Mit 18 träumen Jugendliche vielleicht von der eigenen Wohnung oder gar einem eigenen Haus - aber von der Verwirklichung dieses Traums sind sie in diesem Alter meistens noch weit entfernt. Anders Wolfgang Egger: "Ich habe mein erstes privates Haus schon in sehr jungen Jahren gebaut", sagt der Chef der Augsburger Patrizia Immobilien AG. Im Gegensatz zu vielen anderen Häuslebauern hat Wolfgang Egger sein Eigenheim aber schon bald wieder verkauft. Nicht etwa, weil er eine Immobilie als Belastung empfunden hätte. Nein - den Erlös hat er gleich wieder investiert, in ein Grundstück und eine Eigentumswohnung. Und dabei war ihm auch klar geworden, wo seine Berufung liegt: im Immobiliengeschäft.

Von unserem Redaktionsmitglied Klaus Köhler, Augsburg
Davor war Wolfgang Egger beruflich auf einem ganz anderen Weg. Zahntechniker hatte er gelernt. Doch in den Ferien hatte er schon immer auf dem Bau gearbeitet. "Ich habe im Grunde das Immobiliengeschäft von der Pike auf gelernt", sagt er nicht ohne Stolz. Und schon früh hat er erkannt, dass in Grundstücken und Gebäuden weit mehr Potenzial steckt, als viele Unternehmen hierzulande daraus machen. Während im angelsächsischen Raum Immobilien von großen Unternehmen profitabel gemanagt werden, fällt Egger zum deutschen Markt eher das Wort "verschlafen" ein, auch wenn es heute professioneller zugehe. Dabei muss das Geschäft mit Immobilien nach seiner Ansicht wie ein industrieller Betrieb organisiert werden, mit Marktforschung, Entwicklung, Produktion, Lagerhaltung und Vertrieb. Und genauso hat er seine Patrizia Immobilien AG aufgestellt, mit selbstständig handelnden Gesellschaften unter einem gemeinsamen Dach. Die Holding sieht er als reinen Dienstleister, die operativen Entscheidungen werden bei den einzelnen Töchtern getroffen und auch dort verantwortet.
Seine eigene Rolle spielt der mittlerweile 38-Jährige herunter. "In jedem Bereich sitzen Leute, die viel besser sind als ich", sagt er. Diese Leute sind allerdings sorgfältig ausgewählt. "Wir suchen keine Mitarbeiter, sondern Mitdenker", sagt Wolfgang Egger, der auch für sich selbst die Messlatte sehr hoch legt. "Was mich treibt und schon immer getrieben hat, ist, die Dinge zu perfektionieren und dabei Visionen zu haben." Die Umsetzung ist ihm so gut gelungen, dass es mit dem Unternehmen in den vergangenen 20 Jahren stetig aufwärts ging und aus der "Ein-Mann-Firma" inzwischen eine deutschlandweit tätige Gruppe mit Sitz in Augsburg, Hamburg und München sowie mit Niederlassungen in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hannover, Köln und Nürnberg geworden ist. Rund 230 Mitarbeiter zählt die Patrizia mittlerweile. Allein in diesem Jahr sind schon 26 hinzugekommen.
Doch Wachstum und Größe "sind nicht mein Ziel", sagt der Firmenchef. "Wichtiger ist, dass wir Schritt halten mit der Entwicklung des Marktes. Die dazu notwendige Flexibilität haben wir und wollen sie behalten." Ebenso wichtig ist natürlich auch, dass die Kunden mit dem Unternehmen zufrieden sind. Die Kunden und Geschäftspartner, das sind Banken, Versicherungen, kommunale Gesellschaften, die Industrie, private Investoren, Mieter, Kapitalanleger.
Die Tätigkeitsfelder der Patrizia-Firmen sind der An- und Verkauf sowie der Neubau und die Modernisierung von Wohn- und Gewerbeimmobilien, die Wohnungsprivatisierung, Beteiligungen und Gemeinschaftsunternehmen sowie komplette Dienstleistungen rund um die Immobilie. Dazu gehören so alltägliche Tätigkeiten wie Vermietung und Verwaltung, aber auch Marktforschung. Wolfgang Egger: "Wir leisten uns einen Think Tank" - eine Abteilung, die ständig die Entwicklungen des Immobilienmarktes vorauszusehen versucht.
Das Gefühl für den Markt sieht der Patrizia-Chef als einen entscheidenden Faktor im Immobiliengeschäft an. Wichtig beim Bau oder Kauf eines Hauses oder einer Wohnung sind nicht, wie ger gepredigt, die drei Faktoren "Lage, Lage, Lage", sondern "Lage, Timing und Feeling", versichert er. Natürlich müsse sich das Objekt an einem guten Platz befinden, aber es müsse eben auch der richtige Zeitpunkt sein und das Objekt müsse die richtige Ausstrahlung haben.
Beispiel Büro: "Heute ist es sehr wichtig, in welchem Büro man arbeitet." Weil Statussymbole für viele Menschen wichtig sind, ließ die Patrizia beispielsweise in einem Mietobjekt eine "Club Lounge" einrichten, in der sich die Beschäftigten in angenehmer Atmosphäre mit Espresso und anderen Getränken versorgen können. "Das erzeugt einen Mehrwert, der auch eine höhere Miete bringt."
Das richtige Gespür hatten und haben Wolfgang Egger und seine Mannschaft offenbar auch bei Wohnungsprivatisierungen. "Wir gehören zu den Marktführern in diesem Bereich der Dienstleistung", sagt er. "Die Investoren haben endlich verstanden, dass sozial verträgliche Wohnungsprivatisierung kein Lippenbekenntnis sein darf." Gern verweist das Unternehmen auf die hohe Quote von 30 bis 50 Prozent an Mietern, die bei den von Patrizia durchgeführten Privatisierungen ihre Wohnung gekauft haben.
Namhafte Investoren und Versicherungen nutzen die Dienste der Augsburger Immobilienexperten. Auch ausländische Fonds wie der große Pensionsfonds Lonestar aus den USA greifen darauf zurück. Der jüngste größere Auftrag kommt vom deutschen Sparkassenfonds Deka, der Patrizia das Management von fünf Münchner Bürohäusern mit rund 75000 Quadratmetern Mietfläche übertrug.
Auch weiteres Wachstum kann das Immobilienunternehmen, das sich mehrheitlich im Besitz von Wolfgang Egger und im Übrigen im Besitz des Managements befindet, aus eigener Kraft bestreiten. Das Eigenkapital beträgt rund 45 Millionen Euro bei einem Immobilienumsatz von 135 Millionen Euro und einer Bilanzsumme von 246 Millionen Euro. Wie viel dabei an Gewinn bleibt, verrät Wolfgang Egger nicht.
Da spricht der Firmengründer lieber über die von ihm ins Leben gerufene Patrizia Kinderhaus-Stiftung, die mit rund zwei Millionen Euro Stiftungsvermögen ausgestattet ist. Ihr Ziel: Weltweit Kinder und Jugendliche auf den Gebieten Bildung und Ausbildung, Gesundheit und Rehabilitation zu fördern. Als erstes großes Projekt wurde eine Kinder-Isolierstation zur Erweiterung eines Krankenhauses in Tansania errichtet. Das nächste Vorhaben soll ein Kinderhaus mit Modellfunktion in Deutschland sein.
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