungen und wurde mittlerweile von vielen Fußballvereinen weltweit übernommen. „Anfield ist eine Kathedrale des Weltfußballs“, sagt Agg.

Liverpool-Fans konnten sich in der Vergangenheit über viele Siege und Titel freuen. Doch unvergessen bleiben auch zwei Katastrophen, mit denen sie unmittelbar in Verbindung stehen: Heysel und Hillsborough. Bis heute sind viele Fans mit der Verarbeitung der damaligen Ereignisse beschäftigt.

Im Brüsseler Heysel-Stadion stürmten Hooligans des FC Liverpool beim Europapokalendspiel 1985 gegen Juventus Turin den italienischen Sektor. Es brach eine Massenpanik aus, eine Stadionwand stürzte ein. 39 Menschen kamen ums Leben. Graham Agg war damals live dabei: „Was da passiert ist, war von den Liverpool-Fans so nicht beabsichtigt. Es war einfach ein schreckliches Unglück“, erzählt Agg. Dies entschuldige die tragischen Vorfälle natürlich keineswegs.

Nur vier Jahre später, am 15. April 1989, kamen bei einer Massenpanik im Pokalspiel zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest im Sheffielder Hillsborough Stadion 96 Menschen ums Leben. Die Toten waren allesamt Fans des FC Liverpool. Einer davon: der zehnjährige Jon-Paul Gilhooley, jüngstes Todesopfer und Cousin der Liverpooler Vereinslegende Steven Gerrard.

Agg kennt noch Alex Manninger

Seit jenem 15. April 1989 hat sich viel geändert in den englischen Fußballstadien. Stehplätze wurden komplett abgeschafft. Es herrscht ein striktes Alkoholverbot. Seitdem gibt es auch keine Probleme mehr mit Hooligans. Die Ticketpreise wurden allerdings deutlich erhöht. Rund 1200 Euro zahlt Agg für seine Dauerkarte. Beim jüngsten Heimspiel gegen Sunderland protestierten die Liverpool-Fans dagegen, indem sie das Stadion frühzeitig verließen. Prompt verspielte ihre Mannschaft einen Zwei-Tore Vorsprung.

In Augsburg werden die Liverpool-Fans ihre Mannschaft wieder tatkräftig unterstützen. Rund 2000 Fans reisen aus England an. Graham Agg kommt mit dem Flugzeug. „Über den FCA weiß ich so gut wie nichts. Nur den Ersatztorwart Alex Manninger kenne ich noch aus seiner Zeit beim FC Arsenal“, sagt Agg. Manninger spielte von 1997 bis 2002 für die Engländer und steht seit 2012 beim FCA unter Vertrag.

Agg hat großen Respekt vor dem FCA und wäre schon mit einem Unentschieden zufrieden. „Für die Augsburger ist es das Spiel ihres Lebens. Sie werden hoch motiviert sein. Das wird ganz gefährlich für uns.“ Er tippt auf ein 1:1.

Liverpool-Fan: "Wir mögen die Deutschen"

Der Ingenieur ist voller Vorfreude auf seinen ersten Augsburg-Besuch. „Wir mögen die Deutschen“, sagt Agg. Dazu beigetragen haben deutsche Fußballer in Diensten des FC Liverpool wie Christian Ziege, Markus Babbel, Emre Can und „last, but not least“ Dietmar Hamann. Aktuell versucht Jürgen Klopp, als erster deutscher Trainer des FC Liverpool Geschichte zu schreiben. „Die Fans lieben ihn jetzt schon. Er tickt wie wir und passt daher genau zu uns“, sagt Agg.

Am Donnerstag kehrt Klopp erstmals als Liverpool-Trainer in sein Heimatland zurück. Dann können die waschechten „Liverpudlians“ erleben, dass der FC Augsburg weit mehr als nur Alex Manninger zu bieten hat.

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Ein Artikel von
William Harrison-Zehelein

Augsburger Allgemeine
Ressort: Freier Mitarbeiter