Montag, 21. August 2017

10. Mai 2017 13:34 Uhr

Geschasster FIFA-Ethiker

Eckert: «Extreme Gefährdung des Reformprozesses»

Nach seiner Absetzung in der FIFA-Ethikkommission sieht Hans-Joachim Eckert den Reformprozess im Fußball-Weltverband in Gefahr. Der deutsche Richter erwartet Probleme für seine Nachfolger - und deutlich verzögerte Verfahren.

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Hans-Joachim Eckert: «Nicht auszuschließen, dass man eine andere Gewichtung vornimmt.»
Foto: Walter Bieri (dpa)

Fragen an Hans-Joachim Eckert, den bisherigen Vorsitzenden der rechtsprechenden Kammer der FIFA-Ethikkommission, nach seiner Absetzung.

Frage: Sie haben am Flughafen in Bahrain von Ihrer Absetzung erfahren. Was bedeutet das für die FIFA und den Reformprozess?

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Antwort: Ich halte es für eine extreme Gefährdung des Reformprozesses. Ich will nicht sagen, dass der Reformprozess tot ist. Die FIFA hat verschiedene andere Reformen eingeleitet, ob freiwillig oder nicht, ist egal. Die Ethikkommission in ihrer Unabhängigkeit war ein Stützpfeiler der Reformbewegung und sollte zeigen, dass mit Blick auf die massiven Vorwürfe in der Öffentlichkeit mit Selbstreinigungsprozessen aufgeräumt wird. Wenn das nicht mehr in der gleichen Form stattfindet, kann ich nicht beurteilen, ob andere staatliche Institutionen abwarten oder sagen: Jetzt müssen wir es machen. Auch der Europarat hat ein Auge auf die FIFA geworfen.

Frage: Welche Motive sehen Sie hinter Ihrer Absetzung?

Antwort: Über Motive kann man nur spekulieren, und spekulieren soll man als Jurist nicht. Aber Sie können sich aus einem ganzen Blumenstrauß von möglichen Motiven verschiedene heraussuchen: Das kann die Angst von Leuten sein, die noch nicht entdeckt sind. Das kann die Angst von Leuten sein, die schon untersucht werden. Dass man also die, die bewiesen haben, dass sie unabhängig sind und sich nicht verbiegen, nicht an der richtigen Stelle wähnt.

Frage: Es laufen noch mehrere hunderte offene Untersuchungen. Können jetzt eine ganze Reihe mutmaßlich korrupter Funktionäre eine ganze Zeit lang ruhiger schlafen?

Antwort: Es wird sich verzögern, das ist ganz normal. Das ist auch am Landgericht so, wenn ein Richter einen Haufen Fälle übernimmt. Die Frage ist aber: Wie lange brauchen die neuen Kollegen, um sich einzuarbeiten in die neue Materie? Es geht hier um Schweizer Prozessrecht, das ist eine sprachliche Barriere. Das Schweizer Recht ist dem deutschen sehr ähnlich - diese Barriere hat also bislang nicht bestanden. Die Entscheidung ist so getroffen worden, mit den Leuten, die man jetzt vorschlagen wird. Ich werde mich nicht dazu äußern. Ich weiß nichts über deren Qualifikation. Sie mögen hoch qualifiziert sein, dann sollen sie es unter Beweis stellen.

Frage: Besteht jetzt die Gefahr, dass Fälle nicht mehr verfolgt werden?

Antwort: Das ist natürlich niemals auszuschließen, dass man eine andere Gewichtung vornimmt. Ich habe (den früheren FIFA-Vizepräsidenten) Richard Lai gesperrt wegen Annahme von Schmiergeldern. Ich weiß nicht, wie es da jetzt weitergeht.

Frage: Sind die Fälle Franz Beckenbauer und Wolfgang Niersbach bereits an die rechtsprechende Kammer weitergereicht worden?

Antwort: Das weiß ich nicht.

ZUR PERSON: Hans-Joachim Eckert kam 2011 in die Ethikkommission der FIFA, vor knapp fünf Jahren wurde er zum Vorsitzenden der rechtsprechenden Kammer ernannt. Bis zu seiner Pensionierung im Juli 2015 war er Vorsitzender Richter am Landgericht München I - 6. Große Strafkammer für Wirtschaftssachen, Schwerpunkt Korruption, Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit.

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