Montag, 11. Dezember 2017

Themenwelten   |   Reise & Urlaub

Warum man bei einer Wanderung durchs Oderbruch auf Ziegen trifft, erfahren Sie hier: Von Inga Dreyer

Die schwarz-weißen Ziegen Aragon und Steffen mit ihren langen Hörnern sind stattliche Erscheinungen. Doch neben ihrem Besitzer fällt das nicht so auf, denn der ist selbst sehr groß. Lange Beine, Ziegenbärtchen – man wird den Eindruck nicht los: Wenn Aragon und Steffen Menschen wären, sie sähen aus wie Mirko Zimmermann. Während eines Urlaubs in der Schweiz hat der gelernte Koch zum ersten Mal Pfauenziegen gesehen.

Das Oderbruch im Osten Brandenburgs liegt etwa 70 Kilometer von Berlin entfernt: ruhig, ländlich, flach. Was die Schweizer Gebirgsziegen in dieser Gegend tun? Klar: Sie wandern. „Am Anfang wurden wir schon belächelt“, sagt Zimmermann. Aber gerade verrückte Ideen bleiben ja im Gedächtnis. „Mir ist es wichtig, meine Heimat näherzubringen und Ecken zu zeigen, die man vom Auto oder Fahrrad aus nicht sehen kann.“

Und das geht am besten zu Fuß und mit Gepäcktransport. Dafür sind Aragon und Steffen zuständig. Morgens hing eine graue Nebelsuppe über den Feldern, nun strahlt der Himmel in herrlichem Oderbruch-Blau. Die Ziegen sind wie zwei von der Leine gelassene Hunde. Zimmermann, Mitte 30, stammt aus dem Bruch. In Hamburg hat er Koch gelernt, doch dann waren die Wurzeln stärker als die große weite Welt.

So erzählt er es. Zurück an der Oder arbeitete Zimmermann in der Gastronomie und betreibt heute seit vier Jahren ein kleines Restaurant in Altreetz, einem der kleinen Oderbruch-Dörfer. Mit seinem Kompagnon David Kluck will er die Gegend touristisch entwickeln, aber auch Anlaufpunkt für Einheimische sein. „Man kann schlecht für die Region stehen und dann nicht präsent sein“, sagt Kluck.

Auf Anfrage organisiert das ungleiche Gespann Wanderungen – Mirko Zimmermann als Oderbruch-Gewächs mit brandenburgischem Witz und David Kluck, der kleine aufgeschlossene Zugezogene aus Frankfurt am Main. Noch immer wird das Oderbruch, im 18. Jahrhundert auf Geheiß Friedrichs II. trockengelegt, durch ein ausgeklügeltes System aus Sielen, Deichen und Schöpfwerken gegen das Wasser verteidigt. „Man würde hier sonst bis zum Bauchnabel im Matsch stehen“, sagt Kluck. Mit den Ziegen geht es hinauf auf den Deich. Der Wind streift durchs Gesicht, die Luft ist klar, kein Auto weit und breit. Stille. Unten der breite Fluss, der zur Ostsee strömt. Der Deich wird zum Laufsteg für die Ziegen. Spaziergänger gucken ungläubig.

Von klein auf geliebt

Zollbrücke ist ein touristisches Zentrum im Miniaturformat mit Restaurants und ein paar Fachwerkhäusern. Vor einer Gaststätte muss Mirko Zimmermann aufpassen, dass die Ziegen nicht die Dekoration abfressen. „Schafe und Ziegen habe ich schon zu DDR-Zeiten geliebt“, erzählt er. So sehr, dass er sich von seinem ersten Taschengeld eine Ziege gekauft hat. Die schlauen und genügsamen Tiere gehören zum Oderbruch. „Sie war schon immer die Kuh des kleinen Mannes.“ Die Wanderung endet auf dem Ziegenhof von Michael Rubin, einem weiteren Unikat der Region. Der Oderbruch-Ranger mit Cowboy-Hut serviert Ziegenkäsekuchen und Filterkaffee.

Er hat einen kleinen Verkaufsraum mit Glasvitrine, in der selbst gemachte Frischkäsekugeln in Öl und bunten Gewürzen liegen. Es ist spät geworden. Luxus sucht man im Oderbruch vergeblich. Aber wer Lust hat, einen eigentümlichen Landstrich zu erkunden, ist dort richtig. „Man muss hier ein bisschen Zeit verbringen, um zu erleben, wie es ist“, sagt Zimmermann. Dann entdecke man die Schönheiten. „Bei schlechtem Wetter ist es am schönsten hier. Es ist so groß, so gewaltig, und es gibt unglaubliche Sonnenuntergänge.“

Mehr Artikel zum Thema

Weitere Artikel

Städtereisen & Kurztrips

Städtereisen & Kurztrips: Bodden statt Bettenburgen Bodden statt Bettenburgen

Winter auf Poel: Angelfahrten, Schatzsuche und Entschleunigung laden auf Deutschlands siebtgrößte Insel ein. Warum sich der Besuch in Mecklenburg-Vorpommern lohnt.

Städtereisen & Kurztrips

Städtereisen & Kurztrips: Erst Tod, dann Torte Erst Tod, dann Torte

Der Tod gehört zum Leben, vor allem aber gehört er zu Wien. Die österreichische Hauptstadt hat ein besonderes Verhältnis zum Sterben. Gruft, Leichenschmaus, Geisterbahn - eine...

Städtereisen & Kurztrips

Städtereisen & Kurztrips: Industriegeschichte und Natur: Berlin abseits der Touristenströme entdecken Industriegeschichte und Natur: Berlin abseits der Touristenströme entdecken

Für die meisten Touristen sieht ein Besuch in Berlin so aus: Brandenburger Tor, Ku’Damm, Mauerreste an der East Side Gallery. Was es im Südosten der Stadt zu sehen gibt, wissen... Von Alexandra Stahl

Weitere Themen

Lust auf Urlaub

Lust auf Urlaub: Fernreise verkürzt sich um zwei Tage: Rücktritt möglich Fernreise verkürzt sich um zwei Tage: Rücktritt möglich

Kurz vor einer Fernreise wird der Rückflug geändert, und der Urlaub ist plötzlich nur noch acht Tage lang. Die weite Reise lohnt sich kaum noch. Das Landgericht Köln sah das auch...

Urlaub in Europa

Urlaub in Europa: Nur die Korken knallen Nur die Korken knallen

Für viele Deutsche gehört das Zünden von Raketen und Böllern an Silvester einfach zu. Wer den Jahreswechsel im Ausland verbringt, könnte aber enttäuscht sein: In vielen Städten und...

Familienurlaub

Familienurlaub: Ferien mit Oma und Opa Ferien mit Oma und Opa

Wenn das Familienleben sonst zu kurz kommt, kann ein gemeinsamer Urlaub die Lösung sein. Gerade Großeltern freuen sich auf die Zeit mit den Enkeln – und spendieren oft sogar die...

Städtereisen & Kurztrips


Quiz - Kreuz und Quer
Schönes Europa

Reise-Quiz
Reise-Börse