Wie konnte es sein, dass eine Elektronikfirma aus Kalifornien die Gegenwart so stark prägt? Zwei neue Bücher beschäftigen sich mit dem Leben von Steve Jobs.


Um Apple zu verstehen, genügt ein Blick in die S-Bahn in München. Eine Szene aus der letzten Woche – zur Stoßzeit. Ein großer Mann im Anzug hat mitten im Gedränge eines der an eine Schiefertafel erinnernden iPads in der Hand und wischt mit dem Zeigefinger über den Tastbildschirm des Kleincomputers, um zu blättern; eine junge Frau hört Musik vom iPhone; ein Leser studiert einen Text in fremder Sprache von einem anderen Apple-Gerät. Apple – überall.
Wie konnte es sein, dass eine Elektronikfirma aus Kalifornien die Gegenwart so stark prägt? Carsten Knop, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen, hat in seinem Buch „Big Apple“ Antworten gesucht. Man müsse nur seine Kinder beobachten, sagt er, die intuitiv auf die Symbole auf dem Bildschirm drücken und mit Tasten und Zahlenblöcken nichts mehr anfangen können. An Apple-Computern lernen Kinder, wie man in einer Stunde elektronisch ein Lied komponiert und dann den begeisterten Omas und Opas schickt. „Apple hat es geschafft, seinen Computern eine Seele zu geben“, schreibt Knop.
Leben in Platinen, Drähte und Gehäuse einzuhauchen, das erscheint bei Knop als das Verdienst von Steve Jobs, der im Oktober im Alter von 56 Jahren im kalifornischen Palo Alto gestorben ist. Knops Collage aus Berichten, Reportagen und Interviews orientiert sich an der Entwicklung der Firma Apple und seiner Produkte. Indirekt erzählt Knop damit – erfrischend nüchtern – das Leben von Steve Jobs.
Da ist Apples Macintosh, der 1984 der Welt auf seinem Bildschirm „hello“ sagt, da ist 1998 der meergrünblaue iMac, mit dem Jobs nach Jahren der Abwesenheit Apple zurück auf die Erfolgsspur setzt. 2001 folgt der iPod, ein tragbarer Musikspieler, 2007 kommt das iPhone, 2010 das iPad. „Niemand wird seine Geschäftspläne auf einem winzigen Bildschirm erledigen wollen“, sagt Microsoft-Pionier Bill Gates im Jahr 2000. Gates irrt sich gewaltig. „Rückblickend wird Jobs die nächsten zehn Jahre der IT sehr viel stärker prägen als der damals noch auf dem Olymp stehende und sehr viel erfolgreichere Gates“, bilanziert Knop.
Wer war Steve Jobs? Walter Isaacson hat sich für die noch von Jobs selbst autorisierte Biografie „Steve Jobs“ auf eine Spurensuche begeben. Entstanden ist ein umfangreiches Bild eines „kreativen Unternehmers“, einer „Ikone des Ideenreichtums und der Phantasie“, aber auch eines Menschen, der zeitweise „von Dämonen beherrscht“ schien und Mitarbeitern offen sagte: „Dieses Design sieht beschissen aus!“
Isaacson skizziert den jungen Steve Jobs als einen Exzentriker, der von seiner deutschstämmigen Mutter Joanne Schieble zur Adoption freigegeben wurde, bei grundehrlichen Adoptiveltern aufwuchs und der sich von der Kirche abwendet, als er auf einem Titelblatt das Foto hungernder Kinder in Biafra sieht. Jobs sucht im Zenbuddhismus Orientierung und entwickelt eine Neigung zu extremen Diäten. Er begnügt sich über Wochen mit Lebensmitteln wie Äpfeln oder Karotten – und ist zum Entsetzen seiner Umwelt überzeugt, dass ein Vegetarier einer Dusche oder eines Deos nicht bedarf. Begeistert von Technik, füllt der junge Jobs im Elektromarkt die Regale auf und entwickelt einen untrüglichen Geschäftssinn. Auf dem College führt er das Leben eines Bohemiens, läuft barfuß über den Campus, hilft in einer Kommune auf einer Apfelplantage bei der Ernte (der Name Apple ist kein Zufall) und besucht Schriftkunst-Kurse, bevor er das Studium abbricht.
Der entscheidende Moment aber, so stellt es Isaacson dar, ist das Zusammentreffen von Steve Jobs und des knapp über vier Jahre älteren Steve Wozniak. „Woz war der erste Mensch, der besser über Elektronik Bescheid wusste als ich“, sagte Jobs später. Zwischen beiden entsteht in der Garagenfirma der ersten Jahre eine feste Arbeitsteilung. „Wozniak würde der liebenswürdige Zauberer sein, der eine coole Erfindung macht, die er gerne auch einfach nur verschenken würde, und Jobs würde herausfinden, wie er sie benutzerfreundlich gestalten, abpacken, vermarkten und ein paar Dollar damit verdienen konnte.“
Der Rest ist Geschichte. Zu beobachten in der S-Bahn in München und überall auf der Welt.
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