Dienstag, 24. Oktober 2017

18. März 2017 00:34 Uhr

Vortrag

Afghanistan mit eigenen Augen erlebt

Der Fotojournalist Erik Marquardt hat sich selbst ein Bild von der Flüchtlingssituation gemacht. Er reiste nach Kabul und entlang der Balkanroute, beobachtete Schlepper – ein Dokument der Verzweiflung Von Bärbel Schoen

i

Kinder schleppen Müllsäcke auf dem Rücken, die größer sind als sie selbst. Erwachsene wühlen in der Gosse nach Essbarem oder säubern als Tagelöhner Straßen und Flussufer von Unrat. Auf der so genannten Zombie-Brücke hocken Männer, die aussehen wie Greise und unter Tüchern Opium rauchen. Täglich gibt es dort Tote, erfroren bei Minustemperaturen. „Der Staat kümmert sich nicht um sie“, berichtet Erik Marquardt in seinem Vortrag im Wertinger Weltladen. Unter den Zuhörern sitzen viele junge Flüchtlinge, eine Frau weint.

Der 29-jährige Fotojournalist und Politiker der Grünen war im Januar für zwei Wochen in Afghanistan. Die Hauptstadt Kabul gleiche einer Festung, berichtet er, hohe Mauern und Stacheldraht umgäben Regierungsgebäude. Wer es sich leisten könne, baut Mauern und stellt schwer bewaffnete Sicherheitsleute als Schutz vor Selbstmordattentätern an sein Wohnhaus. Die Stadt und ihre Menschen seien vom Krieg gezeichnet - überall sieht man invalide Menschen mit amputierten Gliedmaßen. Marquardt hat in der Hauptstadt Kabul zwei Welten erlebt, ein hermetisch abgeriegeltes Viertel für Diplomaten und Regierende und den großen Rest. Kabul gehört wegen des Flüchtlingszuzugs zu den am schnellsten wachsenden Städten der Welt. Waren es vor einem Jahrzehnt eine Million Einwohner, zählt Kabul heute über sechs Millionen.

ANZEIGE

Dementsprechend gibt es kaum Jobs und Wohnungen. Erik Marquardt traf den britischen EU-Vertreter George Cunningham: „Er sitzt in der sicheren Botschaft und lässt sich berichten, was draußen passiert.“ In Wirklichkeit habe kaum mehr jemand den Überblick, wie es in den Landesteilen aussehe. In einem Camp traf er 250 Familien der ethnischen Gruppe der Hazaren, die bei eisigen Temperaturen in Zelten hausten. Kinder wärmten sich die Hände an Plastikkanistern, die mit heißem Wasser gefüllt waren. Ein Großvater habe ihn gebeten, seinem herzkranken Enkelkind zu helfen. Insgesamt sei die Lage in Afghanistan hoffnungslos: „Wir haben ihnen Hühner gekauft.“ Mehr Hilfe war nicht möglich.

Was der Fotojournalist auf der Balkanroute gesehen hat, ist erschütternd. Er begab sich in den vergangenen zwei Jahren etwa 20 Mal auf die Routen der Flüchtenden. Er wollte sich selbst ein Bild von den Fluchtbewegungen machen und die Lage der Menschen erleben und fand Tausende, die in Mazedonien und Serbien festsitzen und in Baracken leben, nachts zugedeckt mit Decken der UNO.

Die Küsten vieler griechischer Inseln liegen sehr nahe an der Türkei, fast einen Steinwurf entfernt. Die Überquerung birgt jedoch viele Risiken. „Ich habe kein Boot gesehen, das nicht überfüllt war.“ Schlepper pferchten mehr als 50 Menschen in Schlauchboote, die eigentlich nur für zwölf Personen ausgelegt waren. Dabei gingen sie oftmals mit brachialer Gewalt vor und schlugen auf die Geflohenen ein. Schon normaler Wellengang kann Menschen in Lebensgefahr bringen. „Die Schlepper sind keine netten Leute, aber für Flüchtlinge die einzige Möglichkeit“, erzählt Marquardt. Zwischen 6000 und 10000 Dollar kostet eine Überfahrt – Afghanen verdienten im Schnitt nur etwa 500 Dollar im Jahr.

Ein beinahe künstlerisch anmutendes Bild hat der Berliner mit einer Drohne aufgenommen. Es zeigt bunte Berge an der Küste von Lesbos. Es sind Berge von Schwimmwesten.

Der Politiker sieht die Politik seines eigenen Landes sehr kritisch. „Es beschämt mich, wie hier über Flüchtlinge geredet wird.“ Die Menschenrechte würden mit Füßen getreten „aus politischen und populistischen Gründen“, er sieht die kommenden Wahlen in Deutschland als Grund für die Abschiebungen. Beim Rücknahmeabkommen zwischen Afghanistan und Deutschland sei es ein „offenes Geheimnis“, dass es an Hilfsgelder geknüpft ist. Vier Milliarden Euro fließen in den nächsten vier Jahren in das vom Krieg zerstörte Land. Politiker redeten wenig über Problemlösungen, sondern bauten lieber Zäune an den Grenzen.

Marquardt dokumentierte das Leid der Menschen, die offensichtlich vom Westen allein gelassen werden. Alleingelassen fühlen sich auch die Helfer vor Ort: „Die Willkommenskultur ist tot“, meinte ein Zuhörer am Ende des Vortrags. Bisher hätten Asylhelfer staatliche Aufgaben bei der Betreuung übernommen, natürlich ehrenamtlich. Georg Schrenk aus Dillingen erzählte über das Schicksal eines Flüchtlings, der seit fünf Jahren in der Region lebt und bei einem Metzger arbeitet, aber plötzlich einen Ablehnungsbescheid erhalten hat: „Es ist unverschämt, wie Bayern jetzt versucht, gut integrierte Menschen abzuschieben.“ Die Flüchtlinge seien zum Spielball der Politik geworden.

i

Ihr Wetter in Wertingen
23.10.1723.10.1724.10.1725.10.17
Wetter Unwetter
                                                Wetter
                                                Regenschauer
	                                            Wetter
	                                            wolkig
                                                Wetter
                                                wolkig
Unwetter7 C | 10 C
8 C | 14 C
7 C | 17 C
Das Wetter aus Ihrer Region
Nachrichten in Ihrer Region
Augsburger Allgemeine Aichacher Nachrichten Augsburger Allgemeine Donau Zeitung Donauwörther Zeitung Friedberger Allgemeine Günzburger Zeitung Illertisser Zeitung Landsberger Tagblatt Mindelheimer Zeitung Mittewlschwäbische Nachrichten Neu-Ulmer Zeitung Neuburger Rundschau Rieser Nachrichten Schwabmünchner Allgemeine Wertinger Zeitung
Anfang vom Ende

Top-Angebote

Alle Infos zum Messenger-Dienst
Bauen + Wohnen

Unternehmen aus der Region

Veranstaltungen vom 24.10.2017

Partnersuche