"Etwas machen, wodurch die Welt gerechter und lebenswerter wird" - so formulierte Claudia Roth vor dem Abitur ihren Berufswunsch. Von 2003 bis Oktober 2004 war sie Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe. Claudia Roth ist ehrenamtliches Mitglied des Verwaltungsrates der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Wien. Bekannt ist die in Babenhausen (Landkreis Unterallgäu) aufgewachsene Bundesvorsitzende des Bündnis 90/Die Grünen auch für ihr Engagement für Toleranz gegenüber Homosexuellen. Jetzt spricht sie über ihre Liebe zum Theater und wie es mit ihren Sangeskünsten steht.
Claudia Roth: Der Philosoph Ernst Bloch hat einmal vom "Umbau der Welt in Heimat" gesprochen. Das ist ein Heimatbegriff, der nicht in der Vergangenheit feststeckt, so nach dem Motto: "Früher war alles besser", sondern der auf die Zukunft orientiert, auf eine Welt, die ein besserer Ort ist, Heimat für alle Menschen.
Vor Ihrer politischen Karriere wurden Sie über eine Zeitungsannonce Pressesprecherin der Grünen Bundestagsfraktion. Welche Bedeutung nehmen Inserate in Ihrem Leben ein?
Roth: Dass ich über eine Anzeige in der taz von der Ausschreibung in der Bundestagsfraktion der Grünen erfahren habe, war purer Zufall. Mit der Band "Ton Steine Scherben" ging es damals nicht mehr weiter, auch weil wir keine künstlerischen Kompromisse machen wollten. Mitten in dieser Situation sind wir auf die Anzeige gestoßen, und die Musiker aus der Band und vor allem auch Rio Reiser haben angeregt, dass ich mich da bewerben solle. Das Ergebnis war trotz aller Kuriositäten erfolgreich und konnte dann als Pressesprecherin zu arbeiten anfangen.
Warum haben Sie sich Ende der 80er-Jahre entschlossen, der FDP den Rücken zu kehren, um bei den Grünen Fuß zu fassen?
Roth: Ich war nie in der FDP, ich war bei den Jungdemokraten, die der FDP zwar nahe stand, aber eine eigenständige Jugendorganisation war. Nachdem sich die FDP von ihren liberalen und bürgerrechtlichen Positionen weit entfernt hatte, haben sich die Jungdemokraten dazu klar positioniert, um jeglicher Nähe zur FDP den Boden zu entziehen.
Vor 16 Jahren verfassten Sie den sogenannten Rapport Roth. Freuen Sie sich, dass dieses Papier bis heute die Grundlage für die Politik zur Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen in Europa bildet?
Roth: Ja absolut! Denn der "Roth-Rapport" hat in der Tat eine Wende in der Gleichstellungs- und Antidiskriminierungspolitik in den Ländern der damaligen Europäischen Gemeinschaft eingeleitet. Das war eine Sternstunde des Europaparlaments, die ohne massive Unterstützung von vielen schwul-lesbischen und anderen Bürgerrechtsorganisationen nicht denkbar und machbar gewesen wäre.
Sie sind ein glühender Fan von Poetry Slam. Wie kam es dazu und welche Bedeutung hat der Dichterwettstreit für Sie?
Roth: Die "Slammerei" habe ich beim Brecht-abc-Festival mit Albert Ostermaier hier in Augsburg kennengelernt. Ich war und bin fasziniert davon, wie junge Menschen sich hier für Sprache begeistern, wie sie mit Poesie, mit Lautmalerei von ihrem Leben, ihren Hoffnungen und Problemen berichten. Das macht riesig Spaß und ist auch eine große Chance, beispielsweise für den Literaturunterricht in der Schule.
Woher kommt Ihre Vorliebe zu italienischen Brecht-Inszenierungen?
Roth: Brecht rangiert auf meiner Favoritenliste ganz oben. Hinzu kommt, dass ich durch mehrere Treffen mit Dario Fo und seinem Umfeld einige Brecht-Inszenierungen in den 80er- und 90er-Jahren miterleben durfte, die grandios waren.
Ist es hilfreich, sich als Dramaturgin auf der politischen Bühne zu bewegen?
Roth: Ja, man lernt, dass politische Wirkung auch mit der Darstellung der eigenen Anliegen zu tun hat. Man will ja Menschen erreichen, ihnen Mut machen, damit sie sich selbst engagieren. Deswegen bin ich sehr für eine Dramaturgie, die authentisch bleibt und Aufklärung betreibt, und gegen eine, die populistisch vereinfacht und denunziert.
Wo singen Sie gerne mit?
Roth: Bei Rainer von Vielen, unserer grandiosen Band aus dem Allgäu, bei vielen, vielen Liedern von Rio Reiser und den Scherben, bei Pink, wenn sie mit "Dear Mr. President" Herrn Bush die Meinung sagt, oder wenn ich als DJane antrete, zum Beispiel mit den großen Motown-Hits.
Welchen Schmankerln können Sie nicht widerstehen?
Roth: Bei der schwäbischen Heimatküche werde ich regelmäßig schwach, aber auch bei der österreichischen Küche, beispielsweise beim Kaiserschmarrn. Und bei den Weinen, da mag ich ganz besonders eine schwere, italienische Qualität.
Wie fühlt man sich als Ritter der französischen Ehrenlegion?
Roth: Wenn man sich auch mit Rittertum schwer tut, ist die Verleihung eine Anerkennung, die einem gut tut. Vor allem ist die Begründung der Zuerkennung besonders erfreulich: Verdienste in der Menschenrechtspolitik und in den deutsch-französischen Beziehungen.