Donnerstag, 17. April 2014

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Foto: Nicola Kübler

Manuela Cailliet war 26 Jahre lang alkoholabhängig. Heute ist sie trocken - und möchte anderen vor ihren eigenen Erfahrungen bewahren. Daher engagiert sie sich ehrenamtlich im Verein Kornblume e.V. Von Nicola Kübler.

„Glück. Was ist eigentlich Glück?“ fragt Manuela Cailliet, als ich ihr erkläre, worum es in dieser Beilage geht. Darum, das Glück, hier in der Region zu leben, in all seinen Facetten darzustellen. „Glück definiert doch jeder anders.“ „Was ist ihre Definition von Glück?“, frage ich sie. „Für mich ist es großes Glück, wieder trocken durchs Leben zu gehen und dieses bewusst wahrzunehmen.“

Ein langer Weg

Eine einfache und doch komplexe Antwort. Manuela Cailliet ist 1. Vorsitzende des Vereins Kornblume in Augsburg, dessen Mitglieder sich seit 30 Jahren im Bereich Suchthilfe engagieren. Viele von ihnen sind selbst betroffen – sie sind oder waren Alkoholiker, Spiel- oder Drogensüchtige. Wie kam Manuela Cailliet hierher?

Es begann, wie bei so vielen Suchtkranken, in ihrer Kindheit. Ihre Eltern, beide Alkoholiker, waren ein schlechtes Vorbild und auch keine guten Eltern. „Ich war Ballast“, beschreibt sie ihre Kindheit. Bereits mit elf Jahren greift Manuela Cailliet zum Alkohol. „Ich wurde von meiner Mutter körperlich und psychisch attackiert. Ich habe gemerkt, wenn ich Alkohol trinke, dann spüre ich das nicht mehr.“ Eine Ausbildung zu machen, das erlauben ihr die Eltern nicht. Lieber soll sie putzen gehen und Geld verdienen. Denn der Alkohol, den Mutter und Vater täglich trinken, muss bezahlt werden. Liebe erfährt sie in dieser Familie keine, sie hat das Gefühl, zwischen ihren Eltern zu stehen, die sich ständig streiten.

"Ich war nicht liebesfähig"

Schließlich wird Manuela Bedienung und ist mit diesem Beruf ganz zufrieden. Doch im Privatleben hapert es. Jetzt, mit Abstand, kann sie sagen: „Ich war nicht liebesfähig.“ Ihre erste Ehe dauert nur ein halbes Jahr. Die zweite immerhin zehn Jahre. Für diesen Mann ist sie sogar in die USA gezogen, hat dort mit ihm einen Sohn bekommen und „normal“ gelebt. „Normal“ bedeutet für sie, sie hat „unauffällig viel“ getrunken. Die Ehe geht dennoch nicht gut. 1992, ihr Sohn ist acht Jahre alt, geht sie zurück nach Deutschland. Den Jungen lässt sie bei ihrem Ex-Mann in den USA.

In Deutschland lernt sie nach einiger Zeit einen neuen Mann kennen. Er ist Alkoholiker, schlägt sie. „Ich war so abgestumpft, das war normal für mich“, sagt sie. Sie wird wieder schwanger, bekommt noch einen Sohn. „Er hat das alles mitbekommen.“ Damit meint sie die Streits, den Alkoholmissbrauch in der Familie. Zum Schluss, so Monika Cailliet, habe sie täglich 2½ Flaschen Wodka getrunken. „Das hat man mir nicht angemerkt. Ich war Pegeltrinkerin. Ich habe funktioniert“, sagt sie.

Der Hilfeschrei

Doch das konnte nicht ewig so weitergehen. „Eines Tages rief ich irgendeinen Psychologen an. Ich habe ins Telefon geschrien, dass ich nicht mehr kann, dass ich Hilfe brauche. Er hat mir geraten, ins Bezirkskrankenhaus (BKH) zu gehen und mich entgiften zu lassen. Das habe ich getan.“ Ihr Wille, trocken zu werden und zu bleiben, war groß. Ein Rückfall erschien ihr unwahrscheinlich. Als ihr Maßnahmen angeraten wurden – wie regelmäßige Atemalkoholkontrollen – verweigerte sie sich. „Das ist im Nachhinein natürlich sehr blauäugig von mir gewesen“, sagt sie heute. Aber ihr ist damals klar, dass sie mit Alkohol nichts mehr zu tun haben will.

Ganz so einfach, wie sie es sich vorgestellt hatte, ist es dann doch nicht, trocken zu bleiben. Ihr Lebensgefährte macht beim Entzug mit und wird auch trocken. Doch die Partnerschaft mit ihm belastet Manuela Cailliet. „Ich habe gespürt, dass er wieder trinken will. Ich wollte das auf keinen Fall.“ Sie trennt sich – kurze Zeit später fängt er tatsächlich wieder an zu trinken. Er findet eine neue Lebensgefährtin, ebenfalls Alkoholikerin, die beiden gehen vor die Hunde, beschreibt Manuela Cailliet. Schließlich eskaliert die Situation und die neue Lebensgefährtin ersticht den Ex-Freund von Manuela Cailliet. Der Fall macht in Augsburg Schlagzeilen als „Herrenbach-Mord“.

Ehrenamt für die gute Sache

Manuela Cailliet hingegen macht Fortschritte. Durch das BKH kommt sie zu Kornblume e.V., nimmt dort an Sitzungen der Selbsthilfegruppen teil, macht eine Therapie. Auch eine Ausbildung zur Suchtkrankenhelferin schließt sie ab. Heute arbeitet sie im Verein ehrenamtlich tätig, als 1. Vorsitzende. „Ich habe mich in der Kornblume hochgearbeitet. Schon nach kurzer Zeit war ich Gruppenleiterin.“

Die Sucht lockert ihren alles kontrollierenden Griff jedoch nur sehr langsam. Nachdem sie trocken ist, fängt sie an, extrem viel zu arbeiten. „Ein Suchtkranker kann nicht maßhalten. Es hat Jahre gedauert, bis sich das bei mir reguliert hat“, sagt Manuela Cailliet. Ihre Bedürfnisse zu erkennen und sie auch zuzulassen – das muss sie erst lernen. Und ihrem Sohn beibringen, dass sie nicht rund um die Uhr für ihn da sein kann. Manchmal, erklärt sie ihm, braucht sie einfach eine Stunde für sich. Und manchmal habe sie einfach keine Lust, zu kochen. Das zu akzeptieren war für ihren Sohn nicht leicht. „Es kam vor, dass ich um 10 Uhr von der Kornblume nach Hause kam und mein Sohn in der Küche stand und sagte, er habe Hunger. Da sagte ich zu ihm, dass ich jetzt nicht mehr koche. Ich musste ihm Grenzen aufzeigen.“

"Ich nehme das Leben bewusster wahr"

Heute ist sie Anfang 50, war 26 Jahre ihres Lebens Alkoholikerin. Und ist es noch immer – aber seit elf Jahren ist sie trocken. Was hat sich verändert? „Ich nehme das Leben jetzt viel bewusster wahr. Ich kann dem Leben, auch wenn es alles andere als einfach ist, kurze, schöne Momente abgewinnen. Die finde ich vor allem in der Natur. Und die kostet nichts.“

Manuela Cailliet lebt seit einiger Zeit von Hartz IV, „das ist nicht schön. Aber anderen Leuten zu helfen, sie auffangen zu können. Und das alles nüchtern zu erleben – „das ist Glück für mich“, erklärt sie.

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