Khalid Boulahrouz kennt sich aus mit dem Tod und dem Schmerz, den Menschen fühlen, wenn endgültige Nachrichten eintreffen. Er war 16 Jahre alt, als er seinen Vater verlor.

"Zwei Jahre lang konnte ich keine Freude empfinden. Diese Zeit hat mich geprägt, sie hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin." Der Verlust des Vaters liegt zehn Jahre zurück und der Sohn fand damals wie heute Halt im Fußball. "Ich brauchte damals Orientierung, der Fußball gab sie mir", erzählte Boulahrouz in vielen Interviews.
Während der EM musste der niederländische Nationalspieler wieder die Begegnung mit dem Tod ertragen. Das Viertelfinale gegen Russland am Samstag im Baseler St. Jakobs Park verbunden mit der Tatsache, dass die "Oranjes" auf ihren ehemaligen Nationaltrainer Guus Hiddink treffen, trat fast in den Hintergrund. Zu schrecklich die Ereignisse, die die Niederlande schockten. In den ersten Stunden des Donnerstages starb die zu früh geborene Tochter Assina des Ehepaares Boulahrouz, die kaum einen Tag alt wurde, in einem Krankenhaus in Lausanne.
"Ich stehe bereit, ich will spielen", sagte Boulahrouz seinem Nationalcoach Marco van Basten. Er stand am Donnerstag schon wieder auf dem Trainingsplatz. Mehrmals waren Teamkollegen ins Krankenhaus geeilt, um ihm beizustehen. "Seine Familie ist nicht hier, deshalb waren wir für ihn da", sagte Torwart Edwin van der Sar mit Tränen in den Augen.
Ob Boulahrouz spielen wird, wird nun Van Basten entscheiden müssen. "Es ist schrecklich, was passiert ist, aber es wird uns nur noch enger zusammenbringen", kündigte Van Basten an. Spontan entschloss sich der niederländische Verband zusammen mit seinen Spielern, in der Partie gegen Russland mit Trauerflor zu spielen. In Holland wird diskutiert, ob es richtig ist, dass Boulahrouz bei der Mannschaft bleibt, oder ob er sich Zeit für Trauer nehmen sollte.
Innerhalb der Mannschaft und bei Van Basten findet der Wunsch von Boulahrouz, zu bleiben, jedoch fast ungeteilte Unterstützung und der ehemalige HSV-Profi wird wohl auflaufen. "Wenn er jetzt geht, wird er vielleicht noch mehr verlieren, vielleicht die Möglichkeit, hier ein großes Turnier zu spielen und einen Titel zu gewinnen", sagte Van Basten. Gleichzeitig gewährt er Boulahrouz alle Freiheiten. "Er kann jederzeit zu seiner Frau", sagte Van Basten.
Gestern waren die Niederländer froh, durch den Reisetag nach Basel etwas Zerstreuung zu finden. Das half auch gegen die Sorge, ausgerechnet gegen Guus Hiddink und seine russische Holland-Kopie zu verlieren, denn Hiddink genießt in der Heimat immer noch einen hervorragenden Ruf. Der 61-Jährige war einer der erfolgreichsten Trainer der letzten 15 Jahre. Die Niederländer stehen daher vor einer besonderen Partie - trotz aller Trauer: "Ich verstehe, dass es für Khalid richtig schlimm ist. Wir werden ihn so gut wie möglich unterstützen. Wir konzentrieren uns aber auf Russland, so will es auch Khalid", sagte Van Basten.
Nach einem "schwachen Start hat Russland richtig gut gespielt bei dieser EM. Sie sind eine offensive Mannschaft mit technisch versierten Spielern", sagte Van Basten, der klarstellte, seine Mannschaft sei bereit, mit der Rolle des Favoriten umzugehen. Man kennt die Russen aus einem Freundschaftsspiel im Februar, als "Oranje" mit 4:1 siegte.
Während Hiddink das Treffen mit der Heimat als "sehr spezielles Spiel" einstufte, will Van Basten eine Hiddink-Hysterie vermeiden. "Eines steht fest und, das müssen wir alle wissen, wir spielen gegen Russland und nicht gegen Guus Hiddink, den wir alle sehr schätzen", sagte Van Basten bevor er mit seinem Team in den Bus stieg, um die dreistündige Fahrt nach Basel anzutreten. Im Bus saß auch Khalid Boulahrouz.
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