Freitag, 21. Juli 2017

09. Juni 2017 06:09 Uhr

Haushalt

Schlendrian statt Putzteufel?

Die Deutschen sollen laut jüngsten Erhebungen das Putzen verlernt haben. Die Wertinger Hauswirtschaftsschule hält dagegen Von Günter Stauch

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Wie gibt es keine Schlieren? Welches Arbeitsgerät nehme ich? Wie viel von welchem Mittel trage ich beim Putzen auf? Fragen wie diese sollen laut einer neuen Studie immer weniger Leute sicher beantworten können. Eine Wertinger Expertin vermittelt, wie man richtig putzt.
Foto: Ralf Lienert

Die Deutschen – ein Volk voller Putzmuffel? Dieser Eindruck könnte entstehen nach der jüngsten umfassenden Untersuchung eines britischen Hygiene-Instituts zum Putzverhalten der Menschen in zwölf europäischen Ländern. Dabei landeten die für ihren Sauberkeitssinn eher berüchtigten Bundesbürger nur weit unten, zwei Drittel der Befragten stellte sich ein schlechtes Putz-Zeugnis aus: „Bei der Mehrheit der Bevölkerung ist eine deutliche Abneigung gegenüber Putzen und Hygiene zu spüren“, kommentierte ein Londoner Virologe die überraschenden Erkenntnisse. Doch auch, wenn in manchen deutschen Wohnungen ein gewisser Schlendrian Einzug gehalten haben sollte: Die landesweit gefragte Landwirtschaftsschule in Wertingen mit ihrer Abteilung Hauswirtschaft hält in Sachen Putzen den Schwamm fest in der Hand. Glänzen doch deren Absolventen seit Jahren bei ihren Abschlüssen stets mit Bestnoten.

„Das Thema Reinigung ist ein wichtiger Bestandteil des Faches ‘Haus- und Textilpraxis’ während des einsemestrigen Studiengangs“, unterstreicht Cornelia Stadlmayr, stellvertretende Schulleiterin, die sich schon ein wenig wundert über die Neuigkeiten von der Insel. So würden zehn Prozent der gesamten Unterrichtszeit allein für die Reinigung und Pflege von Materialien und Geräten im Haushalt beansprucht. Die erlernten Kenntnisse flössen zudem fächerübergreifend in die Ausbildung ein. Insgesamt werden acht Fächer geschult. „Ziel ist, dass sich die Studierenden die Gestaltung einer angenehmen und gesundheitsförderlichen Wohn- und Esskultur aneignen“, betont die erfahrene Lehrerin. Schließlich diene dies „einem positiven Wohnklima und Arbeitsumfeld“ des künftigen Standorts der ausgebildeten Hauswirtschafterin. Und: „Wenn der Weg dorthin auch noch mit der einfach traumhaften Durchschnittsnote 1,56 so wie in diesem Jahr zurückgelegt wird, dann umso besser.“

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Dass dieser meist beschwerlich und höchst anspruchsvoll ausfällt, zeigt schon ein kurzer Blick auf das umfangreiche Curriculum des renommierten Hauses im Zusamtal. Da wird über das mitunter verpönte Putz-Thema, das laut einer repräsentativen Studie des Haustechnikherstellers Panasonic nur noch vom Bügeln als „meistgehasste“ Tätigkeit unterboten werde, fast so etwas wie eine kleine Wissenschaft betrieben.

Was sich für eine bedeutende Bildungseinrichtung in Nordschwaben wohl gehört. Da geht es um Systematiken, die auch im Alltagsgeschäft nicht nur von Hauswirtschafterinnen beherzigt werden könnten. So wird dabei sorgsam zwischen Sicht-, Unterhalts- und Grundreinigung unterschieden, zumal die Arbeiten täglich, wöchentlich oder in größeren Zeitabständen anfallen.

Bei Ersterem sind die „direkt ins Auge fallenden Verschmutzungen“ gemeint wie etwa das Zimmer-Aufräumen oder Leeren von Papierkörben. Beim Unterhalt kommen regelmäßige Arbeiten wie Staubsaugen, Bodenwischen oder Badesäuberung zum Tragen, bei der Grundreinigung das eher seltene Saubermachen von Gardinen, Fenster und Türen.

Mit Köpfchen an die Sache heranzugehen lernen die Studentinnen auch noch in anderer Hinsicht. Zum Beispiel beim sinnvollen Einsatz der Reinigungsmittel. Man müsse sich wegen der unterschiedlichen Materialien schon Gedanken darüber machen, ob es Metall, Holz, Kunststoff, Glas oder Keramik ist, stellt Cornelia Stadlmayr fest. „Jeder, der schon einmal das Silberbesteck von Oma putzen wollte, ohne dass dabei die dunkle Patina verloren gehen darf, weiß, dass die Spülmaschine dafür gänzlich ungeeignet ist – das kann alles viel Zeit in Anspruch nehmen.“

Diese braucht es auch bei der Überlegung, wie viele der Stoffe dabei eingesetzt werden: „Zu viel Reinigungsmittel im Putzwasser kann Schlieren am Boden oder am Fenster hinterlassen.“ Darüber hinaus suggeriere die Werbung gerne, dass nur porentiefe Reinheit oder gar desinfizierte Oberflächen korrekt sein sollen. „Dass dadurch die Umwelt unnötig belastet wird, liegt auf der Hand“, deutet Stadlmayr an und weist auf die nachhaltige Orientierung ihres Hauses hin. „Die Studierenden sollen es lernen, Entscheidungen im Hinblick auf Werterhaltung und Ökologie zu treffen.“

Zweifel, dass ihre ehemaligen Schüler eines Tages doch mal beim so erlernten Reinemachen schwächeln sollten, hegt die stellvertretende Schulleiterin kaum: „Sie sind alle hoch motiviert und nehmen bei uns sehr viel mit.“

Wohl sehr zur Freude etwa von Nicole C. Karafyllis. Die Forscherin an der TU Braunschweig setzt sich für die bei Männern wie Frauen mitunter ungeliebte Beschäftigung mit dem Schmutz ein. Ihr jetzt erschienenes Buch trägt den Titel „Putzen als Passion. Ein philosophischer Universalreiniger für klare Verhältnisse“ (Kadmos, Berlin).

Die Befürworterin einer „grundlegenden Putz-Erziehung“ ärgert sich, weil sie sich immer dafür rechtfertigen muss, gerne sauber zu machen. „Das Problem ist, dass dabei nichts entsteht, so wie zum Beispiel beim Gemüseanbau oder beim Stricken.“ Doch selber putzen ermögliche den Bürgern eine der wenigen Pausen von diesem Dauernd-produktiv-sein-Müssen.

Für das äußerst lesenswerte Werk könnte man glatt mal eine Zeit lang Wischlappen und Besen zur Seite legen.

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