Dienstag, 21. Mai 2013

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Was der Flamenco für Spanien ist, ist der Fado für Portugal. Die ehemalige Arme-Leute-Musik ist heute Touristenattraktion Nummer eins. Doch abseits findet sich noch der authentische Fado...

"Schschschttt" – so klingt es, wenn der Fado sich ankündigt. Das Licht in der Bar wird gedämpft, die Gespräche verstummen. Dann steht einer der Alten auf. Er hebt die Hände, als ringe er mit etwas. Ein Wehklagen kommt aus seiner Brust. Ist jemand gestorben?

Nein, das ist nur ein Fadolied. Am Ende lächelt der Sänger selig, die Zuhörer tun es ebenso. Wer nach Lissabon reist, hat unweigerlich solche Szenen vor Augen. Die Stadt am Tejo gilt als ein Zentrum des Fado. Er ist in Portugal das, was der Flamenco in Spanien ist. Eine Musik, eine Tradition, ein Lebensgefühl.

Musik, die zum Weltkulturerbe gehört

Fado, klar, das sind feurige Gitarreros und herzzerreißender Gesang. Inzwischen ist er offiziell geadelt worden: Seit 2011 gehört der Fado zum Weltkulturerbe der Unesco. Aber was steckt hinter dieser Musik? Eine Spurensuche.

Die erste Spur führt ins Fado-Museum, ein rosafarbenes Haus mitten in der Alfama, der Altstadt Lissabons. In den engen Gassen hängt die Wäsche, die Alten stecken die Köpfe aus dem Fenster. Alte Laternen tauchen das Ganze abends in ein gelbes Licht, man läuft durch die Gassen wie durch einen vergilbten Film.

Fado kann auch fröhlich klingen

Heute hängt hier an jeder Ecke ein Schild: „Heute Fado!“ Es gibt Shows mit und ohne Kostüme, manche Gaststätten schmücken sich mit Schildern wie „Casa de Fado“. Gegen 21 Uhr, zur Essenszeit, tönt es aus allen Ecken der Altstadt. „Fado ist mehr als Musik – er ist ein Ausdruck des typisch portugiesischen Lebensgefühls“, sagt Ricardo, der durch das Fado-Museum führt. Die Lieder seien Ausdruck der Saudade, ein Wort, das sich schwer übersetzen lässt. In ihm schwingt Sehnsucht mit. Und Wehmut. Fado sei aber nicht nur traurige Musik, betont Sara Pereira, die Direktorin des Fado-Museums. Er könne durchaus auch fröhlich klingen.

In einer Stadt aus vergangenen Tagen

In jedem Fall hat Fado etwas Nostalgisches. Das passt zu Lissabon mit seinem morbidem Charme. Die hügelige Stadt am Tejo lebt vom Prunk vergangener Tage und wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen. „Fado war eine Arme-Leute-Musik, die aus den Arbeitervierteln der Stadt kommt“, erklärt Pereira. Früher hätten die Prostituierten so ihr Leid geklagt. Zunächst wurden die Lieder mündlich weitergegeben, erst später hielten Noten und professionelle Musiker Einzug in diese Tradition. Diese Aufteilung merkt man bis heute.

Zum Beispiel nachts, wenn im Partyviertel Bairro Alto das Leben erwacht. Dort spielt sowohl die Profi- als auch die Amateurliga. Es werden Fado-Shows mit viel Brimborium für Touristen in den Restaurants geboten, aber auch Amateure zeigen in kleinen Bars ihr Können.

Auf der Bühne stehen Profis und Amateure

In den Amateurbars gilt das Prinzip der offenen Bühne. „Jeder kann mitsingen“, ermutigt Pereira. Also los, rein ins „Tasca do Chico“, wo sich gegen zehn Uhr abends schon die Leute stapeln. Dann, um halb zwölf, ist es endlich so weit: Die Gitarren werden serviert. Ein weißhaariger Sänger legt los, der ein wenig so aussieht, als sei er eben aus dem Buena Vista Social Club entsprungen.

Am nächsten Tag glitzert der Tejo in der Sonne wie ein Versprechen vom süßen Leben im Süden. Ist es das vielleicht, wovon die Fadistas singen, der Fluss und dahinter das Meer? Ist es die Klage der Frauen, die auf ihre Männer warten, die auf hoher See sind? Nein, das denken viele, sagt Pereira vom Fado-Museum. „Aber das ist nur ein Mythos.“ Ein Mythos? Ja, das gilt wohl auch dafür, dass es in Lissabon einfach wäre, wirklich typische Fadomusik zu erleben. Gibt es die hier überhaupt noch?

Eine Sängerin, zwei Männer und ihre Gitarren

Dann, eine kleine Bar in der Altstadt, am Ende einer Straße, die steil hinaufführt. Dort singt heute Daniela Varela. In einer Pause erzählt die dunkelhaarige Schönheit, dass sie Portugal schon einmal beim Eurovision Song Contest vertreten hat und eigentlich nur zum Spaß ab und zu in Amateurbars auftritt.

Auf einmal wird das Licht abgedunkelt. „Schschschttt“ macht es, und zwei Männer greifen sich die Gitarren. Daniela Varela setzt zu singen an und hebt die Hände, als ringe sie mit etwas. Ein Wehklagen kommt aus ihrer Brust. Es gibt keine lauten Touristengruppen, keine Kostüme, keine Show. Nur die Sängerin, die Gitarren und einen Haufen Leute, die mucksmäuschenstill lauschen. Am Ende lächelt sie selig. Und die anderen im Raum auch. „Temos Fadista!“, „wir haben einen neuen Fadista!“ rufen die Leute in der Kneipe. Endlich, da ist es, das Gefühl: Das ist der Fado.

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