Landkreis Dillingen Das monotone Surren der Dialysegeräte durchbricht die beklemmende Stille. Anton Gerstmayr liegt regungslos auf einem Bett im Dillinger Nierenzentrum. Zwei Schläuche in seinem Unterarm verbinden ihn mit der Maschine, die sein Blut reinigt: jeweils vier Stunden an drei Tagen die Woche. Er wirkt deprimiert. Mühsam versucht er, seine Umwelt wahrzunehmen: Nach 26 Jahren mit Diabetes ist er fast blind. "Müsste ich nicht so lange auf eine Transplantation warten, wäre es nicht so weit gekommen", flüstert er resigniert. Die tägliche Ungewissheit über die Zukunft und die Angst vor dem Tod zermürbe die Hoffnung. Er wünscht sich, dass mehr Menschen, die Organspenden befürworten, auch tatsächlich den Schritt zur Registrierung wagen.
VOn Christian Packheiser
Um eben dieses Missverhältnis abzubauen und Betroffenen besser helfen zu können, diskutiert die Politik derzeit die Einführung der Widerspruchsregelung, wie sie in vielen Nachbarländern praktiziert wird. Somit käme nach dem Hirntod jeder als Spender infrage, der es zuvor nicht ausdrücklich verneint hat. Allerdings ist das Verfahren noch umstritten.
80 Dialysepatienten
Dr. Ulrike Bechtel, Leiterin des Nierenzentrums, sagt, dass vielen Kranken mit der Änderung geholfen wäre: "Es besteht ein enormer Überhang an Patienten, die dringend eine Transplantation brauchen." Im Landkreis gebe es allein 80 Dialysepatienten, wovon die meisten auf der Warteliste stehen. Allerdings könne nur zehn Prozent geholfen werden. Die lange Wartezeit von durchschnittlich sieben Jahren sei ein ernstes Problem: Die Erfolgsaussichten einer Transplantation würden sinken, das Risiko von Folgeschäden steige und viele erlebten den Eingriff erst gar nicht. In Ländern mit Widerspruchsregelung liege die Wartezeit bei nur zwei Jahren. Die Versorgung mit Organen sei um 35 Prozent höher. Bechtel sieht das Problem in der Bequemlichkeit, dass viele keine Spenderkarte ausfüllen. Gesellschaftliche Intoleranz, irrationale Ängste und die Tabuisierung des Todes kämen hinzu. "Die meisten, die sich aber einmal aktiv mit dem Thema beschäftigt haben, entschließen sich, Spender zu werden", weiß Bechtel aus Erfahrung. Die Neuregelung sei sinnvoll, weil sie dieses Nachdenken fördere. Das Recht auf Freiwilligkeit sieht sie gewahrt, da zu einem Widerspruch keine Motive angegeben werden müssten und die Angehörigen auch weiterhin mitentscheiden könnten.
Mediziner Dr. Stefan Geyer aus Gundelfingen sagt: "Wir müssen bessere Aufklärungsarbeit leisten." Es sei wichtig, dass mehr Menschen geholfen werde. Die gesellschaftlichen Vorbehalte gegenüber dem Thema Organspende seien unnötig. Viele würden unverständlicherweise glauben, als Spender medizinisch schlechter versorgt zu werden. Mit solchen Irrtümern müsse endlich aufgeräumt werden, meint Geyer. Der Widerspruchslösung steht er allerdings skeptisch gegenüber, da so etwas nicht von der Politik "auferlegt" werden dürfe.
Dekan Paul Sinz aus Steinheim sagt: "Organspende ist ein letztes Werk der Nächstenliebe." Als Spender wisse er, wie wichtig es ist, dass sich mehr Menschen damit auseinandersetzen. Jedoch könne dies nur über den Dialog erfolgen. Die Widerspruchslösung lehnt er ab: "Es ist wichtig, aktiv zu bejahen und nicht verneinen zu müssen."
Heidi Ostermeier aus Bissingen musste drei Jahre auf eine Lunge warten.
Sie findet es schade, dass viele sagen, sie würden gerne spenden, dann aber einen Rückzieher machen: "Ich kenne viele Leute, die es für eine gute Sache halten. Doch oft füllen sie keinen Spenderausweis aus, weil die Unsicherheit überwiegt." Dies sei meist eine folge von mangelnder oder falscher Information. Sensationsberichte würden viele vom Spenden abhalten. Von der neuen Regelung verspricht sie sich einen aufgeklärteren Umgang mit dem Thema.
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