Der Manager sagte 2001 seinem Vorgesetzten, dass er schwul ist. Doch nach wie vor ringen sich wenige Führungskräfte in der Wirtschaft zu einem solchen Outing durch.

An diesem Wochenende findet in Berlin die MILK statt, Europas einzige Karrieremesse für Schwule, Lesben und interessierte Heterosexuelle. Mit dabei sind über 50 Unternehmen, von Adidas bis Volkswagen. Schirmherr ist Bürgermeister Klaus Wowereit, der mit seinem Outing 2001 ein Tabu gebrochen hat – zumindest in der Politik. Sein Ausspruch „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“ entwickelte sich zum geflügelten Wort.
Politiker wie Guido Westerwelle, Ole von Beust oder die frühere hessische Kultusministerin Karin Wolff folgten seinem Vorbild, mal öffentlichkeitswirksam, mal ganz leise. Geschadet hat dieses Bekenntnis den Karrieren der Politiker nicht. Wären sie Profisportler oder Spitzenmanager, hätte das womöglich anders ausgesehen.
So war Albert Kehrer lange der Illusion erlegen, er könne Beruf und Privatleben strikt trennen. Ein Irrglaube, wie er heute weiß. Und folglich gestand der gebürtige Augsburger seinem Chef an einem Tag im Jahr 2001, dass er schwul ist. „Es interessiert mich nicht, was du im Bett treibst“, antwortete der Vorgesetzte, der erst einmal gar nicht verstehen konnte, was Kehrers Homosexualität am Schreibtisch verloren hatte.
Kehrer, 40 Jahre alt und studierter Betriebswirt, musste daraufhin erklären, was er seit seinem Outing oft erklärt: Dass es überhaupt nicht um Intimitäten geht. Sondern darum, auch am Arbeitsplatz erzählen zu können, mit wem man sein Leben teilt, sich nicht hinter Lügengebäuden und Schweigefassaden verstecken zu müssen. Anders als in der Politik, wo ein Outing längst nicht mehr mit beruflichem Abstieg verbunden wird, tun sich viele Arbeitnehmer noch schwer, ihre sexuelle Orientierung offenzulegen.
Bei Führungskräften sind die Hemmungen besonders groß. Während Schätzungen zufolge zwischen fünf und zehn Prozent der Deutschen homosexuell sind, gibt es unter den knapp 200 Vorstandsmitgliedern der 30 Konzerne des Deutschen Aktienindex Dax mit Ulrich Köstlin von Bayer bislang nur einen, der sich als schwul bekannt hat. „Es fehlen die wirklichen Vorbilder“, sagt Kehrer, der heute als selbstständiger Berater und Coach in München lebt. „Menschen, zu denen man aufschauen und sagen kann, auch als Schwuler oder Lesbe kann man ja richtig Karriere machen.“
Die Angst, am Arbeitsplatz benachteiligt zu werden, ist bei vielen groß. Nach einer Studie des Kölner Psychologen Dominic Frohn ist diese Furcht nicht ganz unbegründet. 2006 befragte er mehr als 2000 Schwule und Lesben zu ihren Erfahrungen. Drei Viertel hatten irgendeine Art von Diskriminierung im Job erlebt. Von tuschelnden Kollegen berichtete mehr als die Hälfte, von Spott über 40 Prozent, von unangenehmen sexuellen Anspielungen ein Drittel. Zwar habe sich in den vergangenen Jahren einiges verbessert, heißt es in der Studie. Noch immer befürchten aber viele, dass ein Outing die Karriere bremst.
Wer sich nicht entsprechend gegenüber Kollegen und Vorgesetzten öffnen will, muss lügen oder schweigen. Es gibt Männer, die sich am Arbeitsplatz eine zweite Identität aufbauen, ein Leben mit Ehefrau vorgeben, die es nicht gibt. Kehrer lebt seit elf Jahren in einer Beziehung mit einem Mann, „richtig spießig also“, sagt er dazu. Wenn seine Kollegen von Familienausflügen und Theaterbesuchen mit der Ehefrau erzählten, sagte Kehrer früher, er sei mit einem Freund beim Wandern gewesen. „Jetzt ist es eben mein Mann, mit dem ich weg war.“
Der gebürtige Augsburger entdeckte erst im Zuge eines Auslandsstudiums, dass er Männer liebt. Während der Banklehre in Friedberg, der Arbeit in der Augsburger Stadtsparkasse sei das alles noch kein Thema gewesen. Nicht nur für seinen späteren Chef kam Kehrers Outing völlig unerwartet, auch für seine Familie. Kehrers Umgebung hat die Homosexualität akzeptiert. „Da hatte ich sehr viel Glück“, sagt er. Hätte Kehrer gewusst, dass seine Kollegen überwiegend positiv reagieren würden, hätte er den Schritt vielleicht früher gewagt. Es hätte aber auch ganz anders kommen können.
Kehrer kennt Schwule, die ihre Firma verlassen mussten, weil ihnen gesagt wurde, dass sie im Unternehmen wegen ihrer sexuellen Orientierung keine Chance mehr haben. „Bei Frauen auf dem Weg nach oben gibt es die sogenannte gläserne Decke, bei Schwulen nennt man es „pink ceiling“, eine dicke, rosafarbene Zimmerdecke. Schwule würden mit ähnlichen Argumenten konfrontiert wie Frauen: zu weich, zu durchsetzungsschwach, zu kompromissbereit. „Der lässt sich doch von jedem Heteromann unterbuttern“, sei ein häufiger Gedankengang, sagt Ognjen Sevic vom Völklinger Kreis, einem Berufsverband für schwule Führungskräfte. „Viele Menschen, die keine Homosexuellen näher kennen, haben eben immer noch die Drag-Queen vor Augen, die mit Federboa und Stöckelschuhen herumläuft.“ Lesbische Frauen haben es unter Umständen doppelt schwer: Sie müssen sich nicht nur in ihrer Rolle als Frau beweisen, sondern auch als Homosexuelle.
Allerdings gibt es immer mehr Firmen, die eine offene Unternehmenskultur fördern und eigene Netzwerke für Homosexuelle haben – durchaus aus eigennützigen Motiven. Noch sind es vor allem internationale Unternehmen wie IBM, dem Arbeitgeber, bei dem sich Kehrer outete. IBM hat ein umfassendes Diversity- (also Vielfalts-)Management. Dessen Leitgedanke ist es, dass Anders-Sein dem Unternehmen Vorteile bringen kann, was Geschlecht, Alter, Herkunft, Religion, Behinderung und sexuelle Orientierung angeht. Es sei einfach nur anstrengend, ständig aufzupassen, was man wem offen sagen könne, sagt Kehrer auch aus eigener Erfahrung. „Wer weiß, dass er auch als Homosexueller bei seinem Arbeitgeber uneingeschränkt akzeptiert wird, kann seine ganze Energie auf die Arbeit verwenden, ist produktiver, motivierter und weniger krank.“
Der 40-Jährige jedenfalls fühlt sich tatsächlich viel freier, seitdem er das selbst auferlegte Schweigen durchbrochen hat. „Ich identifiziere mich nicht über mein Schwulsein, aber ich möchte es auch nicht verstecken müssen.“ Pauschal würde er aber nicht jedem Homosexuellen raten, sich wie er im Job zu outen, noch nicht. Es sei zwar leichter als vor zehn, zwanzig Jahren, diesen Schritt zu wagen. „Aber ich spreche längst noch nicht von einer heilen Welt.“
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