Hochspringerin Ariane Friedrich hat den Namen eines Mannes publiziert, der ihr eine obszöne Mail geschrieben haben soll. So sehr die Reaktion nachvollziehbar ist, sie war falsch. Von Andreas Kornes

Vermutlich hat Ariane Friedrich nicht besonders lange nachgedacht, bevor sie sich hinsetzte und auf ihrer Facebook-Seite acht Zeilen schrieb. Acht Zeilen Affekt. Acht Zeilen Wut. Acht Zeilen Sprengkraft. Acht Zeilen, die eine Diskussion angestoßen haben, die sich in atemberaubender Eigendynamik um die Frage dreht: Darf die das?
In der Nachricht an ihre „Freunde“ (Fans, die Friedrichs Beiträge auf deren Seite verfolgen) nennt sie Namen und Wohnort eines Mannes, der ihr eine obszöne Mail geschrieben haben soll. Seitdem wird im Netz diskutiert. Wer sich für die Abgründe der menschlichen Psyche interessiert, der kann einige besonders tiefe Abgründe unter den inzwischen knapp 2000 Kommentaren der Facebook-Gemeinde finden. Dort ist alles zwischen der Forderung nach Kastration und dem Vorwurf des Rufmords geboten. Der Mob tobt sich aus.
Friedrich legte am Wochenende noch einmal nach und verteidigte ihren Schritt. „Es gibt einfach einen Punkt, an dem Schluss ist“, schreibt die prominente Sportlerin, die im Polizeidienst ist. „Ich wurde in der Vergangenheit beleidigt, sexuell belästigt und einen Stalker hatte ich auch schon. Es ist Zeit, zu handeln, es ist Zeit, mich zu wehren. Und das tue ich. Nicht mehr und nicht weniger.“ Seitdem herrscht Stille. Kein Kommentar mehr von Friedrich oder deren Trainer und Manager. Schweigen. Rückzug. Nachdenken?
Nein. Die Unschuldsvermutung ist eines der zentralen Elemente unseres Rechtsstaates, Selbstjustiz nicht. Niemand weiß, ob der Genannte auch tatsächlich der Absender der obszönen Mail war. Es ist eine leichte Übung, unter falschem Namen Nachrichten via Facebook zu versenden. Dazu kommt, dass es den Wohnort, den Friedrich auf ihrer Facebookseite angibt, in Deutschland häufiger gibt. In einem wohnen mindestens zwei Männer mit dem von Friedrich genannten Namen.
Einmal losgetreten, ist die Hexenjagd auf vermeintliche Übeltäter nicht mehr zu stoppen. Vor wenigen Wochen war im Zusammenhang mit dem Mord an einem Mädchen in Emden der Name eines 17-Jährigen bei Facebook veröffentlich worden. Eine Welle der Empörung raste durch das soziale Netzwerk, viele riefen zur Lynchjustiz auf. Kurz darauf stellte sich heraus, dass der Jugendliche nichts mit dem Verbrechen zu tun hatte.
So sehr die Reaktion der Spitzensportlerin auch nachvollziehbar ist, sie war falsch. Als Polizistin hätte sie das wissen müssen und sich die acht Zeilen besser gespart.
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