Montag, 21. August 2017

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Wie es ein britischer Arzt es geschafft hat, mit einer falschen Behauptung Stimmung gegen den Masern-Impfstoff zu machen - mit Auswirkungen bis heute Von Melanie Lieberer

Es ist sicher nicht ihm alleine zuzuschreiben, und doch hat Andrew Wakefield  1998 etwas losgetreten, dessen Auswirkungen bis heute zu spüren sind: Damals veröffentlichte das wissenschaftliche Fachblatt „The Lancet“ eine Studie des britischen Arztes Wakefield, die anhand der untersuchten zwölf Kinder den Zusammenhang der Dreifachimpfung Masern-Mumps-Röteln (MMR) mit dem Ausbruch von Autismus bei Kindern nachweist. Angeblich.

Dass es keinen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Masern-Impfung und Autismus oder anderen Entwicklungsstörungen gibt, wurde seitdem in diversen großen Studien (unter anderem in der kanadischen Provinz Quebec mit 28000 Kindern unter der Leitung von Eric Frombonne oder im japanischen Distrikt Yokohama mit 30000 Kindern) bewiesen. Auch eine Metastudie der Cochrane Library in Oxford bestätigt das. Dafür wurden 31 verschiedene medizinische Studien verglichen und ausgewertet.

Kurz- und langfristiger Schaden

Die kurzfristige Folge von Wakefields Behauptung: In Großbritannien sank die Impfquote von 92 auf 79 Prozent. Langfristig hat die Studie ebenfalls großen Schaden angerichtet: Auf einschlägigen Internetseiten wird immer noch davor gewarnt, dass der MMR-Impfstoff Autismus auslösen könnte – ein gefundenes Fressen für diejenigen, die Impfungen sowieso für Humbug und reine Profitgier der Pharma-Hersteller halten.

Dabei wurde Wakefields Studie später nicht nur aus „unethischen Forschungsmethoden“ von „The Lancet“ zurückgezogen. Die Forschungsergebnisse wiesen erhebliche Fehler auf, sagte der  Herausgeber der Fachzeitschrift, Richard Horton. Zehn der zwölf beteiligten Co-Autoren distanzierten sich von der Studie.

Zwielichtiger Beweggrund

Darüber hinaus hatte sich der britische Arzt für seine Behauptung bezahlen lassen – und zwar ausgerechnet von Anwälten, die fünf der zwölf Kinder aus der Studie, gerichtlich vertraten und eine Schadenersatzklage gegen Pharma-Hersteller anstrebten. In Folge des Skandals verlor Andrew Wakefield seine Berufszulassung für Großbritannien. Die britische Ärztekammer (General Medical Concil, GMC) strich ihn aus dem Ärzteregister.

Besonders tragisch an der Sache ist, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits 1984 optimistisch war, die Ausrottung der Masern-Viren (Morbillivirus) für das Jahr 2000 anzukündigen. Dazu müssten 95 Prozent der gesamten Bevölkerung über einen ausreichenden Impfschutz, also zwei Impfungen, verfügen. Doch selbst über 15 Jahre nach der Jahrtausendwende sind die Masern von einer Eliminierung  weit entfernt. Einzig Nord- und Südamerika gelten als masernfrei.

Immunisierung sollte mit 24 Monaten abgeschlossen sein

In Deutschland liegt die Impfquote für die Erstimpfung seit Jahren konstant bei rund 93 Prozent. Die nötige zweite Impfung, die erst den vollständigen Impfschutz garantiert, wird jedoch nur noch von rund 74 Prozent in Anspruch genommen. Die Impf-Empfehlung des Robert-Koch-Instituts (RKI) lautet jedoch: Die erste Grundimmunisierung sollte im Alter von elf bis 14 Monaten erfolgen, die zweite Impfung zwischen 15 und 23 Monaten, sodass Kinder im Alter von zwei Jahren über einen kompletten Impfschutz verfügen.

Denn gerade bei Kindern unter fünf Jahren oder Erwachsenen über 20 Jahren verläuft die Krankheit schwer. Je früher die Immunisierung eintritt, desto weniger erkranken, desto weniger infizieren sich, desto höher die Chancen, dass man dem Virus den Garaus macht.

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