Sonntag, 20. August 2017

30. Juni 2017 06:38 Uhr

Kommentar

Die deutsche Wirtschaft droht heiß zu laufen

Der Aufschwung dauert ungewöhnlich lange. Dank billigen Geldes wird oft ohne Maß investiert. Das könnte sich rächen. Denn die nächste Rezession kommt sicher.

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In Deutschland ist die ausgelassene Wirtschaftsparty noch in vollem Gange.
Foto: Frank Rumpenhorst/Illustration (dpa)

Der Börsen-Philosoph André Kostolany wies gerne auf die Weisheit hin, dass, wenn Aktienkurse nicht weiter steigen, sie fallen müssen. Eine banale Erkenntnis, mag mancher denken. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Irgendwann gibt es im Wirtschaftsleben, ob es um Börse oder Konjunktur geht, den Punkt, an dem der Aufwärtstrend an eine Decke stößt. Es geht nicht weiter nach oben. Der Beton ist zu hart. Wer das nicht kapiert, holt sich nur Beulen.

An so einem Wendepunkt nach unten könnte die deutsche Wirtschaft in den nächsten Jahren ankommen. Sie drohe heiß zu laufen, wie Professor Stefan Kooths sagt. Der Konjunktur-Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft spielt derzeit mit überzeugenden Argumenten den Stimmungsverderber.

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Wann knallt es? Vielleicht in zwei, drei Jahren

Dabei ist die ausgelassene Wirtschaftsparty noch in vollem Gange. Das zeigt der gestern veröffentlichte GfK-Index. Danach sind die Gäste des Konjunktur-Sommerfestes aufgekratzt wie lange nicht. Seit der Wiedervereinigung waren die Bürger, was ihre Einkommenserwartungen betrifft, nicht mehr derart zuversichtlich. Sie glauben sogar, dass der fünf Jahre – und damit ungewöhnlich lange – andauernde Aufschwung so weitergeht. Dann ringen sich Anleger zum Kauf einer viel zu teuren Drei-Zimmer-Wohnung in München für 660.000 Euro durch. Hohe Schulden zu machen, scheint dank den Billigheimern von der Europäischen Zentralbank fast ein Muss zu sein.

In einer solchen rosaroten Welt der Null-Zins-Drogen, in der Sorgen weit weg zu sein scheinen, werden auch noch ein dicker SUV und ein Stadtflitzer geleast. Schließlich herrscht in unserer Region vielfach Vollbeschäftigung, und die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt immer weiter an. Überall Zuversicht: Es wird kräftig gebaut, sodass ein Elektriker oft genauso schwer zu bekommen ist wie ein Termin beim Facharzt. Bei alledem rechnet das Ifo-Institut mit immer mehr Wachstum. Nach 1,8 Prozent in diesem Jahr sollen es 2018 gute 2,0 Prozent werden. Wie passen dazu warnende Stimmen von einer Überhitzung der Konjunktur?

Sehr gut, denn dass die Wirtschafts-Party eine gefühlte Ewigkeit währt, trägt dazu bei, dass sich Verbraucher (was psychologisch verständlich ist) in Sicherheit wiegen. Der Zustand ist gefährlich. Denn die Dauerfeier ist zu einem großen Teil Resultat des ökonomischen Fehlanreizes ultrabilligen Geldes. Deutschland, eine Volkswirtschaft auf dem Weg zur Hochkonjunktur, bräuchte höhere Zinsen, die dämpfend auf den überbordenden Bauboom wirken.

Mario Draghi, der Chef-Animateur der Euro-Sause

Doch EZB-Chef Mario Draghi, der Chef-Animateur der Euro-Sause, ist Gefangener der gemeinsamen Währung. Wegen Schuldenländern wie Italien kann er der deutschen Wirtschaft keine Abkühlung in Form steigender Zinsen verschaffen. Das führt hierzulande zu Hitzewallungen. Das billige Geld verführt auch Firmen, die Produktion zu erweitern – und das, obwohl sie gerade in Süddeutschland kaum noch Facharbeiter finden. Der Kapazitätsausbau kann sich rächen, sobald die nächste Rezession kommt und die Draghi-Festivität beendet.

Wann der unvermeidliche Knall zu hören ist, ob in zwei, drei Jahren oder vielleicht noch später, ist unter Volkswirten umstritten. Eines ist aber klar: Irgendwann macht es bumm! Je länger sich der immer weiter ausdehnende Kaugummi-Aufschwung hinzieht, umso heftiger könnte die Rezession ausfallen. Dann rächt es sich, dass viele Bürger mit üppigen Hypotheken und Leasingverträgen zu sehr ins Risiko gegangen sind. Wie sagte Kostolany auch: „Wirtschaft kann man nicht dozieren, man muss sie selbst erleben – und überleben.“ Wer klug ist, geht jetzt nicht noch überflüssige Finanz-Risiken ein.

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Ein Artikel von
Stefan Stahl

Augsburger Allgemeine
Ressort: Leiter Wirtschaftsredaktion


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